Von ANJA KATZMARZIK, 10.10.06, 22:45h, aktualisiert 11.10.06, 11:14h
Mustafa ist König. Dabei ist er erst acht. Konzentriert sitzt der Grundschüler in einem Klassenraum der Gemeinschaftsgrundschule An St. Theresia - und das in den Herbstferien. Aber das ist nicht die einzige „Sensation“. Der türkischstämmige Junge schreibt eigenhändig das „Drehbuch“ für seine Rolle in einem Theaterstück - obwohl er Schreiben eigentlich nicht mag. Mustafa gehört zu 31 Kindern aus drei Grundschulen, die an einem neuartigen Sprach-Camp teilnehmen.
Rot ist die türkische Flagge, gelb ist Deutschland. Die Kinder begeben sich als „Königinnen“ und „Könige“ auf einer Reise durch ein „Land der Farben“, sammeln Wörter zu Farben, assoziieren Farben zu Musik, malen Bilder, phantasieren und schreiben Geschichten. Daraus entsteht - wie ein Puzzle - ein Bühnenprogramm. Klassen, Geschlechter und Herkunft übergreifend. Mit eigenem „Farborchester“, Künstler- und Bewegungsgruppe. Und plötzlich dichten Kinder, die keine Gedichte kennen - nicht perfekt, aber perfekt motiviert. Und zwischen den Proben gibt es vor allem eins: Bewegung mit Toben und Jonglage.
Dazu führen sie Tagebuch und lesen in der „Autorengruppe“ daraus vor - auf einem Thron sitzend, strahlend über das ganze Gesicht. Fehler werden nicht getadelt. Lehramtsstudentin Maren Bennemann: „Wir gehen hier nicht mit dem Rotstift dran. Das ist ja total demotivierend. Und es ist erwiesen, dass sich Fehlschreibung so nicht einprägt.“ Oder wie es ihre Dozentin Lotte Weinrich ausdrückt: „Wir sind ein fehlerfreundlicher Trupp.“ Gelernt wird anders - etwa über eine Wort-Schatzkiste, in der jedes Kind schwierige Worte sammelt. Oder indem sich die „Autoren“ gegenseitig korrigieren. Sprachkompetenz wird „nebenbei“ erworben - beim Spülen nach dem Mittagessen, im Gespräch oder dem beiläufigen Ausfüllen eines Versuchsbogens für Farbmisch-Experimente.
Gelernt haben die angehenden Lehrerinnen das bei Dozentin Lotte Weinrich am Seminar für Deutsche Sprache an der Universität. Zudem wurden sie in von Maria Gorius vom Verein ConAction e. V. in Theaterpädagogik geschult. Dritter Partner ist das Kompetenzzentrum Sprachförderung. Dessen Leiter Detlef Heints schwört auf das Modellprojekt, das überwiegend von der Landesregierung gefördert wird: „Das ist ein Glücksfall. Wir werden eine DVD erstellen, die auch künftigen Studierenden hilft. Das werden ganz andere Lehrer. Das kostet aber auch Geld. Da muss man was machen.“ Mustafas Mutter muss er nicht mehr überzeugen. Sie fiel den Lehrerinnen in spe schon nach den ersten Tagen vor Glück in die Arme. „Was haben Sie mit meinem Sohn gemacht?“ Der Junge würde plötzlich zu Hause lesen und schreiben.
„Die Königinnen und Könige der Farben“ wird am 13. Oktober um 16 Uhr in der Grundschule An St. Theresia in Buchheim gezeigt.
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