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Jetzt können die Zuschauer entscheiden

Erstellt 28.09.06, 11:48h, aktualisiert 28.09.06, 12:04h

Aus Gründen des Jugendschutzes verlegte die ARD den Fernsehfilm "Wut" ins Spätprogramm. Nun können die Zuschauer bei der Ausstrahlung ihr eigenes Urteil fällen. Im Anschluss strahlt die ARD eine Diskussionsrunde aus.

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Hamburg - Schon lange nicht mehr hat ein Fernsehfilm im Vorfeld seiner Ausstrahlung für so viel Konfliktstoff gesorgt wie "Wut". Auslöser war die mehrheitliche Entscheidung der ARD-Intendanten am vergangenen Freitag, das Drama aus Gründen des Jugendschutzes von Mittwoch um 20.15 Uhr auf diesen Freitag um 22 Uhr zu verschieben. Jetzt kann sich der Zuschauer sein eigenes Bild über das Stück machen, das Gewalt unter Jugendlichen thematisiert. Im Anschluss daran strahlt die ARD eine Diskussionsveranstaltung mit Experten aus.

Hauptfigur von "Wut" ist Felix (Robert Höller), der aus einer typischen Mittelstandsfamilie stammt. Er hat Ärger mit dem türkischen Mitschüler Can (Oktay Özdemir), dessen Bande ihn seiner neuen Turnschuhe beraubt hat. Sein Vater Simon (August Zirner) ist Literaturprofessor, seine Mutter Christa (Corinna Harfouch) Immobilienmaklerin. Felix genießt ein Leben in Liebe, Bildung und Wohlstand, für die musische Vervollkommnung sorgt der Cello-Unterricht. Ihm gegenüber steht Can, Kind türkischer Immigranten, der aus Neid und Hass den Mitschüler abzockt.

Vater Laub versucht Can mit friedlichen Mitteln zum Aufhören zu bewegen. Sein Versuch bleibt erfolglos, stattdessen nimmt die Konfrontation zu. Der vermeintlich liberale und tolerante Vater Simon Laub gerät in einen Strudel nicht zu beherrschender Wut. Wer hier auf wen wütend ist, wird im Laufe des Films immer schwieriger zu beantworten. Es folgt Rache auf Rache. Regie führte der deutsch-türkische Regisseur Züli Aladag ("Elefantenherz"), der die Gefühle und den Kontrollverlust auf beiden Seiten authentisch erzählt, in den Augen einiger ARD-Intendanten möglicherweise zu authentisch.

Aus Gründen des Jugendschutzes habe es keine andere Möglichkeit gegeben, als den Sendetermin von 20.15 Uhr auf 22.00 Uhr zu verschieben, nachdem die Jugendschutzbeauftragten einer früheren Ausstrahlung widersprochen hätten, sagt der ARD-Vorsitzende Thomas Gruber. Gruber nennt es "müßig", der ARD "fragwürdige Motive für diese Entscheidung zu unterstellen". Die ARD sei gebunden an den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag sowie an weitere ARD-weit gültige Richtlinien und Kriterien zum Jugendschutz. "Einhaltung des Jugendschutzes ist kein Zeichen für mangelnde Courage, sondern die selbstverständliche Pflicht eines jeden ARD-Intendanten."

Gruber handelte sich den Protest von Fritz Pleitgen, dem Intendanten des für den Film verantwortlichen Westdeutschen Rundfunks (WDR) ein. "Ich bin über die Entscheidung mehr als bekümmert, ich bin zornig", sagte Pleitgen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Dies sei ein Film für junge Menschen. Der Film zeige eine Realität, wie sie vielen Kindern und Jugendlichen begegne, die aber die Erwachsenen nicht wahrhaben wollten. Regisseur Aladag nennt die Verschiebung "schade und bedauerlich". Jugendliche Zuschauer hätten die Gewaltdarstellung ausgehalten. Einige Medien hätten die Gewaltszenen dramatisiert.

Hauptdarsteller Oktay Özdemir meint: "Wir wollten niemanden provozieren. Wir wollten zeigen, was mal gezeigt werden musste." "Wut" bedürfe eines aufgeklärten Publikums, sagt Autor Max Eipp. "Ich glaube aber auch, dass wir im Fernsehen viel zu ängstlich sind, nicht politisch korrekt zu sein." Der zuständige WDR-Redakteur Arnd Henze ergänzt, dass die Diskussion bewiesen habe, dass Gewalt im Alltag der Jugendlichen ein großes Gewicht habe. Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) sieht die angeregte Debatte als "hilfreich" an. Wichtig sei es, insbesondere ausländischen Jugendlichen von früher Kindheit an Halt zu geben und eine Perspektive zu bieten, etwa durch frühzeitigen Deutsch-Unterricht.

Laschet gehört auch den den Diskussionsteilnehmern im Anschluss an den Film. Außerdem dabei sind der Kriminologe Christian Pfeiffer, der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann und Hüseyin Cansay, Leiter eines Kölner Jugendtreffs. (Schmetkamp/Rave/dpa)



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