Von HARALD MAASS, 29.09.06, 07:00h
Peking - Wenn er nicht gerade Lebensläufe über das Internet verschickt, spielt Bai Anwei Computerspiele. Der 22-Jährige lebt mit zwei Studienfreunden im 8. Stockwerk eines Hochhauses im Süden von Peking. Vor einem Monat hat er sein Englisch-Studium an der Pekinger Fremdsprachen- und Kulturuniversität absolviert. Und eigentlich sollte er längst in einer Firma arbeiten und Geld verdienen. Doch Bai, ein schmaler Typ mit schwarzer Intellektuellenbrille, findet keine Stelle. „Ich habe mehr als 50 Bewerbungen verschickt, aber kaum eine Antwort bekommen“, sagt Bai.
Vielen Absolventen in China geht es ähnlich. Trotz der boomenden Wirtschaft tun sie sich schwer, eine Anstellung zu finden. Die staatlichen Zeitungen berichten über Akademiker wie Zhou Long, der an einer Universität im Südwesten ein Jurastudium absolvierte und nun in einem Supermarkt in Chongqing als Metzger arbeitet. „Ich hätte während meiner Studien nie erwartet, dass ich einmal Schweinefleisch im Supermarkt verkaufen werde“, sagt der 24-Jährige. Ein anderer Student arbeitet als Lagerarbeiter in einer Schuhfabrik im südlichen Guangdong, weil er keinen andere Stelle fand. Eine Gruppe von 32 Uni-Absolventinnen aus der ärmlichen Provinz Guangxi startete vor Kurzem einen Kurs als Putzfrauen, um später für wohlhabende Familien zu arbeiten, wie „China Daily“ berichtet.
China erlebt einen Bildungsboom. Die Pekinger Regierung investierte Milliarden von Euro in den Ausbau der Hochschulen. Die alten Prestigeuniversitäten wie die Peking Universität oder die Tsinghua, die unter Maos Herrschaft vor sich hinschliefen, wurden modernisiert. Ausländische Professoren und Chinesen, die im Ausland eine wissenschaftliche Karriere gemacht hatten, wurden für hohe Gehälter angeworben. Es entstanden Hunderte neue Studiengänge, Kollegs und Fachhochschulen im Land. Und auch die Zahl der Studenten, die sich über einen nationalen Test qualifizieren müssen, wuchs von Jahr zu Jahr: 4,1 Millionen junge Männer und Frauen verlassen dieses Jahr mit einem Abschluss die Universitäten - 750 000 mehr als im vergangenen Jahr und fünfmal so viele wie 1999.
Obwohl Chinas Wirtschaft im ersten Halbjahr um knapp elf Prozent wuchs, gibt es für die jungen Akademiker nicht genug Jobs - zumindest keine, die deren Ansprüchen genügen. Mehr als 100 000 Studenten drängten sich vergangenen November um eine Jobbörse in Nanjing, um einen der dort angebotenen 2500 Stellen zu ergattern. Westliche Großfirmen wie Coca Cola, Nokia oder Volkswagen bekommen auf ihre Stellenangebote regelmäßig Tausende Bewerbungen.
Einem Bericht der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission zufolge haben 60 Prozent der diesjährigen Absolventen Schwierigkeiten, eine feste Anstellung zu finden. Und das, obwohl die jungen Jobsuchenden bereit sind, für sehr viel niedrigere Gehälter zu arbeiten als frühere Jahrgänge. „Die meisten meiner Freunde verdienen nur 1200 bis 1500 Yuan“, sagt Bai Anwei. Umgerechnet sind das 120 bis 150 Euro, kaum genug um in Peking zu leben. Die 50 Quadratmeter-Wohnung, die sich Bai mit zwei anderen Absolventen teilt, kostet umgerechnet 135 Euro Miete im Monat. Wenn die jungen Männer abends in den schicken Bars am Ufer des Houhai-Sees ausgehen, kostet ein Bier 1,50 Euro.
„Viele meiner Freunde, auch wenn sie einen Job gefunden haben, werden jeden Monat von ihren Eltern unterstützt“, sagt Bai, dessen Familie in der Inneren Mongolei lebt. Überhaupt ist der Einfluss der Eltern in China groß. Sie entscheiden in der Regel nicht nur, was der erwachsene Sohn oder die Tochter studiert, sondern „begleiten ihn zur Schule, füllen die Formulare für ihn aus und putzen das Wohnheimzimmer“, schreibt der Kommentator Liu Shinan. Bei der Wahl des Studiums geht es deshalb oft mehr um künftige Gehälter und Prestige als um die Interessen des Sprösslings. Beliebt sind Wirtschaftsfächer. Kommendes Jahr werden 100 000 Absolventen der Betriebswirtschaftslehre auf den chinesischen Arbeitsmarkt strömen.
Ein Studienabschluss - vor allem von den Prestigeuniversitäten in Peking - war in China bisher der sicherste Weg zu Karriere und Regierungsposten. Die Absolventen konnten sich die besten Jobs aussuchen und wurden meist direkt nach der Uni abgeworben. Mittlerweile hat sich die Situation umgedreht. Die Einstiegsgehälter für Akademiker sind oft nicht höher als die eines Fabrikarbeiters. In manchen Firmen ist es üblich, dass Berufseinsteiger das erste Jahr völlig umsonst arbeiten.
„Die meisten Studenten wollen nicht im Hinterland arbeiten, dabei gibt es dort die meisten Chancen auf einen Arbeitsplatz“, sagt der Arbeitsmarktexperte Yue Changjun von der Peking Universität. Vor allem Peking und Schanghai sind bei den Jobsuchenden beliebt.
Für Bai Anwei ist eine Karriere nicht so wichtig. „Ich würde gerne Schriftsteller werden“, sagt er. Doch statt einer Stelle in einem Verlag oder bei einer Zeitung bekam er nur Jobs als Versicherungsvertreter angeboten, ohne ein festes Gehalt. „Wenn ich keine gute Arbeit finde, werde ich vielleicht weiterstudieren und einen Master machen“, sagt Bai. Entscheiden werden das seine Eltern.
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