Erstellt 03.10.06, 10:47h, aktualisiert 03.10.06, 10:48h
Der Wald, in denen die BaAka traditionell mit Netzen jagen, ist ein Teil des zweitgrößten Regenwaldgebiets der Welt. Er gehört mit seinen Gorillas, Schimpansen, Bongo-Antilopen, Leoparden und Elefanten ebenso wie die berühmte Serengeti zum Tafelsilber des afrikanischen Naturerbes. Auf den hier häufigen Lichtungen – in der Sprache der BaAka Bai genannt – sind die eigentlich verborgen lebenden Waldtiere sichtbar wie an keinem zweiten Ort der Welt.
Dass sich überhaupt Touristen in diesen abgelegenen Teil Afrikas verlaufen, haben die Umweltstiftung WWF und die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) zu verantworten. Beide engagieren sich seit Beginn der neunziger Jahre im Dzanga-Sangha-Schutzgebiet, das im Südwesten der Zentralafrikanischen Republik an der Grenze zu Kamerun liegt. Ihr fernes Ziel: Wald und Wild zu schützen und zugleich den Einheimischen, den BaAka und den zugezogenen Sangha, eine Perspektive ohne Wilderei und Holzeinschlag zu bieten.
Der damalige GTZ-Projektleiter hat 1996 in Bayanga die Holzhäuser der "Doli-Lodge" am Ostufer des Sangha-Flusses errichten lassen. Als Fotomodelle sollen Elefanten, Gorilas und Co. nun Devisen bringen und das Überleben finanzieren: "Wir wollen die Leute überzeugen, dass Naturschutz sich lohnt", sagt Erica Cochrane, die seit Dezember 2005 das WWF-Projekt leitet. Eine Stiftung unterstützt das Vorhaben.
Auf der größten Lichtung des Reservats, der Dzanga-Bai, versammeln sich jeden Nachmittag die Waldelefanten. Von einer Aussichtsplattform aus sind sie gut zu beobachten: Waldelefanten sind eine eigene Art. Sie sind deutlich kleiner als ihre Verwandten in den Savannen. Ihre gelben Stoßzähne wachsen fast senkrecht und stehen weniger stark ab – Anpassungen an den Wald. Im lehmigen Boden der Lichtung finden die Dickhäuter Mineralsalze, mit denen sie die Gifte ihrer Blätternahrung neutralisieren können.
Der Platz vor der Plattform gleicht einer Naturbühne. Im Laufe des Nachmittags finden sich immer mehr Darsteller ein. Die Stücke, die gegeben werden, bieten Einblicke in das Leben der Elefanten. Um 13.00 Uhr sind bereits 3 Dickhäuter zu sehen, zwei Stunden später sind es schon 20 – hauptsächlich Kühe mit Kälbern. Rotbraune Büffel kommen, um sich im Schlamm zu kühlen. Auch ein dreibeiniges Pinselohrschwein wühlt im Dreck. Das fehlende Bein hat es wahrscheinlich verloren, als es in eine Drahtschlinge von Wilderern geriet. Sitatunga-Antilopen grasen am anderen Ende der Lichtung. Graupapageien landen mit Geschnatter im Wipfel eines Riesenbaums, der das Kronendach überragt.
Im warmen Licht des Spätnachmittags wird die Elefantengruppe von einem aggressiven Jungbullen auseinander getrieben. Er schüttelt den Rüssel, trompetet und sucht offensichtlich Streit. Dann scheucht er die Büffel und das dreibeinige Schwein auf. Als ein ausgewachsener großer Elefantenbulle die Szenerie betritt, macht er sich jedoch aus dem Staub. Mit Einbruch der Dämmerung geht es für die Beobachter zurück zur Lodge. Im Dunkeln durch den Wald zu laufen, wäre zu gefährlich. Auf der Lichtung stehen jetzt mehr als 100 Elefanten.
Weniger sichtbar sind die anderen Stars der Truppe: die Gorillas. Rund 3500 Westliche Flachlandgorillas leben im Schutzgebiet. Sie sind stark von Wilderei bedroht. Von den durch die Forscherin Diane Fossey berühmt gewordenen "Gorillas im Nebel" - den Berggorillas in Uganda, Ruanda und im Kongo - unterscheiden sie sich durch ihr kürzeres und bräunlicheres Fell. Bai Hokou ist der einzige Platz der Welt, an dem diese scheuen Menschenaffen in der Wildnis beobachtet werden können.
Möglich macht dies die Vorarbeit von Cloé Chipoletta. Die italienische Biologin arbeitet seit 1998 mit ihrem Team aus Studenten und BaAka-Fährtenlesern daran, Gorillagruppen an die Gegenwart von Besuchern zu gewöhnen. Bis sie Touristen ohne Risiko zu einer Gruppe nehmen kann, dauert es drei bis vier Jahre - eine lange Zeit, in denen die Gorillas jeden Tag gesucht werden müssen. "Anfangs flüchten sie, später wehren sie sich, schließlich werden sie gleichgültig", fasst Chipoletta die Entwicklung einer solchen Annäherung zusammen.
Von Bai Hokou aus, einem im Regenwald versteckten Camp, geht es im ersten Morgenlicht auf die Suche nach den Gorillas. Nach fünf Stunden Laufen, Kriechen, Ducken und Verharren, wenn Elefanten in der Nähe sind, ist die Gorillagruppe nicht mehr fern. Ihre Zeichen – Abdrucke der Hände und Füße im Boden und umgeknickte Äste – sind frisch.
Cloé Chipoletta und die BaAka schnalzen jetzt mit den Zungen - für die intelligenten Affen das Zeichen, dass die Gruppe aus den friedfertigen Gestalten besteht, die täglich vorbeischauen. Und dann sind sie da, nur zehn Meter entfernt, aber durch das Dickicht kaum zu sehen. Es sind Mai und Essekerendere, die Jugendlichen; Mio, Silo und Kunga, die Kleinen; und Mopambi und Bombe, die Mütter. Sie sitzen auf dem Boden, züngeln Blätter von abgerissenen Ästen und blicken ab und zu in die Richtung der Touristen. Schließlich taucht der Chef auf: Makumba, der Silberrücken, knapp 200 Kilogramm pure Kraft. Er frisst und schaut friedlich. Dann springt er auf und jagt davon. In schneller Folge hallen harte, dumpfe Trommelschläge durch den Wald. Jetzt ist allen klar, wer hier die Regeln bestimmt.
Tierfilmer- und Fotografen wissen diese Vorarbeit des Projektes zu schätzen und sind regelmäßige Gäste im Schutzgebiet. Bei den Gorillas dreht gerade ein französisches Kamerateam, in Dzanga-Bai filmen zwei Männer der britischen BBC die Elefanten. Die Zahl der Touristen hält sich dagegen noch in Grenzen: Mehr als 200 bis 300 seien es pro Jahr nicht, sagt Joshua N. Osih, der Pächter der "Doli-Lodge".
Die "Doli-Lodge" in Bayanga ist ein isolierter Außenposten des Afrika-Tourismus. Sie liegt wie eine abgelegene Insel im Regenwald, umgeben von Krisenländern und selbst Teil eines solchen. In der Zentralafrikanischen Republik steht Fremdenverkehr eigentlich auf verlorenem Posten: Die meisten Menschen können hier nicht lesen und schreiben und sind - laut Statistik - im Alter von 40 Jahren tot.
Wegen der Risiken rät das Auswärtige Amt von Reisen in die Zentralafrikanischen Republik ab. Ausgenommen von der Empfehlung sind nur die Hauptstadt Bangui sowie das Dzanga-Sangha-Schutzgebiet. Fast alle internationalen Gäste - die meisten sind aus den USA - reisen aus Kamerun an, neun von zehn per Kleinflugzeug. "Je weniger durch die Zentralafrikanische Republik kommen, desto besser", sagt Osih.
"Dzanga-Sangha ist etwas für Afrika-Liebhaber, nichts für Einsteiger", stellt Praveen Moman klar. Der indischstämmige Mann ist Chef eines in Uganda ansässigen Reiseunternehmens, das sich auf Gorilla- und Schimpansen-Touren spezialisiert hat. Er ist gerade an den Sangha-Fluss gekommen, um die Lodge unter die Lupe zu nehmen.
Es gibt in Ost- und Südafrika Hunderte von Orten, die einfacher und billiger zu erreichen sind. Es sind Orte, die dem durch Filme wie "Jenseits von Afrika" geprägten Suchbild besser entsprechen; die Fünf-Sterne-Luxus im Safarizelt bieten und Löwen, Nashörner und viel größere Elefanten im Vorbeifahren servieren. Mehr als ein Nischenprodukt auf dem globalen Reisemarkt wird Dzanga-Sangha deshalb kaum werden. Aber vielleicht reicht das schon, um den BaAka und Sangha ein Auskommen zu geben und die Zukunft dieses Lebensraumes zu sichern.
(dpa)
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