Von Rainer Braun, 11.10.06, 20:17h, aktualisiert 11.10.06, 22:50h
Die ARD verlängert den Vertrag mit dem umstrittenen Sportkoordinator Hagen Boßdorf nicht. Das bestätigte ARD-Sprecher Tassilo Forchheimer dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf Anfrage. Ein entsprechendes Vertragsangebot, auf das sich die ARD-Intendanten auf ihrer letzten Sitzung in Schwerin geeinigt hatten, wird zurückgezogen. Anlass für diese Entscheidung sind Verstöße Boßdorfs gegen die Werberichtlinien des Senderverbunds.
Der Sportkoordinator hatte das Konzept einer Agentur eingebracht, das im Werberahmenprogramm für den „Becel Deutschland Walk“ warb. Noch offen ist allerdings, ob Boßdorf seinen derzeitigen Vertrag als Sportkoordinator, der bis März 2007 läuft, erfüllt. ARD-Sprecher Forchheimer bestätigte, dass diesbezügliche juristische Bewertungen seitens der ARD noch nicht abgeschlossen seien. Beanstandet wurden von der im Zuge der Bavaria-Affäre neu eingerichteten Programmbeobachtungsstelle der ARD insgesamt elf Beiträge.
Eingehende Prüfung
Ausgestrahlt wurden die jeweils knapp zweimütigen Spots, die offiziell für Nordic Walking und den Nahrungsmittelhersteller warben, im September im Nachmittagsprogramm des Ersten. Nach eingehender Prüfung sind die ARD-Juristen zu dem Schluss gekommen, dass damit verbotenes Themenplacement verbunden war.
Im Einzelnen sah das redaktionelle Konzept der Werbeagentur vor, „markenrelevante Themen im Umfeld des Produkts Becel wie Gesundheit, Ernährung, Cholesterin und Herz / Kreislauf“ in den Beiträgen zu vermitteln. Boßdorf wird vorgeworfen, dass er das Angebot der Agentur nicht ignoriert, sondern weitergeleitet habe. Geld ist nach dem derzeitigen Sachstand nicht an die ARD geflossen, erklärte Forchheimer. Unbestritten dürfte allerdings sein, dass in weiten Teilen der ARD die jetzige Entscheidung der Intendanten mit Erleichterung und Genugtuung aufgenommen wird.
Zu einer massiven Belastung für den Senderverbund war Boßdorf schon lange geworden. Vorwürfe gegen seine Verbindungen zur Staatssicherheit sind notorisch und derzeit auch noch Gegenstand staatsanwaltlicher Vorermittlungen in Hamburg. Der Ausgang dieses Verfahrens war ohnehin mit einiger Spannung erwartet worden, da Boßdorfs Vertragsverlängerung im Falle einer Verurteilung wegen einer falschen eidesstattlichen Versicherung nichtig geworden wäre.
Ins Gerede gekommen war Boßdorf freilich auch, weil er in der jüngsten Vergangenheit immer wieder gegen die Gebote journalistischer Unabhängigkeit verstoßen hatte. So hatte er selbst eine Biografie über Jan Ullrich („Ganz oder gar nicht“) verfasst, die im Jahr 2004 erschien. Ein Jahr zuvor hatte er gemeinsam mit dem damaligen Sportchef des Saarländischen Rundfunks, Werner Zimmer, im Auftrag der ARD jene skandalösen Verträge mit Ullrich ausgehandelt, die dem Radfahrer pro Jahr ein zusätzliches Salär von über 200 000 Euro von der ARD einbrachten.
Auch mit der Unterscheidung von Werbung und Journalismus nahm es Boßdorf nie besonders genau. Im Auftrag der Telekom moderierte er eine Veranstaltung, nachdem die ARD bereits einen Vertrag mit dem Rennstall des Unternehmens unterzeichnet hatte. Die fehlende Trennschärfe zwischen Journalismus und Werbung bei einer Biathlon-Veranstaltung führte schließlich dazu, dass der Norddeutsche Rundfunk den Vertrag mit Boßdorf als künftigem Sportchef des Senders wieder zurücknahm. Boßdorf ließ sich davon nicht beeindrucken und klagte mit seinem Anwalt Peter-Michael Diestel.
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