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Chinesen können Chinesen nicht verstehen

Von HARALD MAASS, 18.10.06, 06:57h

Das "Reich der Mitte" hat immense Kommunikationsprobleme. Nur die Hälfte der 1,3-Milliarden-Bevölkerung versteht Mandarin, die chinesische Hochsprache. Aber es gibt mindestens 80 Sprachen und Dialekte im Land.

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Verständigung in China läuft oft nur noch über Schrift - diese ist im ganzen Land gleich, ganz im Gegensatz zu den verschiedenen Dialekten.
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Verständigung in China läuft oft nur noch über Schrift - diese ist im ganzen Land gleich, ganz im Gegensatz zu den verschiedenen Dialekten.

Peking - Reisende in China kennen dieses Gefühl der Hilflosigkeit: Sie verstehen kein Wort von dem, was die Chinesen ihnen sagen. Und die Schriftzeichen erscheinen unentschlüsselbar. Kaum eine Sprache ist Europäern so fremd wie Chinesisch. Allerdings: Den Chinesen geht es kaum besser. Fast die Hälfte der Menschen in der Volksrepublik kann kein Mandarin. Einer landesweiten Untersuchung von 2004 zufolge beherrschten nur 53 Prozent der Bürger Hochchinesisch. Der Rest der 1,3 Milliarden Bewohner des Riesenreichs kann sich nur in lokalen Dialekten verständigen - und die weichen erheblich voneinander ab. So verstehen die Bewohner der Küstenstadt Fuzhou (Provinz Fujian) nur wenig von dem, was die Menschen in Xiamen sagen - dabei liegen die beiden Städte nur 400 Kilometer auseinander. Ähnlich geht es Pekingern, wenn sie nach Schanghai oder Guangzhou (Kanton) reisen und den örtlichen Dialekt hören. Die Aussprache klingt derart anders, dass sie nichts verstehen.

Zwar beherrschen die meisten Stadtbewohner heute „Putonghua“, wie das standardisierte Hochchinesisch genannt wird. Auf dem Land, in den Provinzen der Minderheiten und vor allem in ärmeren Gebieten, wo viele Bauern ihre Kinder nicht oder nur ein paar Jahre zur Schule schicken, können viele jedoch nur ihren Heimatdialekt. Mindestens 80 Sprachen und Dialekte gebe es in China, sagt Yuan Zhongrui, der die Hauptabteilung für Chinesische Sprache und Schrift im Bildungsministerium leitet und dessen Aufgabe es ist, die Verwendung von Hochchinesisch zu fördern. „Ohne eine gemeinsame Sprache können die Menschen nicht miteinander kommunizieren. Das ist ein Hindernis in Chinas sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung geworden.“

Putonghua wurde 1956 unter Mao Tse-tung als Standardsprache eingeführt und basiert auf dem Pekinger und dem Dialekt der Nordchinesen. Seitdem darf auf öffentlichen Veranstaltungen, in den Schulen, im Fernsehen und im Radio nur noch Hochchinesisch gesprochen werden. Um den Chinesen den Zugang zur Schrift zu erleichtern, führte Mao auch eine vereinfachte Schrift ein.

Doch auch mit der Hochsprache kommt es oft zu Verständigungsproblemen. Wenn Chinesen aus unterschiedlichen Landesteilen miteinander Hochchinesisch reden, sind Missverständnisse deshalb programmiert. Schwierig sind manche Zahlen - „si“ (vier) klingt in manchen Dialekten so ähnlich wie „shi“ (zehn). Gefährlich für Sprachstudenten ist der Satz „Qing wen ni yi xia“ („Ich habe eine Frage“). Falsch betont heißt das: „Darf ich Sie küssen?“ Wenn gar nichts mehr hilft, nehmen die Chinesen deshalb die Hände. Mit dem Finger malt man das zugehörige Zeichen auf den Tisch oder auf die Innenfläche der Hand. Geschrieben wird in China zum Glück überall gleich.



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