Von BIRGIT LEHMANN, 21.10.06, 07:12h
Hürth / Rhein-Erft-Kreis - Seit 26 Jahren ist Martin Göller Schornsteinfeger: „Es war Liebe auf den ersten Blick. Nach dem Praktikum wusste ich gleich, das ist dein Beruf“, schwärmte der 41 Jahre alte Pulheimer am Freitag von seinem Job, der ihm nicht nur viel frische Luft, jede Menge Kontakt zu Menschen und auch das Gefühl vermittle, etwas für die Umwelt zu tun. Auch vom Dach gefallen sei er noch nie, „schließlich“, sagt der Glücksbringer von Berufs wegen, „bin ich ja ausgebildet worden.“
Was Göller und seinen bundesweit rund 17 000 Berufskollegen derzeit vielmehr ein mulmiges Gefühl verschafft, ist nicht die Aussicht von hohen Dächern, sondern ein Blick auf die EU-Kommission. Das sperrige Wort von dem „EU-Vertragsverletzungsverfahren“ machte bei 200 Schornsteinfegern, die in Hürth zu einer zweitägigen Verbandstagung ins Ramada-Hotel zusammengekommen waren, die Runde. Die Männer und Frauen in den schwarzen Anzügen fürchten um ihr Monopol - und damit um ihre Einnahmen. Nach dem bundesweit einheitlich geltenden Schornsteinfegergesetz haben sie so gut wie keine Konkurrenz, schon gar nicht aus dem Ausland. Die Landesregierung verteilt die Kehrbezirke an die einzelnen Bezirksmeister, sprich Schornsteinfeger. „35 gibt es davon im Rhein-Erft-Kreis, wobei jeder Schornsteinfegermeister in der Regel noch einen Gesellen hat“, sagte Göller, der seit Jahren die Kamine in Kerpen fegt und zugleich auch Vorsitzender des Landesverbands Nordrhein-Westfalen ist.
Als Bedingung für die Zuteilung eines Kehrbezirkes sei Wohnortnähe festgeschrieben. Daran wolle der Zentralverband deutscher Schornsteinfeger auch festhalten, erklärte Pressesprecher Johannes Töx, doch die Wettbewerbshüter der EU-Kommission seien da anderer Auffassung. Die Schornsteinfeger sind auf der Hut.
In anderer Hinsicht ging der Appell am Freitag in Richtung Bundesregierung, aufs Tempo zu drücken.
Energiepass
„Wir warten auf die Einführung des Energiepasses“, sagte Töx. Im Rahmen der Novellierung der Energiesparverordnung soll künftig jeder Besitzer einer Immobilie nachweisen, wie hoch der Energieverbrauch für sein Haus ist. Derjenige, der diesen Energiepass ausstellt, sei der Schornsteinfeger, der zugleich ja auch die Qualifikation des Energieberaters habe, so Christian Beyerstedt vom Zentralverband. Rund 150 bis 200 Euro soll so ein Energiepass kosten.
Überhaupt verzeichne das Handwerk in den vergangenen Jahren wieder einen Richtungswechsel. Nachdem in der Vergangenheit immer seltener der kräftige Arm beim Kehren am Kamin als vielmehr technischer Sachverstand beim Messen der Heizungsanlage im Keller gefragt war, müsse er angesichts steigender Gas- und Ölpreise in jüngster Zeit wieder häufiger aufs Dach hinaus, betonte Göller: „Der Trend geht wieder zum Heizen mit Feststoffen“, sprich Holz und Kohle, und auch der behagliche Kamin im Wohnzimmer, der zunehmend in Mode gekommen sei, will regelmäßig gereinigt werden. Grundsätzlich mache er sich deshalb um seine Zukunft keine Sorgen. Rund 2500 Kamine habe er im Jahr in seinem Bezirk zu kehren und auch Bewerber für die dreijährige Ausbildung gebe es genug. Göller: „Wir bilden nach Bedarf aus.“
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