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„Die Arbeiterkultur wach küssen“

Erstellt 25.10.06, 07:15h

In Köln wächst die Armut - und die Kritik daran, dass ganze Bevölkerungsgruppen ins soziale Abseits gestellt werden. Pfarrer Franz Meurer fordert Ideen zur gesellschaftlichen Beteiligung.

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Pfarrer Franz Meurer wurde 2002 zu Kölns erstem "alternativen Ehrenbürger" ernannt.
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Pfarrer Franz Meurer wurde 2002 zu Kölns erstem "alternativen Ehrenbürger" ernannt.
Pfarrer Franz Meurer fordert Ideen zur gesellschaftlichen Beteiligung der „neuen Unterschicht“.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Meurer, jetzt haben die Politiker die „neue Unterschicht“ als Thema entdeckt: Ist das wirklich alles so neu?

FRANZ MEURER: Nein, natürlich nicht. Ich beschäftige mich seit langer Zeit mit diesem Thema. Bereits 1999 lautete das Unwort des Jahres „Wohlstandsmüll“. So hatte ein Konzernchef die Menschen bezeichnet, die arbeitslos waren und auf die Unterstützung anderer angewiesen waren. Aber ich will nicht meckern: Dass jetzt wieder über das Problem gesprochen wird, finde ich gut. Ausgelöst wurde die Diskussion sicher dadurch, dass es nicht nur für die Ärmsten bedrohlich wird, sondern langsam auch für die Mittelschicht. Das erlebe ich immer mehr: Abstiegsängste bis hin zu regelrechter Statuspanik. Die Leute fürchten, aussortiert zu werden. Die Menschen, die vor 30 Jahren mit Handschlag begrüßt wurden, werden heute nicht mehr gebraucht. Das ist die eigentliche Tragik: Der Gastarbeiter oder der einfache Arbeitsmann werden nur noch als Ballast empfunden.

Und diese Leute bilden jetzt die Unterschicht?

MEURER: Ja, sicher. Viele verfallen in Hoffnungslosigkeit, in ein Leben mit der Einstellung, ist doch alles egal, ich kann es sowieso nicht ändern. Das ist doch furchtbar. Wir müssen die Menschen beteiligen, sonst verwahrlost die Gesellschaft. Die meisten wollen doch mitmachen, wenn sie eine Chance haben. Ich kenne Hartz-IV-Leute, die Rotz und Wasser geweint haben, als sie mit ihrem Ein-Euro-Job aufhören mussten. Ich kenne Kinder, die sind verzweifelt, wenn sie auf die Hauptschule kommen. Jugendliche kommen zu mir und sagen: Ich brauche eine Ausbildungsstelle, sonst werde ich irgendwann zum Dieb. Wir haben fast 30 Prozent Arbeitslosigkeit im Viertel. Da ist es doch klar, dass ich nur im Ausnahmefall jemanden vermitteln kann.

Wie sollen die Leute denn beteiligt werden?

MEURER: Erst mal müssen wir es wollen. Aus meiner Sicht liegt die Asozialität unserer Gesellschaft darin, es nicht zu organisieren, nicht den Charakter zu haben, dass alle Menschen beteiligt werden. Es geht um Solidarität, eine Stiftungskultur wie in den USA beispielsweise geht in die richtige Richtung. Wir müssen hinbekommen, dass die Leute sich engagieren. Ein Gesellschaftsvertrag beginnt damit, dass die Menschen entscheiden, in welchem Klima sie leben wollen.

Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus.

MEURER: Von Gelassenheit kann keine Rede sein. Wir brauchen neue Ideen. Stellen schaffen beispielsweise über so genannte Mischarbeitgeber: Mehrere Privatleute, die es sich sonst nicht leisten können, nehmen sich zusammen eine Haushälterin - und eine Agentur organisiert das sozialversicherungspflichtig. Die Schwarzarbeit muss weg. Jeder weiß doch, dass die etablierten Deutschen ihre Oma von Illegalen aus Rumänien pflegen lassen. Das müsste drastisch bestraft werden. Eine Firma, die Schwarzarbeiter beschäftigt, habe ich neulich angezeigt.

Deutschland leistet sich einen der teuersten Sozialstaaten der Welt. Könnte eine Erhöhung der Hartz-IV-Gelder das Unterschichten-Problem lösen?

MEURER: Nein. Obwohl die Zuwendungen immer knapper werden und es vereinzelt zu extremen Notlagen kommt: Zusätzliches Geld bringt keine grundsätzliche Wende. Die Chancen auf einen Job bleiben ebenso schlecht wie die Aufstiegschancen der Kinder. Aber es gibt ein ungeheures Kapital in unserem Viertel, das ist die alte Arbeiterkultur. Die muss man nur wach küssen, das versuche ich seit Jahren. Die Leute wollen sich umeinander kümmern, die wollen nicht nur für sich sein.

Also Hilfe zur Selbsthilfe.

MEURER: Wir müssen uns gegen die Verwahrlosung in der Gesellschaft wehren. Die ökonomische Spaltung darf sich nicht auch noch kulturell verfestigen. Eine mutlose Unterschicht, ohne Ziel, die nur in den Tag hineinlebt, ist doch furchtbar. Bürgerschaftliches Engagement aber wächst nicht über Nacht. Das muss von unten kommen. Wir müssen die Leute auffordern, Solidarität zu üben. Rentner beispielsweise brauchen doch mit 59 Jahren nicht ständig auf Weltreise gehen. Die könnten doch ausländischen Kindern Nachhilfe geben.

Die werden sich bedanken.

MEURER: Eine Gesellschaft, die Schule nicht als gemeinschaftliches Projekt versteht, ein Viertel, das keinen Zusammenhalt hat, Eltern, die nicht wach werden, wenn einige Kinder bei teuren Schulausflügen nicht mitfahren können, da stimmt doch was nicht. Bei uns im Viertel gibt es zahlreiche Initiativen. Das reicht vom Gabelstaplerkurs für Langzeitarbeitslose bis zum Erste-Hilfe-Kurs für Jugendliche. Oder 80 Patenschaften, bei denen Kölner Bürger 50 Euro im Monat für Kinder aus unserem Stadtteil zahlen. Einem Mädchen haben wir davon einen Computer gekauft, in der Schule wäre sie sonst nicht mehr weitergekommen.

Immer mehr „Mittelschichtler“ fliehen aber aus sozialen Brennpunkten, spätestens wenn die Kinder ins Schulalter kommen. Soziologen nennen das „Entmischung“: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder.“ Ist das nicht frustrierend?

MEURER: Ja. Wir müssen dagegenhalten. Wenn wir das nicht machen, haben wir verloren. Das fängt schon bei den Kleinigkeiten an, auch wenn es lächerlich klingt. In unserem Viertel haben wir Tausende Blumen gepflanzt, einen Bouleplatz eingerichtet und die Büsche an der Gesamtschule beschnitten, damit dort kein Drogenhandel möglich ist. Die Leute müssen sich wohl finden. So haben wir es mittlerweile geschafft, dass auch wieder Mittelschicht-Angehörige zu uns ziehen.

Das alleine hilft aber auch nicht.

MEURER: Wir müssen die Leute umfassend begleiten und beraten. Die Fall-Manager der Arbeitsagenturen sind ja keine schlechte Idee. Aber jetzt müssen die das langsam auch mal tun, nicht nur davon sprechen. Es ist doch ganz einfach: Du wirfst eine Maus in einen Wassereimer, die geht dann nach ein paar Minuten unter. Wenn du ihr aber ein kleines Stöckchen reingibst, kann sie sich über Wasser halten. Das Problem muss endlich ernst genommen werden: Ganztagsschulen und -kindergärten gehören zuerst in soziale Brennpunkte, bevor sie in Sülz funktionieren, die besten Kindergärtnerinnen und Lehrer gehören in Problemviertel, das städtische Theater müsste Projekte mit schwierigen Hauptschülern initiieren, bevor sie sich den pflegeleichteren Gymnasiasten zuwenden.

Das Gespräch führte Detlef Schmalenberg



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