Der „Unvorhersehbare“ in Aktion - Christian Zeitz (l.)
Der „Unvorhersehbare“ in Aktion - Christian Zeitz (l.)
Bremen / Hannover - Seine Aktionen, sein Spielverständnis, seine Intuition, seine Wucht, all das ist immer noch eine Offenbarung. Wenn Christian Zeitz zum Handball greift, raunt und staunt das Publikum. Erst am Sonntag, beim 50:26-Auswärtssieg seines Klubs THW Kiel beim tschechischen Meister Karvina, stellte „der Unvorhersehbare“ („Die Zeit“) erneut seine herausragenden Fähigkeiten unter Beweis: brachiale „Fackeln“, wie der Jargon besonders harte Würfe nennt, aus dem Rückraum, kunstvolle Trickwürfe von Rechtsaußen, gefühlvolle Heber aus vollem Lauf beim Tempogegenstoß. Jedenfalls präsentierte sich Zeitz in einer sensationellen Form. Doch beim World Cup, der als wichtiger Test auf die WM im eigenen Land dient (19. Januar bis 4. Februar 2007), ist er nicht dabei. Warum der 121fache Nationalspieler nicht angereist ist, finden seine Kollegen mysteriös: „Wir steigen alle nicht richtig dahinter“, sagt Markus Baur, der Nationalmannschaftskapitän. In der Tat ist die Lage selbst für Insider unübersichtlich. Der offizielle Text seiner Absage lautete, er stehe vor einer Operation - Zeitz leidet seit Wochen an einer Hüftverletzung, die aber, so die Ärzte, mit einem mikroskopischen Eingriff kuriert werden könne. Voraussichtlich drei, maximal vier Wochen wäre Zeitz ausgefallen. Kompliziert wurde die Angelegenheit, als der auch abseits des Handballfeldes eigenwillige Spieler sich Anfang Oktober weigerte, die Operation vornehmen zu lassen; ihn plagte immer noch die Erinnerung an einen Eingriff aus dem letzten Jahr. Als Zeitz in sich ging, mahnte bereits Heiner Brand: „Er muss sich entscheiden, denn auch ich brauche Planungssicherheit“, sagte der Bundestrainer Mitte Oktober, weil auch ein Termin während der WM zur Debatte stand. In der letzten Woche aber hatte sich der Linkshänder doch dazu durchgerungen, „er brauchte einfach ein paar Wochen, um zu akzeptieren, dass dieser Eingriff nicht zu vermeiden ist“, erklärt seine Beraterin Ciz Schönberger, die auch das Handball-Idol Stefan Kretzschmar managt. Während des World Cups wollte Zeitz sich unters Messer legen, dann wäre er Anfang Dezember wieder fit gewesen, wenn für den THW Kiel die Achtelfinals in der Champions League anstehen.
Das alles wäre nachvollziehbar - aber jetzt wird Zeitz vermutlich doch nicht operiert. Angeblich soll ihm THW-Trainer Noka Serdusics die Operation vergangene Woche verboten haben. Auch soll der Klubarzt erklärt haben, Zeitz könne auch weiterhin und sogar über die ganze Saison hinweg fitgespritzt werden. Managerin Schönberger ist dagegen: „Das Wichtigste ist die Gesundheit des Spielers.“
Es tobt mithin derzeit ein Sturm um den Spieler; der eine rät ihm zu, der andere ab, und einer der wenigen, die wirklich Zugang zu dem Spieler haben, THW-Manager Schwenker, befindet sich derzeit im Urlaub. Hinzu kommt, dass sich nun auch THW-Rechtsaußen Vid Kavticnik verletzt hat, so dass dem THW derzeit nur zwei Linkshänder zur Verfügung stehen. Schönberger ist verzweifelt: „Wir bewegen uns in einem luftleeren Raum.“
Die Kollegen warten
Zeitz selbst hat sich zurückgezogen und will sich zu der Sache nicht äußern. Dass der Rückraumspieler aber die Gründe seiner Abwesenheit darlegt, das erwarten jetzt Trainer und Mannschaft. Bundestrainer Brand erklärt immer, wie wichtig ihm das sogenannte „Teambildung“ ist, das Zusammenwachsen einer Mannschaft vor großen Turnieren. Viele Kollegen aus dem Mannschaftskreis verstehen nicht, dass Zeitz am Sonntag eine Weltklassepartie hinlegt und am Dienstag verletzungsbedingt fehlt. Nationalteamkapitän Markus Baur will die Sache „möglichst noch in diesen Tagen während des Turniers“ geklärt wissen. Außerdem sagt Baur: „Wir stehen voll hinter Zeitzi - noch.“
Es wird also Zeit für Zeitz, die Dinge aufzuklären. Sonst wird sich im Januar ganz Handball-Deutschland fragen, wie die Weltmeisterschaft wohl mit ihm, dem „Unvorhersehbaren“, gelaufen wäre.