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Habermas empört sich über Kritik

Erstellt 25.10.06, 17:50h, aktualisiert 25.10.06, 18:40h

Der Philosoph Jürgen Habermas hat sich in äußerst scharfer Form gegen einen Bericht des Magazins „Cicero“ verwahrt, das ihm unter Berufung auf den verstorbenen Publizisten Joachim Fest unterstellt, er habe sich als junger Mann mit dem NS-Regime identifiziert.

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Köln - Der Philosoph Jürgen Habermas hat sich in äußerst scharfer Form gegen einen Bericht des Magazins „Cicero“ über seine angebliche NS-Vergangenheit verwahrt. Habermas wirft dem Autor des Berichts, dem früheren FAZ-Journalisten Jürgen Busche, Denunziantentum, die Verbreitung von Unwahrheiten und „politische Hetze“ vor, die das Ziel habe, „eine unbequeme Generation von Intellektuellen abzuräumen“. Das Schreiben Habermas' an „Cicero“-Chefredakteur Wolfram Weimer liegt dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vor.

Busche hatte unter Berufung auf die Autobiografie des verstorbenen Publizisten und früheren FAZ-Herausgebers Joachim Fest behauptet, Habermas habe sich als junger Mann glühend mit dem NS-Regime identifiziert und einen angeblichen schriftlichen Beleg darüber später vernichtet.

Habermas spricht von „längst widerlegten Gerüchten“, die unter anderem von Fest kolportiert worden seien und einer „Ranküne, die das Klima der Bundesrepublik Jahrzehnte lang vergiftet hat“.

Schon aufgrund einer körperlichen Behinderung habe er “keine Chance“ gehabt, sich „als Jugendlicher mit der herrschenden Weltanschauung zu identifizieren“. Er habe auch nicht - wie der „Cicero“-Artikel behauptet - „an den Endsieg geglaubt“, sondern lediglich als Jung-Sanitäter Kurse abgehalten.

Ein Schulfreund Habermas' aus dessen Heimat Gummersbach bestätigte in der Zeitung die Darstellung des Philosophen. Die von Fest kolportierte Geschichte sei „absoluter Schwachsinn“. Der junge Habermas sei „mit keiner Faser dem Regime verpflichtet“ gewesen.

Habermas vermutet, dass Fest ihm „die Kritik an jenen Vordenkern des NS-Regimes übelgenommen“ habe, „die er in seinem Blatt rehabilitieren ließ“. Er sieht im Angriff auf seine Person eine Parallele zu Günter Grass. Die Denunziationen richteten gegen beider Einsatz „für die selbstkritische Vergewisserung des Traditionshintergrundes der - auch und vor allem - in akademischen Schichten verbreiteten Zustimmung zur NS-Herrschaft“.

Hier das Schreiben an den „Cicero“-Chefredakteur, Wolfram Weimer, im Wortlaut:

Jürgen Busche betätigt sich als Denunziant, indem er auf der Grundlage von längst widerlegten Gerüchten Unwahrheiten insinuiert. Wenn man sich den Kreis derer vergegenwärtigt, von denen man weiß, dass sie das Gerücht kolportiert haben - Fest, Lübbe, Koselleck, und (nun erst?) Busche - erkennt man die erneute Denunziation als das, was sie ist: als Fortsetzung einer politischen Hetze, der ich vonseiten der FAZ insbesondere in den 70er und 80er Jahren ausgesetzt war. Fest hat mir offenbar die Kritik an jenen Vordenkern des NS-Regimes übelgenommen, die er in seinem Blatt rehabilitieren ließ.

Wie wehrt man sich gegen eine Denunziation, die das durchsichtige Ziel verfolgt, zusammen mit Grass eine unbequeme Generation von Intellektuellen abzuräumen, die sich für die selbstkritische Vergewisserung des Traditionshintergrundes der - auch und vor allem - in akademischen Schichten verbreiteten Zustimmung zur NS-Herrschaft eingesetzt hat? Ich begnüge mich mit Feststellungen, die bisher nicht nötig waren.

Ich hatte schon aufgrund meiner Behinderung keine Chance, mich als Jugendlicher mit der herrschenden Weltanschauung zu identifizieren. Ich habe auch nicht, wie die Redaktion behauptet, „an den Endsieg geglaubt". Da ich Arzt werden wollte, bin ich in der Hitlerjugend, einer Organisation, der damals jeder angehören musste, „Feldscher" geworden und habe selbst Ausbildungskurse abgehalten, für die man Freiwillige gewinnen musste.

An einem dieser Kurse hatte auch Hans-Ulrich Wehler teilgenommen. Er hat mich daran, als wir uns in den 60er Jahren näher kennen lernten, erinnert. Damals schickte er mir das nun zu Ruhm gelangte „Dokument": es handelt sich um eine der damals üblichen „Aufforderungen", also um einen vorgedruckten Zettel, den ich damals verschickte, um meine Kursteilnehmer zusammenzuhalten. Sonst hätte ich meine Kurse einstellen müssen. Und dann hätte ich wieder zu dem verabscheuten regelmäßigen HJ-„Dienst", wie es damals hieß, erscheinen müssen.

Das Verschicken eines solchen Vordrucks war ein normaler Vorgang - ich selbst hatte früher solche Aufforderungen bekommen, wenn ich mehrere Male nicht „angetreten" war. In den 70er Jahren hat mich'deshalb die Erinnerung an diesen Vorgang so wenig berührt, dass ich den historischen Rang, den das Dokument inzwischen erlangt hat, unverzeihlicherweise nicht erkannt habe. Wo anders als im Papierkorb sollte es gelandet sein? Meine Frau muss das auch so wahrgenommen haben, denn sie gab auf Ulis Nachfrage - während eines .gemeinsamen Sommerurlaubes am felsigen Strand von Elba - die unverkennbar ironische Antwort: „Er hat's verschluckt".

Wenn der Umstand, dass ich von Herrn Fest posthum - und von dessen ehemaligem Angestellten Busche - genötigt werde, mich über diese Lappalien zu äußern, eines lehrt, dann etwas von der Ranküne, die das Klima der Bundesrepublik Jahrzehnte lang vergiftet hat.

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Jürgen Habermas



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