Von MICHAEL HESSE, 25.10.06, 19:05h
Rhein-Sieg - Es kann mit Niedergeschlagenheit beginnen, einem Gefühl des Verlorenseins. Nicht selten setzt mit einer Depression ein Teufelskreis ein, der in einem sozialen Abstieg endet. Die Zunahme der Armutsrisiken, sagen Mediziner auch in der Region, bewirkt einen deutlichen Zuwachs der gesundheitlichen Probleme der Bevölkerung. Durch Stress bedingte Krankheiten wie Rückenbeschwerden oder Probleme mit der Wirbelsäule werden vermehrt behandelt. Dr. Rüdiger Weisbach, Facharzt für Allgemeinmedizin und Kreisvorsitzender der Ärztekammer, stellt Krankheitsbilder wie Migräne und Tinnitus immer häufiger fest, „die vor 25 Jahren eher die Ausnahme gewesen sind“. Besonders hat die Zahl depressiver Erkrankungen zugenommen.
Im von Arbeitsplatzabbau besonders betroffenen Eitorf gründet die Rheinische Landesklinik gegenwärtig eine Dependance ihrer psychiatrischen Abteilung. Eine ambulante Behandlung wird bereits jetzt angeboten und erfährt äußerst starken Zulauf. Die Psychiatrische Abteilung der Bonner Klinik, die für den Rhein-Sieg-Kreis zuständig ist, zählte im Jahr 2000 443 Einweisungen wegen mittlerer und schwerer depressiver Erkrankungen. Im Jahr 2004 waren es bereits 550. „Die Zahl wird für das laufende Jahr leider noch zunehmen“, fürchtet Michael van Brederode, Leiter des Amtes für Planung und Förderung im Landschaftsverband Rheinland (LVR). In Bonn wird ein „verschärftes Aufnahmegeschäft“ verzeichnet. „Die Zunahme macht sich deutlich bemerkbar“, sagt von Brederode. Die Ursachen für die steigenden Zahlen an Depressionen hängen in der Region einerseits mit dem der Zunahme alter Menschen und damit einhergehenden Altersdepressionen zusammen.
Kein Zahlenmaterial
Auch die steigende Einwohnerzahl macht sich in den absoluten Zahlen bemerkbar. Dennoch registriert das Gesundheitsamt in Siegburg einen Zuwachs, der Rückschlüsse auf soziale Entwicklungen nahe legt. „Uns ist die Entwicklung bekannt, wenngleich statistisches Material hierzu nicht vorliegt“, hieß es vonseiten des Amtes. „Wir beobachten diese Tendenz seit längerer Zeit.“
Arbeitslose Männer und Frauen haben einen ungünstigeren Gesundheitszustand und leben weniger gesundheitsbewusst als berufstätige Männer und Frauen, fand das Robert-Koch-Institut in Berlin heraus. Bei steigendem allgemeinen Lebensstandard haben Armutsrisiken zugenommen. Derzeit sind 13,5 Prozent der Bevölkerung einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt. Kinder und Jugendliche sind dabei überdurchschnittlich, ältere Menschen, vor allem ab 65 Jahren, unterdurchschnittlich betroffen. Leiden wie Schlaganfall, chronische Bronchitis, Schwindel, Rückenschmerzen und Depressionen sind in der unteren Sozialschicht bei Frauen wie Männern häufiger als in der oberen Schicht.
Gestern beriet ein Expertenkreis beim LVR über den Zusammenhang von Hartz IV und Suchtkrankheiten. Einen stärkeren Konsum von Alkohol gerade bei Jugendlichen registriert auch Dr. Klaus Weckbecker aus Bad Honnef, der sich intensiv mit dem Problem Jugend und Drogen befasst hat. „Wir sind schockiert, dass immer jüngere Jugendliche Alkohol konsumieren“, berichtet er. Das Einstiegsalter sinke ab.
Besonders alleinerziehende Frauen haben, so der Arzt, vermehrt mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Sie tragen das höchste Armutsrisiko. Da sie kaum die Möglichkeit zu weiteren Qualifikationen haben, sind die Chancen aufzusteigen besonders gering. Weckbecker glaubt: „Wer sich erst abgehängt fühlt vom gesellschaftlichen Prozess, büßt dies zusätzlich mit körperlichen Leiden.“
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