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Neue Seide für die Gebeine der Ahnen

Von FRANK RÄTHER, 01.11.06, 06:58h

Auf Madagaskar ehren die Familien ihre Toten mit einer Umbettungs-Zeremonie. Der von der Tradition bestimmte Ritus ist auch ein kostspieliges Familienfest.

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Eine madegassische Familie bei der Umbettung ihrer Toten.
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Eine madegassische Familie bei der Umbettung ihrer Toten.
Der von der Tradition bestimmte Ritus ist auch ein kostspieliges Familienfest.

Antananarivo - Lala hat beim letzten Mal extra feste Seide gekauft, auch wenn sie teurer als die normale ist. „Aber dafür hält sie länger und ist somit doch wieder günstiger“, erzählt der 35-jährige Madagasse. Sein vollständiger Name ist für ungewohnte Zungen kaum auszusprechen: Lala Andrianaivo Ravelomanantsoa. Alle Bewohner Madagaskars, der Insel vor der afrikanischen Ostküste, haben ähnlich lange Namen. Die Seide brauchte Lala für seinen toten Vater. Als dieser starb, wurde der Leichnam, wie üblich, in ein großes Seidentuch eingewickelt und im kleinen Familienmausoleum beigesetzt. „Als letzter Toter liegt er dort in der obersten Reihe“, sagt Lala. „Darunter liegen seine Eltern und zwei seiner Geschwister, darunter dann seine Großeltern.“

Achtung vor den Ahnen wird groß geschrieben auf Madagaskar. Die Tradition verlangt, dass die nach der Verwesung übrig bleibenden Knochen in ein reines Seidentuch eingewickelt werden. Und wenn dieses durch Hitze und Zeit mürbe wird, dann muss wieder ein neues Tuch her. „Normalerweise geschieht das in einem Rhythmus von sieben Jahren.“ Die Umhüllung selbst ist noch erschwinglich, aber das damit verbundene Ritual geht ins Geld. „Die Umbettungszeremonie im vorigen Jahr hat meine Familie 1700 Euro gekostet“, rechnet Lala vor. Und das, wo ein Bauer im Jahr nur etwa 300 Euro verdient. Deshalb hat Lala die feste Seide gekauft.

Jedes Jahr im Sommer nach der Ernte, wenn etwas Geld hereingekommen ist, sieht man überall auf Madagaskar die Umbettungszeremonien. „Es ist der weitverbreitete Respekt vor den Ahnen und den Älteren insgesamt“, begründet Lala die Tradition. „Wenn das alte Tuch rissig geworden ist, dann wird ein neues gekauft, dazu dann ein paar Rinder und Schweine zum Schlachten, Rum für die Männer und Säfte für die Frauen.“ Aus dem ganzen Land kommen dann alle Angehörigen der meist sehr großen Familienverbände. Und auch die Dorfbewohner werden eingeladen. „Als ich meinen Vater umbettete, waren 600 Gäste da“, erinnert sich Lala. Den Zeitpunkt für das Fest hat ein Geisterbeschwörer im Dorf nach der Anrufen der Ahnen festgelegt.

Am Tag der Ankunft wird getafelt und getrunken, dazu getanzt. Der nächste Tag steht im Zeichen der Zeremonie. Alle ziehen zum Familienmausoleum, meist ein etwa drei Meter hoher Steinbau am Rande der Felder. Die jungen Männer heben dann den Leichnam auf ein Holzgestell und tragen ihn ins Freie. Sieben Mal laufen dann alle um den Toten herum. Dazu spielen eigens darauf spezialisierte Musiker für dieses Zeremoniell vorgesehene Melodien. „Ein Trommler, ein Flötenspieler und ein Ziehharmonika-Spieler sind die übliche Truppe“, sagt Lala. Es wird des Toten gedacht. Dann geht es wieder zum Haus, wo im Freien gegessen und getrunken wird. Die wichtigsten Männer zählen derweil im Haus das Geld, das die Gäste bei ihrer Ankunft in einen großen Korb geworfen haben, um damit einen Beitrag zu leisten. Mal sind es drei Euro, mal fünf, denn die meisten sind arm. Die Summe, die am Ende zusammenkommt, liegt normalerweise weit unter den Kosten.

„Bei uns kamen nur 600 Euro zusammen. Den Rest mussten ich und meine Brüder bezahlen.“ Je nachdem, wie lange die gebratenen und gekochten Rinder und Schweine reichen, wird dann gefeiert. Normalerweise noch zwei Tage, manchmal auch eine ganze Woche lang. „Es ist zugleich ein wichtiges Familienfest“, sagt Lala. Viele Angehörige der Großfamilie wohnen über die ganze Insel verstreut, und vor allem die jüngeren Leute treffen bei den Umbettungen oft zum ersten Mal zusammen. Es ist wichtig, dass man sich kennt, damit sich nicht aus Unkenntnis der Familienzugehörigkeit Cousins und Cousinen ineinander verlieben und heiraten. Auf diese Weise soll auch die gefürchtete Inzucht auf der Insel vermieden werden. „Ein wichtiges Fest“, wiederholt Lala, „aber für ein so armes Volk wie das unsere ein sehr teures.“



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