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Der linke Aristokrat

Von MARLI FELDVOSS, 01.11.06, 07:04h

Am 2. November 2006 vor 100 Jahren wurde Luchino Visconti in Mailand geboren - einer der ganz Großen des Kinos. Der italienische Regisseur wurde zum Begründer des neorealistischen Films.

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Luchino Visconti: Gründer des neorealistischen Films
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Luchino Visconti: Gründer des neorealistischen Films
Der italienische Regisseur wurde zum Begründer des neorealistischen Films.

„Damals gingen mir wirklich die Augen auf: Ich kam aus einem faschistischen Land, in dem man nichts erfahren, nichts kennen lernen und auch keine persönlichen Eindrücke sammeln konnte. Ich erhielt einen regelrechten Schock. Als ich nach Italien zurückkehrte, hatte ich mich sehr verändert.“ Nach der lehrreichen Zeit als Regieassistent bei Jean Renoir in Frankreich vergingen noch einige Jahre, bis Luchino Visconti seine Erfahrungen in den Debütfilm „Ossessione“ einbringen sollte. 1942 gelang es ihm, dieses Projekt trotz der allgegenwärtigen Zensur zu realisieren.

Aber der Triumph währte nur einen einzigen Tag. Wie viele seiner späteren Filme - dazu zählt auch „Der Leopard“ (1962) - existierte das frühe Meisterwerk jahrzehntelang nur in einer verstümmelten Fassung. „Der Leopard“ konnte erst in seiner Rekonstruktion mit dem rauschenden Fest im Mittelpunkt - es nimmt ein Drittel des drei Stunden langen Films ein - seine wahre Bedeutung von der Abschiedsvorstellung einer Klasse entfalten, die in der Romanvorlage Lampedusas nur ein Kapitel unter vielen beanspruchte.

Die großen Themen Viscontis, Gewalt und Leidenschaft, das unaufhaltsame Treiben in den Untergang, der Verlust von tragenden Wertvorstellungen, der Trost durch Schönheit waren von Anfang an präsent. So wie in den ersten Filmminuten schon ein opulenter Kameraschwenk das Schicksal des Paars in „Ossessione“ besiegelte, begleitete die Kamera 20 Jahre später wie in einer großen Umarmung die Abschied nehmenden Blicke des Don Fabrizio in „Der Leopard“. Der ihm damals vom Produzenten aufgezwungene Hauptdarsteller Burt Lancaster, der sich völlig allein gelassen den aristokratischen Gestus am lebendigen Beispiel des Regisseurs abschauen musste, ist kurioserweise inzwischen zum Inbegriff eines italienischen Aristokraten geworden.

Luchino Visconti, Aristokrat und Marxist, spielte wie ein Könner auf der realistischen Ausdruckspalette. Er begründete mit „Ossessione“ sowie „La terra trema“ (1947 / 48) den neorealistischen Film, blieb aber wie kein anderer der untergehenden Adelswelt und der Form des sublimen Melodrams verhaftet. Mit „Senso“ (1954), seinem ersten

Technicolorfilm, war die Verbindung zwischen Realismus und Romantizismus hergestellt - für viele der Inbegriff eines Viscontifilms.

Der linke Graf hat es eben nicht nur verstanden, die dekadente Gesellschaft abzubilden, er hat im Innern auch ihre Gefühle aufs Tiefste nachempfunden. Der vor hundert Jahren, am 2. November 1906, in Mailand in ein reiches lombardisches Adelsgeschlecht hineingeborene Luchino Visconti de Mondrone hat in „Der Tod in Venedig“ (1971) noch einmal den Glanz seiner eigenen Kindheit wiederauferstehen lassen. Für viele sein schönster Film, dennoch gezeichnet von der Neigung des späten Visconti, die Welt nur noch in nicht revidierbaren Familientragödien abzubilden.

Schon lange steht der Film- und Theaterregisseur Luchino Visconti, der 1976 an einem Schlaganfall starb, als einer der großen europäischen Künstler neben Pablo Picasso, Igor Strawinski und Luis Bunuel.



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