Von GEORG IMDAHL, 10.11.06, 07:03h
Vielleicht lässt man sich ja von diesen Rätselbildern zu leicht einschüchtern. Manche sind doch gar nicht so rätselhaft. Sie geben ihre - oder zumindest eine mögliche - Geschichte leicht preis. Zum Beispiel die „Abstraktion“ (unsere Abbildung): Da steht ein Maler an der Staffelei und malt Gitterlinien, abstrakt wie einst Piet Mondrian. Derweil verschüttet im Vordergrund eine tumbe Magd kübelweise Farbe, gibt sie den Vögeln zum Fraß. Wohl eine Anspielung aufs Actionpainting. Wie vielschichtig aber, verschachtelt, komplex und aufregend sieht dagegen die Welt draußen aus, wo nichts abstrakt ist. Da wachsen Menschen zu Riesen und Häuser schrumpfen auf Taschenformat. Zwei Stürmer nähern sich dem Atelier der Abstraktion und machen sich daran, es kurz und klein zu schlagen.
Vielleicht ist das nur eine von vielen anderen Lesarten, aber nicht eben eine charmante für die Art von Malerei, die im Bildtitel genannt ist. Und immerhin hat Neo Rauch zuletzt in einem Interview zu verstehen gegeben, was er von der ungegenständlichen Malerei hält: herzlich wenig. In einem anderen Bild namens „Malerei“ (1999) kommen dann auch die Betrachter nicht gerade gut weg: Sie tragen eine tiefschwarze Sonnenbrille, sehen also: nichts. Wenn das New Yorker Metropolitan Museum dem allseits gefeierten Leipziger Gipfelstürmer 2007 eine große Ausstellung widmet, wird dessen Karriere endgültig in jenen Olymp führen, in den im vergangenen Jahr bereits sein historischer Surrealistenkollege Max Ernst aufgenommen worden ist. Zuvor aber - heute Abend - wird im Kunstmuseum Wolfsburg eine mit Spannung erwartete Werkschau eröffnet, die mit ihren 80 Bildern kurzweilig ausfällt und doch einen repräsentativen Überblick erlaubt.
Mühelos macht sie die internationale, vor allem in Amerika grassierende Begeisterung für Neo Rauch mit zahlreichen aufschlussreichen Werken plausibel. Nur der sportliche Matthew Barney, der vor ein paar Jahren das Museum Ludwig in ein Bodybuilding-Studio der Phantasie verwandelt hat, vermag in den USA so zu verstören, aus den Konventionen des Alltags herauszureißen und in eine fremde Welt aufzusaugen.
Bei Rauch hingegen kommt der Look des „Postsozialistischen“ deutscher Prägung hinzu, der auf die Amerikaner besonders bizarr, ebenso real wie ungreifbar und also attraktiv wirkt: ein Design des entrückten Alltags, das freilich in den USA auch kritisch bespiegelt wird. So attestiert der New Yorker Kritiker Donald Kuspit Rauch eine „tragische Morbidität“ und ein Erlahmen jener Kräfte, die sich bei Baselitz, Kiefer, Polke, Richter und Co. aufgebaut hätten. Kuspits Schlussfolgerung, Deutschland brauche wieder mehr optimistische Künstler, stülpt indessen die amerikanische Mentalität unbotmäßig der deutschen über.
Gleichwohl ist Diskussion allemal besser als Heldenverehrung, und es adelt die Wolfsburger Schau, dass sie diese Debatte auch im Katalog ausdrücklich zulässt. Stellt sich an Rauchs Ruvre doch tatsächlich die Frage, ob es einen Anachronismus in der Kunst heute überhaupt noch gibt - und was er für die Kunst bedeuten könnte.
Offen bekennt sich Rauch zu seinen Kindheitserinnerungen in der DDR, die erkennbar in sein verwaschenes, verblichenes Kolorit eingegangen sind. Die Farben wirken mitunter, als hätten sie zu viel Sonne abbekommen. Jenes (ost-)deutsche Fluidum macht die Bilder anziehend, zumal Rauch sich nie mit der einfachsten Bildlösung zufrieden gibt. Immer stapelt und verschachtelt er die Räume, kreuzt die Perspektiven und lässt Sinnebenen übereinanderschweben.
Jenseits einer politischen Lesbarkeit, die sich häufig aufdrängt oder wenigstens anbietet, um dann doch virtuos vage gehalten zu werden, entfacht kein anderer Maler einen ähnlich traumwandlerischen Bühnenzauber, zapft so ergiebig unterschiedliche Bildquellen an wie Plakatkunst, Comic, Literatur, fabuliert so selbstverständlich eine absurde Weltenlogik zusammen. Fast alle Äußerungen des Malers deuten auf lupenrein surrealistisches Gedankengut hin: Malen bedeute ihm die „Fortsetzung des Traums mit anderen Mitteln“; gelegentlich lösten einzelne Wörter den „unheimlichen atmosphärischen Sog eines wie von selbst sich entwickelnden Bildes aus“; die „wichtigsten Qualitätsmerkmale in der Malerei“ seien für ihn „Eigentümlichkeit, Suggestivität und Zeitlosigkeit“.
Als Inspirationsquellen Rauchs nennt der Kurator Holger Bröker Comics wie „Tim und Struppi“ und „Blake & Mortimer“. Manche Motive hat Rauch aus diesen Geschichten mehr oder minder wörtlich herausgegriffen - so wie der Amerikaner Philip Guston sich einst bei dem Zeichner Robert Crumb, dem Erfinder von „Fritz the Cat“, bedient hatte.
Der versierte Illustrator Rauch aber verlangt uns weit weniger Bewunderung ab als der Kolorist. Es sind die Farben, welche den schönen Schauer und den sanften Grusel dieser Malerei hervorrufen. So intensiv man gerade in Rauchs sonderbarer Farbigkeit nach Vorbildern in der jüngeren Kunstgeschichte forscht, an den frühen Lüpertz denkt, der das Publikum dereinst mit martialischen Stahlhelmen irritierte - so recht fündig wird man nicht. Was die Ausstellung mit wünschenswerter Klarheit deutlich macht, ist Rauchs Entwicklung der Farbe. Es ist mit Händen zu greifen, wie er in den vergangenen vier, fünf Jahren, da um ihn herum eine „Leipziger Schule“ zu Ruhm und Ehren kommt, immer stärker differenziert, seine - großartig eingesetzte - an den Holzschnitt erinnernde Sprödigkeit aufgibt und kulinarischer wird.
Es gibt jüngere Bilder in der Ausstellung mit kühlem Eisgrün, flammendem, züngelndem Rot, geradezu barockem Hell-Dunkel, die den Werkverlauf in einer Weise erscheinen lassen, als drehe da einer ständig etwas mehr den Farbdimmer auf. Auch die Anflüge Radziwill'scher Apokalypsen werden regelrecht wohlig und lecker, wenn man sich in die Valeurs der dunkeldräuenden Himmelspartien vertieft - wie Rauch überhaupt den Himmel in jüngster Zeit gern zum Anlass schwebender Farbmalerei nimmt.
In manchen seiner früheren Bilder aus den 90er Jahren schaffte es Rauch, selbst Komplementärfarben wie Rot und Grün in direkter Nachbarschaft zusammen atmen anstatt sie einander wechselseitig steigern zu lassen. Zunehmend aber forciert er nun einen schillernden und geschmeidigen Reichtum der Farben. All dies begeistert. Es tröstet aber auch über eine manchmal überbordende, gedrängte Phantasie hinweg, die ein Geheimnis verspricht, hinter dem sich Genuss verbirgt.
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