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„Mohammed wollte nichts Neues bringen“

Von HARALD BISKUP, 11.11.06, 07:03h

Jürgen Habermas, Deutschlands prägendster Philosoph, wirft den christlichen Konfessionen zu viel „Vernunftstolz“ vor - zu Recht, findet der Theologe Eugen Drewermann und stützt die Aussage.

Der Philosoph Jürgen Habermas wirft den christlichen Konfessionen zu viel „Vernunftstolz“ vor - zu Recht, findet der Theologe Eugen Drewermann.

Jürgen Habermas, Deutschlands prägendster Philosoph der Gegenwart, der sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet, bekommt

mit seiner Kritik Rückendeckung von einem der umstrittensten, gleichwohl bekanntesten deutschen katholischen Theologen. Seine Kirche, aus der Eugen Drewermann inzwischen ausgetreten ist, hatte den „Galilei von Paderborn“ gemaßregelt, weil der Priester und Psychotherapeut mit seinem konsequent tiefenpsychologischen Ansatz bei der Bibelauslegung die Grundfesten der kirchlichen Lehre erschüttert hat. Drewermann stimmt der Habermas-These zu, dass die christlichen Konfessionen in der Auseinandersetzung mit dem Islam „ein Quäntchen zu viel an Vernunftstolz“ an den Tag legten. Das Christentum trage ein „schweres Erbe“, weil es die „einfache, auf Existenzveränderung des Menschen zielende Botschaft Jesu ins Dozierbare und Dogmatische heben zu müssen gemeint hat“, sagte Drewermann dieser Zeitung.

Die „Erstarrung des Denkens“ zeige sich daran, dass jedes katholische Dogma ein „Kampfinstrument zur Homogenisierung“ der Gläubigen sei. Demgegenüber habe die Reformation „etwas ganz Wesentliches“ dazu beigetragen, die Botschaft Jesu „im Sinne Kierkegaards zurückzugewinnen für die menschliche Existenz“, sagte Drewermann: „Christus ist nicht in die Welt gekommen, unfehlbare Päpste und

Lehrstuhlinhaber einzusetzen, sondern um die menschliche Angst durch Vertrauen und Güte zu überwinden.“ Allen drei monotheistischen Religionen - Judentum, Christentum, Islam - komme „ein Moment der Aufklärung“ zu, weil sie die „Zerspaltenheit der menschlichen Seele“ in einem „einheitlichen Gegenüber“ des Menschen, in Gott, konzentrierten. Leider aber habe das Christentum schon sehr früh die mythisch-symbolischen Inhalte seiner eigenen Überlieferung

als historische Tatsachen interpretiert. Dieser Ansatz sei im katholischen Dogma bis heute „sehr streng“ enthalten - im Widerspruch zu den Forschungsergebnissen und in einem fundamentalen Missverstehen der Sensibilität und Poesie symbolischer Aussagen.

Im Unterschied zum Christentum habe sich der

Islam, so Drewermann, „nicht zu Unrecht als eine Art Vernunftreligion verstanden“ und lasse sich seit 1200 Jahren als „wichtiges Reformangebot an den christlichen Dogmatismus“ interpretieren. Mohammed wollte, anders als von Benedikt XVI. in dessen Regensburger Rede behauptet, „der Menschheit überhaupt nichts Neues bringen, sondern die einzig wahre Menschheitsreligion sozusagen gereinigt wiederherstellen“.

Wesentlich für die von Jürgen Habermas geforderte „Verträglichkeit von Glaube und Wissen“ sei ein „aufgeklärtes Verständnis symbolischer religiöser Aussagen. Wer Symbole mit Begriffen verwechsle, zitierte Drewermann den Anthropologen Gregory Bateson, gerate in die „Gefahr des Wahnsinns“.

Eugen Drewermann spricht am 12. 11. um 11.30 Uhr im Kölner Opernhaus zum Thema „Caligula oder Die Ethik des Absurden“. Anlass ist die Premiere von Detlef Glanerts neuer Oper „Caligula“ am 30. November.



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