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Tod an den Grenzen Europas

Von ARNO KLEINEBECKEL, 13.11.06, 07:03h

Der Ex-Vorsitzende von "Cap Anamur", Elias Bierdel, beklagt eine Politik des Wegsehens. Bei aller Subjektivität ist das Buch eine erschütternde Darstellung des Schicksals afrikanischer Flüchtlinge.

Hingeschaut, aber doch weggesehen - so könnte das Motto eines Buches sein, das auf beeindruckende Weise ein vernachlässigtes Kapitel EU-Politik zum Thema hat. Es geht um den Fall „Cap Anamur“ und sein politisch-juristisches Nachspiel. Das Buch von Elias Bierdel, zu jener Zeit Vorsitzender der Hilfsorganisation „Cap Anamur“, wirft zugleich eine dringende Frage auf: Warum im Europa des 21. Jahrhunderts eine Politik betrieben wird, die einen immer höheren Blutzoll an den Außengrenzen in Kauf nimmt.

Bierdel erzählt die Geschichte der Jungfernfahrt der „Cap Anamur“, das erste eigene Schiff der gleichnamigen Organisation. Die damals 17-jährige Vietnamesin Hai-Ly Bui - ihre Eltern waren als Boat People aus dem chinesischen Meer gerettet worden - war als Taufpatin dabei: „Lübecker Schiff als Symbol der Hoffnung“, so titelten die „Lübecker Nachrichten“ im Februar 2004. Die Mannschaft der „Cap Anamur“ bereitete sich und den 20 Jahre alten Frachter auf den ersten Einsatz vor. Auf der Jungfernreise von Lübeck über Rotterdam, Lissabon, die Kanaren, Sierra Leone und Liberia bis nach Namibia würde die „Cap Anamur“ besonders kritische Zonen passieren.

Am 29. Februar 2004 begann das Abenteuer. Wenige Tage später, bei der Fahrt durch die Biskaya, lag die „Cap Anamur“, Baujahr 1983, tief im Wasser, den fast 90 Meter langen Schiffsbauch gut gefüllt: Jeeps und Unimogs für Angola, mit Medikamenten, großen Mengen an Lebensmitteln, Altkleidern, vier 24 000-Liter-Wassertanks und zwei in Kisten verpackten Kliniken, darunter einer Komplettausstattung inklusive Röntgenanlage und Baumaterialien für ein neues Krankenhausdach in Liberia. Die Route führt von dort zurück zum Mittelmeer.

Dort, vor Lampedusa, zeigt sich Europa am 20. Juni 2004 von seiner hässlichen Seite. Während der Rettung von 37 Schiffbrüchigen aus offenem Gewässer stellt sich eine geisterhafte Eskorte von Kriegsschiffen, Küstenwachtkreuzern und Polizeibooten ein, belagert die „Cap Anamur“ und schreckt Besatzung und Flüchtlinge. Die Lage eskaliert, bis am 11. Juli Kapitän Stefan Schmidt den Notstand erklärt und unter Berufung auf internationales Recht die Hafeneinfahrt nach Port Empedocle verlangt. Nach nerven zehrenden Tagen des Ausharrens auf See lenken die Behörden nur scheinbar ein. Die rechtlichen Konsequenzen erweisen sich als beispiellos: Kapitän Stefan Schmidt, 1. Offizier Vladimir Daschkewitsch und Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel werden wegen Verdachts auf „Schlepperei“ verklagt, das Schiff als „Tatwerkzeug“ beschlagnahmt. Die „Cap Anamur“ wird den Hafen Port Empedocle erst sieben Monate später wieder verlassen.

Das „Komitee Cap Anamur / Deutsche Notärzte e.V.“, 1979 in Köln aus einer spontanen Rettungsaktion für vietnamesische Boat People entstanden, wird mit diesem Akt nach mehr als 25 Jahren Arbeit spektakulär kriminalisiert. Europäische Tatsachen unterdessen: Die Zahl der „Übers-Meer-Geflohenen“ geht in die Tausende, sie vertrauen sich hölzernen Nussschalen an, ihr Kurs: die Fluchtburg Europa. Die es nicht schaffen - viele von ihnen ertrinken jämmerlich -, tauchen in keiner Statistik auf, Tote bitten nicht um Asylrecht.

Seit den Ereignissen vom Sommer 2004 gilt die Führungscrew des Frachters „Cap Anamur“ bei Teilen der Justiz als verbrecherische Schlepperbande. Bierdel steht inzwischen, knapp zweieinhalb Jahre später, gemeinsam mit Kapitän Schmidt und Vladimir Daschkewitsch wegen „Beihilfe zur illegalen Einreise in einem besonders schweren Fall“ auf Sizilien vor Gericht; am 27. November 2006 ist Prozessauftakt. Es sind nicht zufällig drei Beschuldigte: Das war eine der Voraussetzungen, um sie als „Bande“ verklagen zu können.

Und die Geretteten der „Cap Anamur“? Es sind No-Names, im Schnellverfahren inhaftiert und abgeschoben. Mohammed Yussif war einer von ihnen. Er starb im April 2006 bei dem Versuch, von Libyen aus die italienische Insel Lampedusa zu erreichen. Wegen seiner einschlägigen Erfahrungen hatte man ihn nach Angaben seiner Freunde zum „Bootsmann“ gemacht. Das Boot, auf dem sich noch 20 weitere Flüchtlinge befunden haben sollen, geriet offenbar nach mehreren Tagen auf See in einen Sturm und kenterte. Am 10. September 2006 wäre Mohammed 29 Jahre alt geworden.

Das Buch von Bierdel ist ein Angebot an alle, die sich über die zunehmende Abschottung an Europas Grenzen informieren wollen oder müssen. Bierdels Bericht arbeitet trotz aller Subjektivität streng dokumentarisch; dafür sprechen der tagebuchartige Aufbau des Buches und über 100 bislang unveröffentlichte Fotos und Dokumente, erschütternde Bilder darunter. Aber sein Report ist mehr: politischer und höchst aktueller Journalismus, der das Unrecht an den Grenzen der Festung Europa auf packende Weise zu thematisieren weiß und dabei Stellung bezieht.

Elias Bierdel: „Ende einer Ret tungsfahrt - Das Flüchtlingsdrama der Cap Anamur“ (mit einem Vor wort von Bundesministerin Heide marie Wieczorek-Zeul), Ralf Liebe, 232 Seiten, EUR 19,80

 www.elias-bierdel.de



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