Von KATHARINA ECKSTEIN, 16.11.06, 07:03h
„Auch in der Gegenwartsgesellschaft ist die Arbeit für die Menschen von ganz zentraler Bedeutung.“ Mit dieser Aussage widerspricht Klaus Kraemer der in unserer gestrigen Ausgabe von Ulrich Beck geforderten neuen Sicht auf die Arbeitslosigkeit: „Das Bedürfnis nach regulärer Beschäftigung ist ungebrochen und besonders ausgeprägt bei jenen, die aus dem Arbeitsmarkt herausgefallen sind“, sagt der Soziologe vom Forschungsinstitut Arbeit Bildung Partizipation an der Ruhr-Universität Bochum.
Ein Arbeitsloser fühle sich nicht vom Joch der Arbeit freigesetzt. Ob sich Menschen von ihrer Arbeit als fremdbestimmt erleben, hänge davon ab, in welcher Situation sie sich sehen. „Wir haben Leiharbeiter interviewt, die aus einer langen Phase von Arbeitslosigkeit kamen. Die waren froh, überhaupt wieder zu arbeiten, auch wenn das Beschäftigungsverhältnis befristet und der Job mies war“, berichtet der Wissenschaftler, der den Arbeitsbereich „Erwerbslosigkeit - Sozialstruktur - Teilhabechancen“ leitet.
Die Menschen seien zunehmend bereit, auch schlechte Arbeit anzunehmen. „Wir erleben derzeit die paradoxe Situation, dass auf der einen Seite gute Arbeit immer knapper wird und andererseits das Begehren nach Erwerbsarbeit immer größer wird“, sagt Kraemer. Die Hoffnung auf eine neue Freiheit ohne Arbeit werde zwar seit Jahren mit dem immer wieder diskutierten Ende der Arbeitsgesellschaft verbunden, habe sich jedoch nicht erfüllt.
Das „Begehren nach Erwerbsarbeit“ führt Kraemer auf verschiedene Ursachen zurück: „Menschen arbeiten nicht nur aus ökonomischen Motiven, um mit dieser Einkommensquelle den Lebensunterhalt zu finanzieren. Erwerbsarbeit ist in durchschnittlich und überdurchschnittlich ausgebildeten Berufsbereichen auch Quelle für persönliche und soziale Identitäten geworden.“ Zudem werde über Arbeit soziale Anerkennung zugewiesen und sei der Arbeitsplatz ein Raum für soziale Kommunikation außerhalb von Haushalt und Familie.
Becks Forderung, darauf hinzuarbeiten, in diesem Land auch ohne Arbeitsplatz ein sinnvolles Leben führen zu können, stehen empirische Gegebenheiten entgegen, meint Kraemer. „Die Menschen, die sich bürgerschaftlich etwa im Verein oder der Schule engagieren, sind hochgradig in den Arbeitsmarkt integriert, oder tun das nach einem intensiven Arbeitsleben in der Rente“, erläutert der Wissenschaftler. Er will an der Formel „Integration durch Arbeit“ festhalten.
Dennoch plädiert auch Kraemer für eine Neujustierung von Erwerbsarbeit und anderen Formen der Arbeit, etwa der Versorgungsarbeit in Familien. „Wir brauchen eine neue Balance zwischen Flexibilität auf der einen und sozialer Sicherheit auf der anderen Seite.“ Die Arbeitsmarktpolitik setze einseitig auf die Steigerung von Flexibilität und vernachlässige das fundamentale Bedürfnis der Menschen nach einem bestimmten Maß an sozialer Sicherheit. Zur Eindämmung der prekären Arbeitsverhältnisse und der Arbeitslosigkeit sieht Kraemer die Tarif- und Arbeitsmarktpolitik in der Verantwortung. Denkbar seien beispielsweise Tarifverträge für die steigende Zahl der prekär Beschäftigten oder Weiterbildungsangebote auch für befristet Angestellte.
Die von Beck geforderte Einführung eines Bürgergeldes hält Kraemer hingegen nicht für geeignet. Dieser Vorschlag widerspreche den „fundamentalen Vorstellungen von Gerechtigkeit in der breiten Bevölkerung“. Derjenige, der soziale Rechte und Hilfeleistungen in Anspruch nehme, müsse auch die Bereitschaft aufbringen, für diese Gesellschaft etwas zu leisten. Diese Vorstellungen einer Leistungsgesellschaft seien über Generationen hinweg gewachsen. Solange die Finanzierung und die politische Durchsetzbarkeit des Bürgergelds unklar sind, sieht Kraemer darin „eine schöne Formulierung für ein Sozialgeld, für ein Arbeitslosengeld zwei, das kaum für den Lebensunterhalt reicht“.
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