Von CHRISTIAN BOS, 21.11.06, 07:03h
Auf der ersten Seite von „Gravity's Rainbow“, zu Deutsch „Die Enden der Parabel“, seinem berühmtesten und waghalsigsten Roman, lässt Thomas Pynchon eine V2-Rakete auf London stürzen. „Ein Heulen kommt über den Himmel“, warnt der erste Satz. 33 Jahre später lässt Pynchon in seinem neuen Roman „Against the Day“ ein Luftschiff in den Himmel steigen und mit ihm fünf fröhliche Jungs. Der Wind trägt die jugendlichen Glücksritter nach Chicago, zur großen Weltausstellung 1893. Die Stimmung ist hoffnungsfroh, der Himmel verspricht noch grenzenlose Freiheit, die Enden der Parabel sind noch nicht erreicht. Doch der Aufstieg zum Scheitelpunkt hat längst begonnen.
Auf den 1000 verbleibenden Seiten tummeln sich anarchistische Bergarbeiter, wunderschöne Mathematikerinnen, ein sprechender Kugelblitz namens Skip, die Bewohner des Erdinneren und verkleidete Hunde, die unschuldige Helden zu verkommenen Handlungen verführen. Doch hinter all dem Lärm verbirgt sich ein Plutokrat namens Scarsdale Vibe, erzböse wie Darth Vader, der nicht weniger plant als die Kolonialisierung des Himmels.
Man kann sagen, dass „Against the Day“, der soeben in den USA erschienene sechste Roman Thomas Pynchons, des Autors große Erzählung vom Siegeszug des Kapitalismus vervollständigt. Wenn man sie denn findet, die große Erzählung, inmitten der tausend Abschweifungen, Mini-Erzählungen und Musicalnummern in Pynchons postmodernem Werk. Seit dieser Woche arbeiten sich die Rezensenten der großen amerikanischen Zeitungen an diesem Berg von einem Buch ab. Mit 1085 eng bedruckten Seiten ist es das umfangreichste im Ruvre des geheimnisumwitterten Autors. „Against the Day“ fühle sich nicht an, als wäre es für menschliche Maßstäbe geschrieben, klagt ein Kritiker. Ein anderer vergleicht die Hingabe, die der Leser für „Against the Day“ benötigt, mit der Hingabe, welche die Ägypter Steine zu Pyramiden schichten ließ. Der Rezensent der „Newsweek“ hat sich gar zu dem drastischen Schritt entschlossen, das gigantische Buch in mehreren Folgen zu besprechen.
Ungewöhnlich? Nicht für einen Pynchon-Roman. Schon „Gravity's Rainbow“ wurde von der Jury des Pulitzer-Preises als „unlesbar“ und „geschwollen“ abgelehnt. Heute klagt der Kritiker der „New York Times“ über das „aufgeblasene“, „prätentiöse“ und „undurchsichtige“ „Against the Day“.
Vielleicht ist es schlicht nicht menschenmöglich, sowohl das Ereignis eines neuen Pynchon-Romans wie auch einen Pynchon-Roman zu behandeln. Dass der heute 69-jährige Schriftsteller - den in 50 Jahren keine Journalisten-Kamera vor ihr Objektiv bekommen hat - nach fast zehn Jahren des medialen Schweigens ein neues Werk veröffentlicht, hatte schon bei der Ankündigung im vergangenen Juli für Aufsehen gesorgt. Schließlich gilt nicht nur vielen Literaturexperten Pynchon als wichtigster Autor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Unfotografierbare kann auch eine Fangemeinde sein Eigen nennen, wie sie sonst nur früh verstorbene Rockstars oder Filme mit großen Raumschiffen nach sich ziehen.
Der Pynchon-Kult treibt seit Jahrzehnten die herrlichsten Blüten. Da wurde mal behauptet, es handele sich bei der Person Pynchon in Wirklichkeit um J. D. Salinger, jenen anderen großen Medienverweigerer der amerikanischen Literatur. Dann wiederum wurde der ehemalige Boeing-Angestellte verdächtigt, in Wahrheit der als „Unabomber“ bekannte Anti-Technik-Terrorist zu sein. Zuletzt machte ein findiges Online-Magazin eine Internet-Seite von Pynchons studierenden Sohn Jackson aus, auf dem sich der Sohnemann Arm in Arm mit einem älteren Herrn zeigt. Nein, das sei nicht der bekannte Autor, wandten angebliche Bekannte Pynchons ein. Aber vielleicht ist auch das wiederum nur ein Täuschungsmanöver. Auf der anderen Seite wissen wir wahrscheinlich mehr über Pynchons innere Welt als über die unserer Lieben. Man muss sie nur lesen, die dicken, schwierigen, abschweifenden Bücher.
Aber wie ist denn nun „Against the Day“? Es ist zugänglicher als der vorhergehende Roman „Mason & Dixon“, nicht so geradlinig wie „Vineland“. Es ist auch nicht so böse und brillant wie „Gravity's Rainbow“, aber das hatte niemand ernsthaft erwartet. Es ist sehr lustig. Und es ist, soviel ist sicher, die monatelange Hingabe an seine Abertausende Geschichten wert.
Thomas Pynchon: „Against the Day“ , Penguin Press, 1086 Seiten.
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