Erstellt 24.11.06, 07:03h
Was sehen wir? Ein Mädchen, ganzfigurig, im Profil, das, nach seiner körperlichen Erscheinung zu urteilen, etwa zwölf Jahre alt sein könnte. Doch es ist gekleidet in der Art einer vornehmen Dame der bürgerlichen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die sich zum Ausgang und vermutlich für einen offiziellen Anlass zurechtgemacht hat. Die dargestellte erwachsene Dame, oder das Mädchen als Damendarstellerin, trägt ein schwarzes, gerüschtes Seidenkleid mit hoch geschlossenem Kragen, schwarze Strümpfe und schwarze Schuhe mit halbhohen Absätzen und als modischen Trumpf einen breitkrempigen weichen Hut. Einziges Zugeständnis an das kindliche Alter der Person ist der gebauschte, nur eben die Knie bedeckende Rock des Kleides. Eine erwachsene Dame hätte einen langen Rock getragen.
Es gehört zur Zweideutigkeit des Bildes, dass Kinder damals als unfertige, werdende Erwachsene galten und keineswegs immer kindgemäß gekleidet waren. Trotzdem ist die damenhafte Aufmachung des Mädchens nicht selbstverständlich - Ensor hat sie durch den vornehmen, schwarzen Seidenstoff und den selbst im Innenraum getragenen üppigen Hut so ausdrücklich betont, dass sie wie eine Kostümierung wirkt, vor allem auch deshalb, weil sie in einem befremdlichen Kontrast zum Spielzeug des Mädchens, den beiden lumpigen Puppen, steht.
Das ist das Zentrum der Fragwürdigkeit des Bildes, sein verborgenes Problem. Wir, die Betrachter des Bildes, sind heimliche Zeugen einer Szene, die nicht für unsere Augen bestimmt ist. Sie spielt sich in einem beklemmend engen, düsteren Raum ab, dessen Tiefe kaum die Breite von drei Fußbodenbrettern hat. Er wird abgeschlossen von einer Wand, die mit einem vermutlich nachgedunkelten alten Seidenstoff mit eingewebten Blumenmustern bespannt ist. Auch diese Blumengebinde müssen viel von ihrer ursprünglichen Leuchtkraft verloren haben. Sie wirken welk wie Blumensträuße auf einem alten Grab. Vorne links im Bild steht oder lehnt ein stockähnlicher Gegenstand, der zur Rückenlehne eines Stuhles gehören könnte, welcher zum größten Teil außerhalb des Bildes steht. Endgültig klären lässt sich das nicht.
Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird von der zentralen Figur beansprucht, dem damenhaft verkleideten Mädchen, das seine Puppe wie zu einem intimen Zwiegespräch oder einer stummen Musterung dicht an sich herangezogen hat. Anscheinend hat sie der kleinen Puppe das Kleid zur Hälfte vom Leib gezerrt, denn es hängt als ein zerzauster Lumpen an ihr herunter. Mit der rechten Hand hat sie die winzigen Ärmchen der Puppe zu einer flehentlichen Gebärde hochgebogen, die gegensätzlich deutbar ist - als Wunsch nach mütterlicher Nähe und Zärtlichkeit und als panische Angst und Abwehr einer bedrohlichen Gewalt. Das bleiche Gesicht des Mädchens, das die Puppe fest im Griff hat und starr auf sie herabblickt, lässt zunächst beide Deutungen zu. Es zeigt jedoch nicht die Spur eines zärtlichen Lächelns, eher kalte, unbarmherzige Beobachtung des hilflos ihr ausgelieferten Puppenkindes. Es ist ein gouvernantenhaftes, maskenhaftes Gesicht, das nicht mit sich reden lässt, gerechtfertigt durch Prinzipien und taub für Gefühle.
Und zugleich gierig nach fremden Gefühlen und dem Erlebnis der eigenen Macht. Denn was das Mädchen gleich tun wird, ahnt man, wenn man hinter seine Füße blickt, wo eine misshandelte und zerstörte Puppe wie tot an der Wand lehnt. Gleich wird in der Logik eines ewigen Wiederholungszwangs das Strafgericht erneut vollstreckt werden, mit dem das als strenge Dame kostümierte Mädchen immer wieder an ihren Puppen nachvollzieht, was ihm selbst angetan wurde, als man ihm im Namen der gesellschaftlichen Kultur seine Kindheit ausgetrieben hat. Der unbewegliche Ausdruck seines bleichen Gesichtes zeigt, dass es sich nun auf der richtigen Seite wähnt.
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