Von HEIKE NICKEL, 25.11.06, 07:16h
Beim Meister gelernt
Dabei geht die 1971 in Nepal geborene Ani Choying Drolma mit gutem Beispiel voran. Mit 13 Jahren trat sie in das buddhistische Kloster Nagi Gompa nördlich von Kathmandu ein und entfloh damit ihrem gewalttätigen Vater. In dem auch im Westen berühmten Meditationsmeister Tulku Urgyen Rinpoche fand sie ihren Mentor, der sie nicht nur eine selbstlose Lebenshaltung lehrte, sondern auch, dass Männer und Frauen entgegen der nepalesischen Gesellschaftshaltung gleichberechtigt und -bedeutend sind. Ani Choying studierte die buddhistischen Gesänge und Zeremonien und träumte davon, mit ihren Fähigkeiten anderen Menschen zu helfen.
Als der amerikanische Gitarrist Steve Tibbetts auf einer Reise durch Nepal Ani Choyings Gesang erleben durfte, kam ein Stein ins Rollen, der die Träume der jungen Frau Wirklichkeit werden ließ. Tibbetts unterlegte den Gesang mit Gitarrenklängen und produzierte eine CD, die Anklang fand.
Aus dem „Geheimtipp“ Ani Choying wurde in den letzten Jahren eine von Musikliebhabern auf der ganzen Welt geschätzte Interpretin traditioneller buddhistischer Gesänge und moderner religiöser Lieder. Im Jahr 2005 erhielt Ani Choying in Nepal vier Auszeichnungen für ihr musikalisch-künstlerisches Schaffen: Beste Sängerin des Jahres, bestes Lied des Jahres, beste Musik des Jahres und beste Künstlerin des Jahres.
„Meine Stimme ist mein Werkzeug“, sagt sie bescheiden, denn mit dem Erlös ihrer CDs und Konzerte gründete Ani Choying 1998 zunächst die Nuns Welfare Organisation of Nepal, die sich der Ausbildung von Nonnen widmet. Kurz darauf gründete sie die „Arya Tara School“ - die erste Nonnenschule in Nepal, die die Schülerinnen kostenlos in Lesen, Schreiben, Mathematik, Naturwissenschaften sowie buddhistischer Philosophie unterweist.
Nach einer Grundausbildung werden die Nonnen zudem im Gesundheits- und Pflegedienst geschult und ermutigt, in ihren Heimatorten ihr Wissen an andere weiterzugeben. „Ich könnte 700 Mädchen und Frauen aufnehmen, weil die Armut im Land ist sehr groß und die Nachfrage nach einer kostenlosen Ausbildung ebenfalls“, erzählte Ani Choying jüngst bei ihrem letzten Besuch in Bad Münstereifel. In die Kurstadt kommt die 35-Jährige immer wieder gern, denn in Hannelore Fritz und Elke Andersen hat die engagierte Nonne gute Freundinnen gefunden. „Sie sind meine Engel“, sagt Ani Choying. „Ohne Menschen wie sie wäre mein Projekt gar nicht durchführbar.“
Zurzeit leben und lernen 50 Nonnen im Alter zwischen sieben und 24 Jahren in der Schule, womit sie ein besonderes Privileg genießen: Nur 24 Prozent der Frauen in Nepal haben eine Schulbildung, verglichen mit beinahe 60 Prozent bei den Männern. Sechs Jahre lang werden sie mit Wissen, Führungsqualitäten und Selbstvertrauen sowie einer geistlichen Grundlage ausgestattet. „Dieses Jahr haben drei Absolventinnen der Schule ein Hochschulstudium aufgenommen“, erklärte Ani Choying stolz.
Schlimme Erfahrungen
Und das kann sie wohl sein, denn fast alle ihrer Schülerinnen entstammen bettelarmen Familien, in denen nicht selten allein stehende Mütter um das nackte Überleben ihrer Kinder kämpfen mussten. Ihre eigene Erfahrung mit einem gewalttätigen Vater machen Ani Choying sensibel gegenüber den Schicksalen der jungen Frauen, in deren Biografie Alkoholismus, Missbrauch und Misshandlungen keine Seltenheit sind.
Als Hannelore Fritz und Elke Andersen die singende Nonne erstmals nach Bad Münstereifel holten und in der evangelischen Kirche ein Konzert organisierten, waren sie sofort begeistert von der jungen Frau und ihrer gewinnenden Ausstrahlung. „Sie ist so unglaublich wahrhaftig“, so Andersen. Die gelernte Krankenschwester Hannelore Fritz träumt davon, eines Tages selber nach Nepal zu reisen, um dort eine Zeit lang an der Nonnenschule zu unterrichten.
Vorerst aber unterstützt sie gemeinsam mit ihrer langjährigen Freundin Ani Choying von Deutschland aus. Und das nach Kräften: Auch beim jüngsten Konzert in der Münstereifeler evangelischen Kirche waren wieder zahlreiche Zuhörer zugegen, die sich von den Gesängen der buddhistischen Nonne verzaubern ließen. Und von der Idee, mit ihrem Eintritts- und Spendengeld eine kleine Schule in einem Vorort von Kathmandu zu unterstützen.
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