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Von Plato bis John Lennon

Von HORST WILLI SCHORS, 25.11.06, 08:17h

Was hält die Gesellschaft zusammen? In Europa und den USA gibt es darüber eine Wertediskussion. Die Autoren entwerfen ein originelles Koordinaten-System der Geistesgeschichte in Europa.

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Ein undatiertes Archivbild des jungen John Lennon.
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Ein undatiertes Archivbild des jungen John Lennon.
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Das Bild zeigt den Kopf des Philosophen Plato.
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Wir Europäer, sagt der Erfolgsautor Peter Prange, der mit historischen Romanen („Die Philosophin“, „Das Bernstein-Amulett“) bekannt geworden ist, sind ein eigenartiges Völkchen. Sie hätten in 2000 Jahren einen einzigartigen Wertekosmos hervorgebracht und eine gemeinsame Art geschaffen, die Welt zu begreifen und zu verändern.

Das sollte eigentlich Selbstbewusstsein und Identität stiften. Aber immer wieder ließen sich die Europäer von nassforschen Amerikanern, fundamentalistischen Moslems und raunenden Gurus ins Bockshorn jagen. Die Selbstvergewisserung der Europäer ist darum notwendig und legitim, schreibt Mitherausgeber Frank Baasner, der als Direktor des Deutsch-Französischen Instituts ganz praktisch an dieser Selbstvergewisserung mitarbeitet. Die Autoren fordern eine „selbstbewusste Standortbestimmung“ - und haben einen 750-seitiges Werk vorgelegt, in dem die Vordenker des europäischen Wertekosmos - von Plato bis John Lennon - selbst zu Wort kommen.

Der Europäer ist ein Mensch der Widersprüche, ein dialektisches Wesen. So lautet die Grundthese des Buches. Was er auf der einen Seite aufbaut und propagiert, wird auf der anderen Seite sofort wieder negiert und abgerissen. Das mag nicht sehr ökonomisch sein, schützt aber vor Fundamentalismus und dem Verharren in selbstverschuldeter Unwissenheit. Darum ist diese Widersprüchlichkeit auch eine europäische Stärke.

In 20 - als Gegensatzpaare konzipierten - Kapiteln entwerfen die Autoren ein Koordinatensystem europäischer Geistes- und Wertegeschichte. Das reicht von „Glaube und Vernunft“, „Idealismus und Realismus“ und „Gleichheit und Elite“ bis hin zu „Nation und Union“. Jedes Kapitel wird mit einem sehr anschaulich und populär geschriebenen Text eröffnet. Dazu sind knappe Auszüge aus philosophischen, literarischen und politischen Texten von europäischen Großdenkern aus zwei Jahrtausenden gestellt.

So treffen etwa unter „Leben und Sinn“ der Kirchenvater Augustinus, unvermeidbar Goethes Faust und - schon überraschender - die britischen TV-Dadaisten Monty Python aufeinander. Heraus komm ein wahres Hausbuch des europäischen Geistes, kritisch, gelegentlich auch ein wenig flapsig, in den aktuellen politischen Bezug gestellt, der da lautet: Wie finden wir Europäer zu uns selbst?

Fachhistoriker, die in gedankenschweren Ausführungen über die geografischen, historischen oder antropologischen Grenzen Europas nachdenken, mögen sich hin und wieder ein wenig mokieren, weil das Buch eine klare Sprache riskiert und den Weg zum breiten Publikum sucht. Bei dem Versuch, auch ganz aktuelle Texte zu finden, geht den Herausgebern allerdings gelegentlich die Luft aus. Vielleicht liegt das auch daran, dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die amerikanische (Pop-)Kultur die europäische Diskussion beherrschte. Und da Bob Dylan und Frank Zappa nun einmal keine Europäer waren, mussten als schwache Zweitbesetzungen Donovan und Freddy Mercury herhalten.

Ein wenig bemüht wirkt auch der offensichtliche Versuch, sich europäisch ganz korrekt zu verhalten und allen EU-Mitgliedsländern eine Stimme zu geben. Nur so ist zu erklären, dass etwa die luxemburgische Nationalhymne in das Buch geriet. Man hätte dem mit Engagement und Herzblut produzierten Buch zudem ein etwas aufmerksameres Lektorat gewünscht. Aber das alles lässt sich ja reparieren.

Mit „Werte“ liegt endlich ein gut geschriebenes, leicht lesbares und mutig konzipiertes Buch vor, das die notwendige und überfällige Diskussion um eine europäische Identität (und auch darüber, was eben nicht mehr europäisch ist) aus den Studierstuben in die Schulen und in die Öffentlichkeit trägt.

Peter Prange (mit Frank Baasner und Johannes Thiele): „Werte - Von Plato bis Pop - Alles, was uns verbindet“. Droemer-Verlag, 752 Seiten, 25 Euro



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