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Die Finca am Ende der Welt

Von THORSTEN KELLER, 30.11.06, 14:52h, aktualisiert 01.12.06, 12:08h

El Hierro, die westlichste der Kanarischen Inseln, ist touristisch noch völlig unverdorben. Badeurlaub ist nur sehr eingeschränkt möglich, die meisten Besucher wollen wandern oder tauchen.

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Eine Finca in völliger Abgeschiedenheit
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Eine Finca in völliger Abgeschiedenheit
Badeurlaub ist nur sehr eingeschränkt möglich, die meisten Besucher wollen wandern oder tauchen.

Das finden Sie niemals alleine“, hatte die Chefin des Reisebüros am Telefon gesagt, „Antonio erwartet Sie am Hafen.“ Mit unserem Leihwagen folgen wir Antonios Pick-up durch die Nacht. In abenteuerlichen Serpentinen schraubt sich die Straße vom Meeresspiegel am Fährhafen rasch bis auf 600 Meter. Wir passieren die Inselhauptstadt Valverde, die am späten Abend völlig ausgestorben ist, machen kurz vor San Andres eine Vollbremsung für eine orientierungslose Ziege und biegen dann rechts in eine schmalere Waldstraße ein. Ein Steinhaufen links am Straßenrand - der oberste Kiesel ist weiß angepinselt - ist der einzige Wegweiser zur Finca Matel. Nach anderthalb Kilometern Rumpelpiste sind wir am Ziel, die letzten 100 Meter vom Stellplatz bis zum Haus steigen wir zu Fuß hoch - ohne Taschenlampe würden wir uns den Hals brechen.

Vor etwa hundert Jahren, so erzählt uns Antonio, hat sein Urgroßvater Luis den Vorläufer der Finca Matel gebaut - zunächst war es ein schlichter „Pajero“, ein schilfgedecktes Steinhaus ohne Putz und Mörtel. Bewohnt wurde es von der Familie nur einige Wochen im Spätsommer zur Weinlese und Feigenernte. Seit Antonio und seine Mutter das Haus detailverliebt restauriert haben, vermieten sie die Finca an Touristen. Leute, die Ruhe und Abgeschiedenheit suchen. Und die nach 14 Tagen ohne Fernseher, Radio, Computer und Telefon nicht in eine Beziehungs- oder Sinnkrise stürzen. Von der Terrasse, 900 Meter über Normalnull, bietet sich an klaren Tagen ein spektakulärer Fernblick bis zum „Meer der Stille“, kein anderes Haus liegt in Sichtweite. Und weit und breit ist keine Stromleitung zu sehen - Warmwasser und Elektrizität laufen, je nach Wetter mehr oder weniger ergiebig, über die Solarzellen auf dem Dach.

Von einem in den achtziger Jahren gebauten Haus der staatlichen Hotelkette „Parador“ an der Ostküste mal abgesehen, findet auf der Insel kein organisierter Tourismus statt. Die meisten Inselbesucher reisen auf eigene Faust, in erster Linie kommen Wanderer und Taucher. Eine der schönsten Touren führt von der Wallfahrtskirche Ermita Virgen de los Reyes zu den vom Wind bizarr verbogenen, seitwärts wachsenden Wacholderbäumen von El Sabinar - die meistfotografierten Sehenswürdigkeiten der Insel. Wenige Kilometer entfernt liegt der Leuchtturm Faro de Orchilla, der seine Signale längst vollautomatisch aussendet. Bis Kolumbus galt diese Klippe an der Südwestspitze als „Ende der Welt“, basierend auf den Annahmen des Astronomen Ptolemäus (100-160 nach Christus). Er glaubte, die Erdscheibe sei hinter El Hierro zu Ende, eine Weiterfahrt nach Westen mithin nicht möglich.

Die vulkanisch geprägte Unterwasserwelt vor La Restinga erkunden eine Handvoll Tauchschulen. Weil im Naturschutzgebiet „Mar de las Calmas“ nur sehr eingeschränkt getaucht werden darf, sind nie mehr zwölf Taucher gleichzeitig an einer Einstiegsstelle. In den Höhlen und Felsspalten begegnen wir glupschäugigen Kugelfischen, spitzmäuligen Moränen und immer wieder Thunfischen. Inselrestaurants verarbeiten die verschiedenen Arten wie „Bonito“ und „Rabil“ ganz unterschiedlich: Während im „El Refugio“ in La Restinga kolossale, magenfüllende Steaks (für nur 7,50 Euro) aufgetischt werden, wird im auch architektonisch überwältigenden „Mirador de la Peña“ hauchzartes Carpaccio serviert.

Wer sich am Sandstrand braten lassen möchte, ist auf El Hierro verkehrt - es gibt keine Sandstrände. Schwimmen im offenen Atlantik wäre an den meisten Stellen lebensgefährlich, gebadet wird daher in „Charcos“ - von Lavafelsen eingefasste Naturbassins, die besonders an der Playa Tacoron fast perfekt gegen die heftige Brandung abgeschirmt sind. In andere Becken (Charco Manso) rollen die Wellen dagegen so überfallartig hinein, dass arglose Urlauber auf der gemauerten Badeplattform schnell mal eine unfreiwillige Dusche abbekommen.

Jenseits dieser unberechenbaren Naturgewalten ist El Hierro ein sicheres Urlaubsziel: Bei unserem Abschied von der Finca Matel lassen wir, wie mit Antonio vereinbart, einfach den Schlüssel stecken. Der Leihwagen bleibt am Hafen stehen - Zündschlüssel unter der Fußmatte. Der aufdringliche Alltag holt uns bereits auf der Nachtfähre nach Teneriffa ein: Über die Lautsprecher im Salon dröhnen Opernarien in Diskothekenlautstärke.



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