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Geschichte

Die braune Vergangenheit einer Region

Von F.A. HEINEN, 30.11.06, 07:16h, aktualisiert 29.08.08, 13:15h

Kreis Euskirchen - Neun Autoren des Kreis-Geschichtsvereins liefern in zwei Bänden ein opulentes Werk zur Lokalgeschichte von 1933 bis 1945.

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Acht der neun Autoren der Dokumentation
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Acht der neun Autoren der Dokumentation
Bild: Sammlung Heinen / Archiv
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Tausende säumen die Straßen beim Parteitag der Nationalsozialisten in Gemünd.
Bild: Sammlung Heinen / Archiv
Euskirchen - Neun Autoren liefern in zwei Bänden ein opulentes Werk zur Lokalgeschichte in der Zeit von 1933 bis 1945.

Kreis EUSKIRCHEN - Die Literatur zum Nationalsozialismus summiert sich mittlerweile auf 40 000 Titel weltweit. Seit gestern gibt es dazu eine weitere opulente Darstellung des Kreis-Geschichtsvereins: „Nationalsozialismus im Kreis Euskirchen - Die braune Vergangenheit einer Region“. Auf rund 1000 Seiten, verteilt auf zwei Bände, liefert das Werk einen breit angelegten Überblick zur Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus im Gebiet des heutigen Kreises Euskirchen.

Ein kompetentes Autoren-Kollektiv hat in dem Buch zusammengetragen, was nach gezielter, teils jahrelanger Recherche an Ergebnissen vorlag. Die Anregung zu dieser Darstellung war seinerzeit vom Kreistag gekommen. Der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Dr. Reinhold Weitz, packte daraufhin das Thema energisch an. Die Autoren steuerten ihre Beiträge honorarfrei bei, die Kreissparkassen-Stiftung öffnete ebenfalls die Spendenschatulle, so dass der sehr moderate Verkaufspreis des Buches (24 Euro) lediglich die tatsächlichen Druckkosten deckt.

Alltagserfahrungen

Die bereits früher umfänglich dargestellten Themen Kriegsende, Judenverfolgung und Vogelsang sind bewusst ausgeklammert worden. Im Mittelpunkt steht die Alltagserfahrung der damals lebenden Menschen. Die Darstellung will zeigen, wie und unter welchen Rahmenbedingungen die Nationalsozialisten hier zur Macht kamen, und wie die Bevölkerung das damals wahrnahm.

Das wohl unangenehmste Thema packte Dr. Gabriele Rünger an: Rassenhygiene und Erbpflege, Zwangssterilisation und letztlich auch in unerwartet großem Ausmaß die Tötungen im Rahmen der Euthanasie.

Mit mehreren Beiträgen ist der Vereinsvorsitzende Weitz vertreten. Der Historiker stellt beispielsweise die regionalen Verhältnisse vor der so genannten „Machtergreifung“ dar sowie die regionalen Anfänge und den Aufstieg der NSDAP bis hin zur endgültigen Durchsetzung der Macht, was sich bis etwa 1935 hinzog. Erst da begann die wirkliche „Herrschaftsphase“ der Nazis im Kreisgebiet.

Weitz resümierte anlässlich der Vorstellung des Werkes: „Der Nationalsozialismus war ein Importgut.“ Abgesehen von einem aktiven Euskirchener Arzt, der schon vor 1933 auch über die Kreisgrenzen hinaus im Sinne Hitlers missionierte, standen die einheimischen Nazis 1933 bestenfalls für politisiertes Rabaukentum, nicht aber für eine ernst zu nehmende politische Macht. Laut Weitz waren es letztlich importierte Nazis aus der Schule des Gauleiters Josef Grohé und aus der Entourage von Robert Ley, die in der Region ab 1933 die führenden Stellungen einnahmen.

Wobei es durchaus regionale Unterschiede gab: Besondere Probleme hatten die Nationalsozialisten beispielsweise im Münstereifeler Höhengebiet, aber auch im Zülpicher Umland. Diese Bereiche erwiesen sich gegenüber dem Nationalsozialismus lange als resistent.

Weitz und Hermann Josef Kesternich gingen auch der Frage nach, wie sich denn damals die großen Kirchen zu den neuen Machthabern stellten. Sie waren immerhin die einzigen Institutionen, die Einfluss auf die Menschen behielten.

Die öffentliche „Festkultur“ untersuchte Maria-Regina Neft. Die Nazis hatten ja übers Jahr verteilt zusätzlich zu den althergebrachten Festanlässen jede Menge weitere Feiergelegenheiten geschaffen. Man beging den „Tag der Machtergreifung“, den „Tag der Verkündung des Parteiprogramms“, „Führers Geburtstag“ und manches mehr. Wo immer möglich, stülpten die Nazis den herkömmlichen Feiergebräuchen ihren eigenen Stil über und füllten sie mit ihren Inhalten. Aus dem herkömmlichen Mai-Umzug wurde so eine Veranstaltung zum „Tag der Arbeit“.

Hans Helmut Wiskirchen ging der Frage nach, wie sich denn die Schulen im Nationalsozialismus verhielten, was sich für Lehrer und Schüler änderte. Der Sport spielte ebenfalls eine bedeutende Rolle bei der Vereinnahmung der Menschen. Dieses Thema bearbeitete sachkundig Hermann-Josef Breuer.

Gabriele Rünger untersuchte das mörderische Euthanasieprogramm und die Zwangssterilisation, welche die Nationalsozialisten ab 1935 mit den berüchtigten „Nürnberger Gesetzen“ in einen juristischen Rahmen gossen. Am Beispiel der psychiatrischen Heilanstalt Kloster Hoven macht Rünger die Folgen dieser Rassengesetze deutlich. 58 Patienten wurden dort zwangssterilisiert, 368 Kranke am 18. August 1942 zur Tötung nach Hadamar gebracht.

Benjamin Obermüller beschäftigte sich mit Landwirtschaft und Gewerbe in der NS-Zeit, Walter Hanf erforschte den Dorfalltag in der Zeit des Westwall-Baus in der Eifel, und Ursula Schäben ging der Frage nach, wie denn der Kriegsalltag aussah. Und schließlich kommt noch einmal Weitz zu Wort mit der Frage, wie ab 1945 die Entnazifizierung letztlich in die Selbstfreisprechung der Täter überging.



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