Erstellt 30.11.06, 07:03h
In meinen Kindertagen habe ich den höchsten Gott mit dem Heiligen Geist oberhalb der Marienfigur überhaupt nicht bemerkt, ja ich glaube, dass ich damals überhaupt nur wenige Partien des Bildes wahrgenommen habe. Fast immer fixierte der Blick zunächst das Antlitz Mariens, dieses rätselhaft-fremde Oval mit der breiten Stirn, die ebenmäßige, faltenlose und straffe Haut, unglaublich zart und hell, den winzig-roten, geschwungenen Jungmädchen-Mund, die schweren Augenlider, die den gesenkten Blick noch stärker betonten - dieses blasse, vornehme und ferne Gesicht mit dem goldgelben, in großer Schönheit nach hinten fließendem Haar war alles, was ich erkannte und worauf ich achtete.
Manchmal aber fuhr ich mit meinen Großeltern und den Eltern nach Köln, dann gingen wir vom Bahnhof aus direkt in den Dom, um uns dort Lochners Altarbild der Kölner Stadtpatrone anzuschauen. Vom Dom aus spazierten wir oft noch weiter ins nahe gelegene Museum, wo die „Muttergottes in der Rosenlaube“ das einzige Bild war, auf das wir überhaupt einen Blick warfen. Wir schauten nach, ob unser Bild sich noch an seiner alten Stelle befand, wir verglichen das Original mit der Kopie, und meist sagte irgendjemand von uns, dass man einfach nicht verstehen könne, warum das Original einem denn viel kleiner erscheine als die Kopie.
Viel wichtiger aber war, dass ich bei diesen Museumsbesuchen endlich Gelegenheit hatte, unserem „Muttergottes“-Bild auf Augenhöhe und ganz aus der Nähe zu begegnen. Zu Füßen der Madonna saßen vier etwas größere, musizierende Engel: Zwei Lauten! Eine Harfe! Eine kleine Orgel! Warum aber waren es gerade vier? Seltsam, dass die Muttergottes auf ihr Musizieren nicht reagierte. Sie lächelte nicht, ja sie kümmerte sich im Grunde nicht einmal ernsthaft um das Jesuskind, das sie gerade noch seitlich auf ihren Knien hielt. Womit also war sie beschäftigt? Mit sich selbst? Mit ihrer Schönheit? Oder war sie eher eine scheue Frau, die zurückhaltend und vorsichtig zur Seite schaute, um sich nicht ganz zu erkennen zu geben?Meine Großmutter faltete auch im Museum jedes Mal die Hände, sobald sie einen Blick auf das Bild geworfen hatte. Sie betete, aber sie brauchte das Bild nicht anzuschauen, um das zu tun, im Grunde störte das Bild sie sogar beim Beten. Vielleicht erging es der Muttergottes ähnlich, vielleicht betete auch sie, und vielleicht hätte es sie vom Beten abgebracht, wenn sie das Jesuskind oder sogar einen Beter oder Betrachter angeschaut hätte.
Von meinem Großvater wiederum wusste ich, dass er sich nicht so sehr für die Muttergottes und das Kind, sondern vor allem für die Rosenlaube interessierte. Manchmal schmunzelte er, trat näher an das Bild heran und wartete darauf, dass man ihn fragte, ob er sich gerade die Rosenlaube genauer anschaue. Dann nickte er und sagte etwas über die Rosen, meist aber erzählte er auch davon, was er mit dem Rosenspalier in seinem Garten noch so alles vorhabe, je nach Jahreszeit fielen diese Erzählungen anders aus, mal war vom Schnitt, mal vom Hochbinden der Pflanzen die Rede.
Mein Vater aber sagte, wenn er Lochners Bild zu Gesicht bekam, meist nur einen einzigen Satz. „Das ist Stefan Lochners Muttergottes in der Rosenlaube“, sagte er, und dann starrte er auf das Bild, als sehe er es zum ersten Mal und müsse uns allen wahrhaftig erklären, um welches Bild es sich handelte. So standen wir im Halbkreis um Lochners Bild herum, jeder auf andere Weise mit ihm beschäftigt und von ihm geprägt.
Für meine Mutter aber war es wohl ein ganz besonderes Bild, denn es war das Bild all ihrer Hoffnungen und Ängste. Jedes Mal, wenn sie einen ihrer Söhne während des Krieges und nach dem Krieg verloren hatte, hatte sie vor diesem Bild zu der Muttergottes darum gebetet, dass das Töten und Sterben nun endlich ein Ende haben möge. Viermal hatte die Muttergottes sie nicht erhört, vier Söhne hatte meine Mutter verloren, bis die Muttergottes anscheinend zum ersten Mal zugehört und angesichts des Leids meiner Mutter sogar aufgeschaut hatte.
Als ich älter war, hat meine Mutter mir deshalb erzählt, dass die Geburt ihres fünften Kindes (und damit meinte sie natürlich meine Geburt) der Muttergottes in der Rosenlaube zu verdanken sei, denn die Muttergottes habe sich endlich ihrer erbarmt und beim höchsten Gott Fürsprache eingelegt. Seit ich diese Erzählung meiner Mutter gehört hatte, war mir Lochners Muttergottes noch unheimlicher als zuvor, und ich schaute sie während der Sonntagsmahlzeiten im Esszimmer meiner Großeltern nur noch ganz kurz und von der Seite her an.
Statt in das Gesicht der Muttergottes oder zu Gott Vater starrte ich auf die große, goldene Brosche, die das dunkelblaue Kleid der Muttergottes als einziges Schmuckstück so auffällig schmückte. Manchmal aber schaute ich auch auf die vier Engel und dann sehr rasch weiter auf den zugewachsenen, grünen Boden: Erdbeeren, ja Erdbeeren! Solche Erdbeeren würde es nach dem Essen geben, frische Erdbeeren, aus Großvaters Garten!
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