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„Die Machtclique ist verzweifelt“

Erstellt 06.12.06, 07:03h, aktualisiert 06.12.06, 13:45h

Noam Chomsky rechnet im "Kölner Stadt-Anzeiger"-Interview mit der Politik der Bush-Regierung ab. Die Bezeichnung "Extremist" für den US-Präsidenten nennt er ein Understatement - aber auch den Demokraten traut wenig zu.

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Der Linguist Noam Chomsky bei der Darstellung eines einschlägigen Problems im Mai 2001.
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Der Linguist Noam Chomsky bei der Darstellung eines einschlägigen Problems im Mai 2001.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Professor Chomsky, seit über 30 Jahren attackieren Sie die US-Politik, gleich wer im Weißen Haus regiert. Wie sehen Sie Ihre Rolle - als Agitator?

NOAM CHOMSKY: Das müssen andere beurteilen. Ich kann nur sagen, ich versuche einen kleinen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Ob ich, wie zum Beispiel gestern Abend, mit Vertretern von „City Life“ zusammengesessen habe, einer Gruppe, die sich um Arme hier in Boston kümmert, oder ob ich in Südamerika mit indianischen Aktivisten oder Studentenorganisationen zusammentreffe. Ich kann mir für mich eigentlich keine nützlichere und lohnendere Aufgabe vorstellen. Es ist so eine Art Berufung.

Sie werden morgen 78 Jahre alt und haben den Terminkalender eines Vollzeit-Missionars. Was ist Ihre Antriebsfeder?

CHOMSKY: Sorry, aber ich finde, die Frage ist falsch gestellt. Ich frage mich, warum ich nicht mehr tue angesichts des Elends in der Welt und des gefährlichen Erbes, das wir Kindern und Enkeln hinterlassen.

Ihre Kritiker staunen, dass Sie als nichtreligiöser Linker in Ihrem neuen Buch „Der gescheiterte Staat“ mit Blick auf die US-Atomwaffen vor einem „Armageddon“ warnen.

CHOMSKY: Ich greife nur ein Zitat des konservativen Ex-Senators Sam Nunn auf, der fürchtet, der aggressive Militarismus der Bush-Administration erhöhe das Risiko eines selbst herbeigeführten Armageddon. Auch der frühere Verteidigungsminister Robert McNamara warnt vor einer baldigen Apokalypse, wenn wir den derzeitigen Kurs beibehalten. Ich teile diese Vorhersagen, wenngleich es nicht die eigenen sind. Aber sie stammen von sehr angesehenen Persönlichkeiten, und sie sind leider nur allzu plausibel.

Was bedeutet es, wenn sich die Vereinigten Staaten der „Selbstbefreiung“ von zentralen Prinzipien des Völkerrechts brüsten?

CHOMSKY: Es ist extrem gefährlich, wenn ein Staat sich selbst zu einem „outlaw“-Staat erklärt, der sich - siehe Irak - nicht an internationales Recht und an internationale Normen gebunden fühlt. Und wenn dies der mächtigste Staat, den es in der Weltgeschichte bislang gab, für sich in Anspruch nimmt, ist die Bedrohung des Friedens gewaltig. Insofern die USA unter Bush internationales Recht schamlos missachten, trifft auf sie zu, was ich gescheiterten Regimes wie Nazi-Deutschland und der Sowjetunion vorwerfe. Sie sind nicht gescheitert, weil sie schwach gewesen wären, sondern weil Vernunft für sie kein Maßstab war.

Sie werfen dem „wiedergeborenen“ Christen George W. Bush Extremismus vor. Was meinen Sie damit?

CHOMSKY: Das ist mittlerweile Standard und bei uns durchaus schon Mainstream, wenn man bedenkt, dass der Einmarsch in den Irak mit Japans Angriff auf Pearl Harbor 1941 verglichen worden ist. Seit dem Bekanntwerden von Folteraktionen und der Missachtung der Genfer Konvention in der Armee ist meine Kritik schärfer geworden. Vielleicht ist der Begriff Extremist sogar ein Understatement.

Ich habe Bush nicht den schlechtesten Präsidenten in der amerikanischen Geschichte genannt, da bin ich moderater. Seine Haltung als „wiedergeborener“ Christ wird von vielen Beobachtern ja ernst genommen. Ich habe da meine Zweifel, obwohl bei uns viele an ein baldiges Weltenende glauben. Das ist nicht neu, neu ist nur, das zynische Parteistrategen erkannt haben, dass sich religiöser Extremismus in politische Macht ummünzen lässt. Keine besonders gesunde Entwicklung, um es milde auszudrücken.

Sie werfen Bush „Hybris“ vor. Hat sich das mit der jüngsten Wahlniederlage nicht womöglich erledigt?

CHOMSKY: Der Verlust über die Kontrolle des Kongresses könnte zu einer gemäßigteren Position führen. Es kann aber genauso gut sein, dass die verbleibenden Extremisten, Vizepräsident Cheney und ein paar andere, versuchen werden, die exekutive Gewalt auszuweiten.

Fürchten Sie eine militärische Intervention gegen Iran?

CHOMSKY: Ich erwarte sie nicht, aber ich kann sie auch nicht ausschließen. Armee und Geheimdienste lehnen eine solche Operation ab, wie es auch der Rest der Welt tut, Israel eingeschlossen. Alle sind sich einig, dass die Konsequenzen schrecklich wären. Aber die Machtclique in Washington ist verzweifelt. Sie haben eine Katastrophe im Irak angerichtet und möchten vielleicht auch dieses Problem mit dem Vorschlaghammer lösen. Ich unterstütze die Regierung ausdrücklich bei allen Bemühungen, die Vermehrung und Weitergabe von Atomwaffen zu stoppen.

Welche Hoffnungen setzen Sie auf die gestärkten Demokraten?

CHOMSKY: Ich bezweifle, dass sich ihre zweifellos gestärkte Position auf die Außenpolitik auswirken wird. Die Demokraten sind zurzeit keine wirkliche Oppositionspartei. Den meisten Wählern sind die unterschiedlichen Standpunkte von Republikanern und Konservativen ohnehin überhaupt nicht klar, was nicht daran liegt, dass die Leute apathisch oder dumm wären. Da zeigt sich der tiefe Graben zwischen der Meinung der normalen Bevölkerung und der politischen Elite.

Ihre Botschaft klingt pessimistisch. Haben Sie auch positive Visionen?

CHOMSKY: Ich bin nicht nur pessimistisch. Wir haben vieles erstritten, sind vielleicht das beste Land, was die Meinungsfreiheit anlangt. Aber warum haben wir keine Sklaverei mehr? Warum haben wir gleiche Rechte für Frauen? Doch nicht, weil das Geschenke von Königen oder Bischöfen waren. Dies ist das Ergebnis harter Auseinandersetzungen. Und von Widerstand und Ungehorsam. Das ist meine Vision.

Das Gespräch führte

Harald Biskup



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