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Intime Stimmung im Stadion

Von FRANK SCHERGEL, 02.01.07, 07:03h

Nicht viele deutsche Musiker schaffen es, das RheinEnergie-Stadion zu füllen, und sicher gibt es nur eine Band, die das an Silvester versucht. Drei Stunden lang heizten die Ärzte den Zuschauern ein.

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Bela B. hat sich schick gemacht für diese Kölner Silvesternacht.
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Bela B. hat sich schick gemacht für diese Kölner Silvesternacht.
„Klimakatastrophe, I love you - hier stehen Leute im T-Shirt vor der Bühne!“ Farin Urlaub, der Gitarrist der Ärzte, kann es nicht fassen. Tatsächlich scheint die Band das Glück gepachtet zu haben. Nicht viele deutsche Musiker schaffen es, das RheinEnergie-Stadion zu füllen, und sicher gibt es nur eine Band, die das an Silvester versucht. Die Ärzte haben es gewagt und hatten Erfolg: Das Konzert war lange vorher ausverkauft. So feierten 45 000 Fans im Freien eine Silvesterparty.

Wochen vorher wurde im Ärzte-Fanforum diskutiert, ob Rettungsdecken genügend wärmen und ob die silberne oder goldene Seite nach außen gehört. „Es wird kalt, aber das ist mir sch***egal, Hauptsache die Ärzte“, brachte einer die Fansicht auf den Punkt. Die Befürchtungen waren unnötig: Es war eine schöne, laue Silvesternacht unter dem Motto „Ärzte statt Böller“.

Die Ärzte, von Hause aus eine Punkrockband, kommen in festlicher Stimmung auf die Bühne, Bela B. sogar in schicker Partygarderobe mit weißer Fliege und Bauchbinde. Als es um neun Uhr losgeht, ist klar, dass sie bis nach Mitternacht spielen werden. Drei Stunden Programm auf einer Stadionbühne ist auch für die beste Band der Welt eine Herausforderung. Farin stöhnt: „Das ist die längste Setlist der Bandgeschichte: 38 Songs - wir mussten sogar proben!“

Manchmal merkt man den Ärzten die mangelnde Stadionerfahrung an: Bela B. läuft an der ersten Reihe der Fans entlang und verpasst seinen Einsatz, weil der Weg zurück zu seinem Minimal-Schlagzeug zu weit geworden ist. „Bei U2 wäre das nicht passiert“, lästert Farin, und es ist offensichtlich, dass er noch immer nicht ganz begriffen hat, dass seine Ärzte zumindest in Deutschland in einer Liga mit solchen Bands spielen. „Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir die Vorgruppe sind, aber die sind wegen uns hier!“ wundert er sich bei einem Blick ins Stadion. Aus ganz Deutschland sind die Fans angereist, und die Ärzte machen sie mit einem Kölner Klassiker bekannt: Sie covern Zeltingers „Müngersdorfer Stadion“.

Der Rest des Abends besteht überwiegend aus den Songs, die sie gerade auf ihrem „Bäst of“-Album herausgebracht haben. Dazu kommen einige merkwürdige ältere Stücke wie „Der lustige Astronaut“ oder „Teddybär“, von Bela B. angekündigt als „die Kronjuwelen meiner bisherigen Kompositionskunst“. Im Gegensatz zu manch anderem Ärzte-Konzert wird diesmal nicht erbarmungslos gerockt; es gibt Platz für ruhige Stücke wie den „1 / 2 lovesong“ von Rod Gonzales. Die drei wechseln sich beim Gesang ab, was die Vielseitigkeit erhöht. Zwischendrin wird das Publikum einbezogen: Farin Urlaub dirigiert eine „Schrei-la-ola“, die tatsächlich rund ums Stadion geht. Ein Junge vor der Bühne darf sich sein Lieblingslied wünschen. Für solche schönen Ideen werden die Ärzte geliebt, und so schaffen sie eine erstaunlich intime Party-Stimmung im Stadion.

Gute Einfälle hatten die Ärzte schon immer in ihrer nun über 20-jährigen Geschichte. Sie nahmen eine ganze Platte auf über Frisuren, ein Konzertmitschnitt heißt „Die Band, die sie Pferd nannten“, die 500-seitige Band-Biografie trägt den Titel „Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf“ - hier ist einiger Blödsinn im Spiel. Dabei zeichnet die Ärzte aus, dass sie auch sich selber nicht sonderlich ernst nehmen. Vor allem Farin Urlaub spielt immer wieder mit seinem Status als Popstar; und dass die Berliner sich ernsthaft einbildeten, die „beste Band der Welt“ zu sein, glaubt keiner. Im Laufe der Jahre haben sie sich auf diese Weise viel Kredit bei den Fans erspielt. Man verzeiht ihnen Songs, die man keinem anderen Deutschrocker durchgehen ließe: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt“, das hätte man normalerweise als langweiligstes Gutmenschentum abqualifiziert.

Sie können es besser: Der „Schrei nach Liebe“, erstes Stück des Abends, ist das beste Lied, das eine Band über Nazis geschrieben hat. Mit diesem Lied kamen sie 1993 nach fünfjähriger Pause zurück. Seitdem spielen sie in der gleichen Besetzung, Bassist Rod Gonzales ist aus der Band nicht mehr wegzudenken. Er hört sich stoisch die Comedy-Einlagen seiner Kollegen an, die miteinander streiten wie ein altes Ehepaar oder von Heiratsplänen in Las Vegas fabulieren. Manchmal suchen sie ihn als Opfer für ihre Witze aus: Während Rod am Klavier sitzt und singt, schlüpfen Farin und Bela B. in puschelige Kostüme. Als Hase und Huhn sehen sie so dämlich aus, dass Rod kaum weitersingen kann.

Gegen Ende des Konzerts geben sie dann noch einmal richtig Gas: „Unrockbar“, „Westerland“ und „Zu spät“ machen das langsam abschlaffende Publikum wieder richtig wach, dann wird das neue Jahr begrüßt, noch etwas weiter gerockt, und eine Viertelstunde nach Mitternacht ist die größte Silvesterparty der Stadt beendet. Nun können wir grübeln: Was sagt uns das über unsere Stadt, dass eine Berliner Band die absurde Idee eines Silvester-Open-Air-Konzertes ausgerechnet in Köln verwirklicht - und das mit Erfolg?



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