Schriftgröße

Von Pulheim nach Locarno

Von ALEXANDRA WACH, 05.01.07, 07:03h

Die Filmregisseurin Angelina Maccarone stößt in die deutsche Spitze vor. Fremdheit, Rassismus, sexuelle Unterdrückung - die Künstlerin setzt auf produktive Irritation und kommt damit gut an.

Bild: Verleih
Bild vergrößern
Angelina Maccarone
Bild: Verleih
Bild verkleinern
Angelina Maccarone
Fremdheit, Rassismus, sexuelle Unterdrückung - die Künstlerin setzt auf produktive Irritation.

Eine lesbische Iranerin verlässt ihr Zuhause, weil daheim Homosexualität mit dem Tod bestraft wird. In Deutschland ist dieser Sachverhalt nicht als Asylgrund anerkannt, und so schlüpft sie - als im Bewerberheim ein als „politisch“ Anerkannter stirbt - in dessen Rolle und landet am Fließband einer schwäbischen Konservenfabrik.

Der mit Preisen überhäufte Film heißt „Fremde Haut“, wurde 2005 mit Jasmin Tabatabai in der Hauptrolle gedreht und stammt von der Regisseurin Angelina Maccarone. Das risikobesetzte Drama bündelt alle Maccaroneschen Gefühle von Fremdsein: das äußere und das innere Exil, Anderssein in der Provinz, Sexualität und große Liebe. „Ich komme selbst aus der Provinz und hatte, solange ich denken kann, Fluchttendenzen“, sagt die 41-Jährige.

Wenn man sich über ihren blumigen Namen wundert und sie für ihr makelloses Deutsch lobt, fügt sie manchmal ermüdet hinzu, dass sie

aber kein Italienisch könne. Maccarone, die 2006 auf dem A-Festival von Locarno mit „Verfolgt“ einen der Hauptpreise für Deutschland gewann, hat das Leben zwischen den Kulturen zu ihrer künstlerischen Inspiration gemacht.

Als Gastarbeiterkind in Pulheim bei Köln geboren, hat sie sich immer als „anders“ empfunden. Sie lebte in der „Asi-Siedlung“, wo die Türken und Italiener unter sich blieben, und wanderte täglich eine halbe Stunde zum Gymnasium im bürgerlichen

Teil der Stadt. Als ihre jüngere Schwester begann, mit Jungs zu gehen, zog sie sich wegen ihrer lesbischen Neigung zurück, übte Gitarre und schrieb Liedertexte. Es dauerte nicht lange, und sie verkaufte Songs an Udo Lindenberg.

Mit 20 zog sie wie die Titelfigur ihres ersten Films „Kommt Mausi

raus?“ nach Hamburg und studierte Germanistik und Geschichte. Ohne ein Regiestudium zu absolvieren, verfilmte sie ihr preisgekröntes Skript selbst für die ARD und landete mit der komödiantischen Coming-out-Geschichte 1995 einen Hit in den Programmkinos. Es

war die Zeit, als sich „Wenn Frauen lieben“ als ein Dauerthema in Talkshows erwies, Madonna mit gleichgeschlechtlichen Affären kokettierte und selbst Inge Meysel sich bekannte.

Auch ihr nächster Film „Alles wird gut“ mischte Gefühle wie Fremdsein und Rassismus mit Humor. Diesmal hießen die Heldinnen Nabou und Kim, beide deutsch mit schwarzem Elternteil, beide lesbisch. Vorbild waren die Screwball Comedies der 30er - nur dass hier

statt Cary Grant und Katharine Hepburn zwei afrodeutsche Frauen wortreich um ihre Liebe kämpften. Es folgten Skripte für Filme mit Hape Kerkeling, Aids-Spots und nach sieben Jahren Auszeit endlich der erste „erwachsene“ Film: „Fremde Haut“. Mit dem Goldenen Leoparden in Locarno avancierte sie

dann endgültig zu einem der größten Talente des neuen deutschen Kinos und lieferte zugleich ihre erste heterosexuelle Liebesgeschichte ab.

In „Verfolgt“ spielt Maren Kroymann eine 50 Jahre alte Bewährungshelferin, die sich auf eine Sadomaso-Affäre mit einem minderjährigen Probanden einlässt und eine für sie bis dahin fremde Gefühlswelt entdeckt. „Irritation finde ich wichtig, weil nicht klar ist, in welche Richtung es nun weitergeht, und in diesem Vakuum eine Sensibilisierung passiert, die im Autopilot-Modus betäubt ist“, sagt Angelina Maccarone.

Das Risiko zu verstören hat sich ausgezahlt - und das ganz ohne Fernsehgelder mit einer Filmförderung von gerade mal 350 000 Euro. „Wenn wir mehr Kompromisse gemacht hätten, hätten wir auch mehr Geld gehabt“, erinnert sich Maccarone. „Zum Beispiel die Reduktion des Altersunterschieds um 20 Jahre. Wir wollten aber genau etwas über dieses Alter bei Frauen erzählen, in dem ihnen jegliche Sexualität abgesprochen wird.“

Ihr nächster, bereits abgedrehter Film heißt „Vivere“ und ist ein Roadmovie mit Hannelore Elsner. Die sucht nach ihrer verschollenen Schwester und entdeckt die eigenen Lebenslügen. Maccarone findet Fragen interessanter als Antworten - „weil das Leben rätselhaft ist, ein Paradox“: „Neben jedem Erklärungsmodell stehen viele andere, die ihm widersprechen.“ Ihre Filme muss man jedenfalls nicht erklären. Die sind längst im Fach großes, brisantes Kino angekommen.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


WAS.WANN.WO.


Bildergalerien


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Studio DuMont


Video


Kolumne


Extra


Stadtmenschen Community


Extra


Die andere Meinung


ksta shop


Links


Dienste