Erstellt 08.01.07, 07:06h, aktualisiert 08.01.07, 11:19h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Schnalke, wie gut kennen Sie Afrika?
CHRISTIAN SCHNALKE: Ich war schon mehrmals dort, zuletzt im Oktober bei den Dreharbeiten von „Afrika, mon amour“. Es war faszinierend zu sehen, wie meine Geschichte, an der ich eindreiviertel Jahre gearbeitet habe, Gestalt annahm.
Was fasziniert Sie an Afrika?
SCHNALKE: Meine Frau und ich machten einmal eine Safari im Nationalpark Massai Mara. Es hat sich unglaublich tief bei mir eingebrannt: Der Motor des Jeeps geht aus, der Wind weht um die Ohren, die Tiere ziehen vorbei. „Man ist näher am Leben als irgendwo sonst“, lasse ich eine Filmfigur sagen. Ein Schlüsselsatz. Diese Faszination vermittelt sich im Fernsehen nur zum Teil.
Aber ausreichend: Früher kamen Kaufleute, Missionare, Plünderer nach Afrika, heute sind es Filmleute. „Afrika, mon amour“ ist Ihr zweites Kenia-Buch nach „Die Patriarchin“. Warum?
SCHNALKE: Bei der „Patriarchin“ habe ich Afrika nur angekratzt. Das ganze Team war so beseelt, dass wir beschlossen: Das müssen wir noch mal machen, und vor allem müssen wir es vertiefen.
Die meisten Afrika-Filme, zuletzt in der ARD mit Jutta Speidel, bedienen tief die Sehnsucht nach Folklore und wilden Tieren. Worauf haben Sie geachtet?
SCHNALKE: Afrika ist so ein weiter Kontinent, man kann so viel erzählen, dass sich Geschichten nicht wiederholen müssen. Man kann natürlich immer wieder Klischees ausgraben. . .
Das obligatorische Luftbild von springenden Antilopen?
SCHNALKE: Wir wollten andere Aspekte hervorholen. An einer Stelle in unserem Film gibt es tatsächlich so ein Sehnsuchtstopos, wir haben es aus dem Hollywood-Hit „Out of Africa“ aufgegriffen: Ein Flugzeug gleitet zu wunderschöner Musik über die wunderschöne Landschaft - nur fliegen bei uns plötzlich Bomben aus dem Flugzeug. Das ist unser Prinzip: das Bekannte umkehren.
Welche Geschichte wollen Sie mit „Afrika, mon amour“ erzählen? Wie schwer es Frauen um 1914 hatten? Oder wie böse die Deutschen in den Kolonien waren?
SCHNALKE: Beides und nichts. Was mir wesentlich war: nicht eine Geschichte von vor 100 Jahren zu erzählen, die uns heute nichts mehr angeht. Unsere Welt hat sich so sehr verändert, dass alte Verhaltensstrukturen nicht mehr funktionieren. Jeder muss individuell neue Qualitäten definieren, um erfolgreich zu sein. Dieses Gefühl versuchte ich, in „Afrika, mon amour“ zu transportieren. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, galten in Afrika keine Regeln mehr - weder europäische noch afrikanische.
In dieser Regellosigkeit verorten Sie die Heldin Katharina.
SCHNALKE: Katharina scheitert an der damaligen deutschen Wirklichkeit. Sie will sich scheiden lassen, erfährt aber Gegendruck von der Familie, der Gesellschaft, die die althergebrachten Verhaltensmuster einfordern. Sie nimmt die Chance wahr, nach Afrika zu gehen. Und merkt: O Gott, das ist ja wie in Berlin, die gleichen Schwierigkeiten. Aber dann bricht der Krieg aus, und plötzlich ist alles anders.
Katharinas Mann Richard steckt Fördergelder des Deutschen Reichs für eine Diamantenmine in Ostafrika in die eigene Tasche. Eine wahre Betrugsgeschichte?
SCHNALKE: Nein. Gelder zweckentfremden - heute heißt das Subventionsbetrug. Das muss es auch damals gegeben haben, so neu kann die Idee nicht sein.
Einmal sagt eine Filmfigur „famos“ - sonst sind nur die Kostüme historisch, die Sprache eher modern. Wollten Sie für das jüngere Publikum verständlich bleiben?
SCHNALKE: Historische Filme, die in einer historisierenden Sprache daherkommen, finde ich schrecklich - sie nervt moderne Ohren und lenkt vom Inhalt ab. Abgesehen davon: Unser Hochdeutsch gabs vor 100 Jahren nicht. In Deutsch-Ostafrika stießen Leute aufeinander, die sprachen sächsisch, schwäbisch oder Platt.
Seit „Dresden“ müssen so genannte Event-Filme mindestens ebenso aufwändig sein. „Afrika, mon amour“ ist noch teurer produziert als „Die Patriarchin“. Spüren auch Sie den Druck des Events?
SCHNALKE: Wie viel Geld und Leistung anderer dahintersteckt, habe ich im Hinterkopf. Was mich aber viel mehr unter Druck setzt, ist der Umfang: Einen Dreiteiler zu schreiben, ist ein unendlich anstrengendes Stück Arbeit. Nach der „Patriarchin“ sagte ich: Nie wieder ein Dreiteiler. . .
Das Gespräch führte
Senta Krasser
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