Von KERSTIN MEIER, 11.01.07, 11:50h
Mit mürrischem Gesicht stapft Brinkmann-Darsteller Eckhard Rohde durch die Straßen und schimpft wüst auf seine Wahlheimat Köln: Alles ist dreckig, verkommen und „vermufft“! Und erst die Kölschen Wörter: Klingelpütz! Hürth! Sülz! Wenn Brinkmann Kölsch spricht, klingt das wie Brechreiz. Die meisten dieser Tondokumente sind lange bekannt. Trotzdem ist es immer wieder schön zu hören, wie er sich über den Kölner Kleingeist aufregt. Worauf genau diese Wut zielt, ist zweitrangig. Es geht um das Lebensgefühl. Und Rolf Dieter Brinkmanns Leben ist voller gefühlter Zwänge und ständiger Kontrolle. Wer schon einmal im niedersächsischen Vechta war, bekommt eine Ahnung davon, woher Brinkmanns Zorn rührt. In diese provinzielle Enge hinein wurde Brinkmann 1940 geboren. 19 Jahre später brach er aus. Erst begann er eine Buchhändlerlehre in Essen, dann zog er in die Kölner Engelbertstraße.
In „Brinkmanns Zorn“ versucht Regisseur Harald Bergmann mit liebevoller Akribie, ein möglichst authentisches Bild von Brinkmanns Leben und Alltag zu zeichnen. Der Film startet in Köln, folgt Brinkmann für einen Aufenthalt nach Rom und nach Cambridge. Hier stirbt der Autor 1975 bei einem Verkehrsunfall. Dass Bergmanns Projekt nicht immer gelingt, liegt wahrscheinlich auch am begrenzten Budget. So mischen sich zwischen 70er-Jahre-Autos und -Outfits plötzlich brandneue KVB-Bahnen, Supermarktketten und Automodelle. Ganz oder gar nicht - der Regisseur hätte sich entscheiden müssen. Schließlich wäre Brinkmanns Wut auch im Stadtbild von heute absolut plausibel gewesen.
Den Schauspielern verlangt das ungewöhnliche Konzept einiges ab. Es muss unglaublich schwierig gewesen sein, jedes Atmen, jedes Schlucken zu simulieren. Vor allem die Leistung von Martin Kurz, der Brinkmanns sprechbehinderten kleinen Sohn spielt, ist beeindruckend. Trotzdem geht das Konzept nicht überzeugend auf. Auch wenn es oft nur winzige zeitliche Verzögerungen zwischen Bild und Ton sind - sie sind doch spürbar. Und in jedem dieser Momente stellt sich die Grundsatzfrage, ob diese alten Töne überhaupt neuer Bilder bedürfen. Dass sie auch einfach für sich selbst stehen können, hat zuletzt 2005 das Hörspiel „WörterSexSchnitt“ des Bayrischen Rundfunks bewiesen.
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