Von TOBIAS KAUFMANN, 12.01.07, 23:33h
„Fahrausweise bitte.“ Im Bus der Linie 143 beginnt das übliche Kramen in Manteltaschen und Börsen, als gestern Vormittag drei Kontrolleurinnen in Junkersdorf zusteigen. Die Mitarbeiterinnen der KVB erwischen eine junge Asiatin in einem roten Mantel. Die Frau hat 2,10 Euro in der Hand. Das reicht für ein Ticket der Stufe 1 b. Sie steht am Fahrkartenautomat, ist offensichtlich an der letzten Station eingestiegen. Als die Kontrolleurin dennoch „Ausweis oder zur Polizei“ verlangt, bezeugen zwei Fahrgäste, dass die Frau willens schien, ein Ticket zu kaufen. Außerdem spricht sie kein Wort Deutsch. Eine Ausnahme wollen die Kontrolleurinnen nicht machen. Einen Ermessensspielraum gesteht die KVB ihren Prüfern offiziell nicht zu. „Es muss gewährleistet sein, dass alle Fahrgäste gleich behandelt werden“, bestätigt KVB-Sprecher Joachim Berger. Auch das Engagement anderer Fahrgäste ist kein Argument: Wie sollten die Kontrolleure ausschließen, dass Fahrgäste sich abgesprochen haben?
Die KVB-Prüferinnen im Bus 143 sind also im Recht - und das führen sie öffentlich vor. Sie stellen einen 40-Euro-Zahlschein aus. Immer wieder wird die Frau, offenbar eine Chinesin, nach ihrem Ausweis gefragt. Sie hat keinen. Stattdessen ruft sie mit ihrem Handy jemanden an, der Deutsch spricht. Sie reicht das Telefon weiter an die Kontrolleurin. „Dann müssen sie ihrer Frau eben eine Wochenkarte kaufen, wenn die kein Wort Deutsch spricht“, ruft sie. Die Asiatin fingert ein Papier hervor, anscheinend eine Aufenthaltsgenehmigung. „Gemeinschaftsunterkunft“, sagt die Frau von der KVB laut. Es steht keine Adresse auf dem Papier.
Die KVB betont, dass ihre Mitarbeiter für solche Konflikte geschult sind. Diskretion gehört aber offensichtlich nicht zu ihren Aufgaben. In anderen Städten müssen Betroffene aussteigen, und der peinliche Vorfall wird abseits von Dutzenden Ohrenzeugen geklärt. KVB-Sprecher Berger betont: „Wir betrachten auch einen Fahrgast ohne Fahrschein als Fahrgast.“
Die Chinesin telefoniert wieder, will das Handy erneut weiterreichen. „Nein, jetzt habe ich keine Lust mehr. Wir fahren zur Polizei“, sagt die Kontrolleurin. Der Bus ist längst an der Haltestelle vorbei, an der die junge Frau aussteigen wollte. Aber sie muss durch die halbe Stadt. Hörbar für alle Umsitzenden verkündet eine Kontrolleurin, dass das Dokument der Frau ohne Ticket aus dem Saarland stammt. Darf sie sich überhaupt in Köln aufhalten? „Na bitte. Gleich festsetzen, so eine“, sagt eine andere Kontrolleurin triumphierend. Der halbe Bus hört den Satz, der die Kompetenz einer Fahrscheinprüferin bei weitem überschreitet. Aber die Betroffene hat es ja nicht verstanden.
Auf die Äußerung angesprochen, sagt KVB-Sprecher Berger: „So eine wertende Bemerkung ist sicher überflüssig. Man muss aber auch bedenken, dass sich die Fahrscheinprüferinnen in so einer Situation unter Druck befinden.“ Unter Druck etwa von Fahrgästen, die „Tipps parat haben, wie die Kontrolleurinnen ihren Job machen sollen“.
1,5 Millionen Fahrgastkontrollen nimmt die KVB pro Jahr vor. Der Fall am gestrigen Vormittag endet an der Venloer Straße. Die junge Frau ohne Ticket wird von drei Kontrolleurinnen zur Polizei eskortiert. Ein enormer Aufwand und viel böses Blut wegen eines Streitwerts von 2,10 Euro.
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