Von TILL FROMMANN, 15.01.07, 21:55h
Filme, die vorgeben, einen Vorgang zu dokumentieren, tatsächlich aber über Vergangenheit oder Zukunft spekulieren, heißen in der Branche „Fake-Dokumentationen“ oder auch „Mockumentaries“ und erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Das englische Wort „mock“ bedeutet Fälschung, und das sind diese Filme gewissermaßen: Sie kommen daher im Gewand einer Reportage oder Dokumentation, die vorgeblich die Realität einfangen. Tatsächlich aber bemühen sie nur den dokumentarischen Stil, um wahrscheinliche, aber eben doch nur fiktive Szenarien möglichst realistisch aussehen zu lassen.
Vorbild Wolfgang Menge
Neu ist das Genre freilich nicht: Immerhin inszenierte Orson Wells 1938 den Roman „Krieg der Welten“ bereits derart realistisch im Radio, dass er damit Tausende verängstigte New Yorker auf die Straßen trieb. Und auch die von Dieter Thomas Heck moderierte TV-Menschenjagd „Millionenspiel“ und der ebenfalls von Wolfgang Menge 1973 inszenierte WDR-Film „Smog“ erzielten als simulierte TV-Sondersendungen einen ähnlichen Schock-Effekt. Von Orson Wells inspirieren ließen sich Mitte Dezember 2006 dann auch die Nachrichtenmacher des belgischen Senders RTBF. Sie meldeten, dass das flämische Regionalparlament die Abspaltung Flanderns von Belgien beschlossen habe. Das kam derart seriös daher, dass 89 Prozent der Zuschauer die Falschmeldung für bare Münze hielten und wie wild im Lande herumtelefonierten. Der Fake war als provokatives politisches Planspielchen gedacht und sollte offenbar diejenigen zur Vernunft bringen, die mit der Unabhängigkeitsidee kokettieren.
„Fake-Dokus definieren die Medienrealität neu, indem sie die Zuschauer foppen“, sagt Annegret Richter, wissenschaftliche Mitarbeiterin des medienwissenschaftlichen Instituts der Universität Leipzig. In diesem Semester stehen die „Mockumentaries“ auf ihrem Seminarplan.
Diese Reportageform, so die 31-jährige Wissenschaftlerin, spiele aber mit der Glaubwürdigkeit der Genres Reportage und Dokumentarfilm. Deren Ästhetik - Wackelkameras, schlecht ausgeleuchtete Räume, schlechter Ton, Experten-Interviews - sorge dafür, dass Fake-Dokus authentisch wirkten. „Ein zweischneidiges Schwert“, findet Richter. Für Zuschauer, die in eine derart irreführende Sendung hineinschalten, „besteht immer die Gefahr, dass sie den Subtext nicht verstehen und alles für bare Münze halten“, so Richter.
In der ZDF-Geschichtsfiktion „Der Dritte Weltkrieg“ von 1998 hieß es daher zu Beginn: „Die Ereignisse in diesem Film haben so nicht stattgefunden. Sie sind Planspiele geblieben.“ Die Personen seien entweder frei erfunden, oder - soweit Persönlichkeiten der Zeitgeschichte - nie in dem geschilderten Zusammenhang tätig geworden. Und: „Tatsächlich hat die Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Zum Glück für alle.“ - Im Jahre 2003 erhielt „Kubrick, Nixon und der Mann im Mond“ von William Karel den Adolf-Grimme-Preis - eine Mockumentary, die die Mondlandung als Fiktion „entlarvte“, tatsächlich aber das Fernsehen selbst genial thematisierte: wie sehr das Medium mit scheinbar authentischen Bildern trügen kann.
Heute Abend zeigt das ZDF den ersten von drei Teilen der Mockumentary „2030 - Aufstand der Alten“, in der mit Hilfe einer fiktiven Zukunftsvision die Probleme gezeigt werden, die mit der heutigen Renten- und Gesundheitspolitik entstehen könnten. „Bei einigen Elementen könnte es sein, dass der Zuschauer den Film für eine echte Dokumentation hält“, so das ZDF - das aber sei genau der gewünschte Effekt. Tatsächlich löst dann die Fiktion Nachdenken über die Politik von heute aus.
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