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Horrorvision von einer Alten-Gesellschaft

Von MARIANNE QUOIRIN, 15.01.07, 21:55h, aktualisiert 16.01.07, 10:52h

Ein TV-Dreiteiler im Thriller-Format wirft einen gruseligen Blick in die Zukunft der Methusalem-Generation. Der Film von Regisseur Jörg Lühdorff soll als abschreckendes Beispiel funktionieren.

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Im Fernsehfilm ist das Berliner Schillertheater im Jahre 2030 ein Obdachlosenasyl für verarmte Rentner.
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Im Fernsehfilm ist das Berliner Schillertheater im Jahre 2030 ein Obdachlosenasyl für verarmte Rentner.
Der demographische Wandel taugt zum Krimi. Der Film soll damit auch als abschreckendes Beispiel funktionieren.

Geiselnahme in der Chefetage eines Wellness-Konzerns, eine Handgranate explodiert, ein Sondereinsatz-Kommando der Polizei rückt an. Die Leichen der mutmaßlichen Täter und Opfer werden wie verseuchtes Material von der Bundeswehr abtransportiert. Doch der Spuk hört nimmer auf: Eine Rentner-Gang bricht in Apotheken ein, um Rheumamittel und Insulin-Präparate zu stehlen. In einem ehemaligen Theater, dem schon längst die Subventionen gestrichen wurden, leben Hunderte von Obdachlosen, deren Notrente nicht mal bis zum 5. des Monats reicht. Ein geheimnisvoller „M-Faktor“ wird wie ein Codewort geflüstert. Steht M für Mitleid oder gar für Mord?

Minimal-Versorgung lautet am Ende die richtige Antwort, denn die Alten, die in einer dreiteiligen ZDF-Doku-Fiction den Aufstand proben, sind durch die skrupellosen Machenschaften eines Wellness-Konzerns um ihre meist niedrigen Renten betrogen worden. Sie haben allenfalls die Wahl zwischen Freitod mit 75, Altenpflege wie in einer Legebatterie oder der Bildung krimineller Vereinigungen. Die reichen Alten können sich zwar auch noch mit 85 eine Schönheitsoperation leisten und auf den Bahamas überwintern, aber dank der geldgierigen Verschwörer im Wellness-Business landen sie in afrikanischen Billigheimen.

Im Berlin von 2030, einer Stadt inmitten eines entvölkerten Umlandes, beginnt der Horror, den Regisseur Jörg Lühdorff , 41, als Thriller verpackt. Die Aktionen des „Kommando Zornige Alte“ machen aus dem bekannten Zukunftsszenario von sinkenden Geburtenraten und hohen Altenquotienten in den meisten westlichen Industrienationen einen richtigen Demographie-Schocker. In ihm taucht neben anderen Politikern mit ihren Sprechblasen zur Gesundheits- und Rentenreform immer wieder der frühere Bundesarbeits- und Sozialminister Norbert Blüm auf wie Kai aus der Kiste. Er wiederholt den verhängnisvollen Satz von 1994: „Zum Mitschreiben: Die Rente ist sicher.“

Diese Aussage klingt nicht nur im Film wie glatter Hohn, aber das scheint für die Greisen-Horror-Show nicht auszureichen. Eine geriatrische „Rote Armee Fraktion“ soll der kommenden Methusalem-Generation die Auswirkungen der absehbaren Bevölkerungsentwicklung „auf unseren Alltag“ einbläuen, wie ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender betont. Denn mit einem so sperrigen Begriff wie dem demographischen Wandel, hinter dem sich Zahlen und Hochrechnungen verbergen, lässt sich kein Zuschauer vor den Bildschirm locken, also muss der gesellschaftliche Sprengstoff zur Explosion gebracht werden. Das hehre Ziel, was sich dahinter verbirgt: Es soll verhindert werden, dass das eintritt, was die Revolution der Hundertjährigen auf dem Bildschirm verheißt.

Eine Reporterin folgt den Spuren des Rentners Sven Dahrow (Jürgen Schornagel), der zur Pistole greift, um den Chef des Pro-life-Konzerns zu entführen. Also, wem der „Methusalem-Komplott“ von Frank Schirrmacher vor zwei Jahren - das hässliche Porträt einer alternden Gesellschaft - noch nicht schrill genug war und wer über die seriösen Analysen von Altersforschern einschlief, der wird vielleicht an drei Abenden so wach bleiben wie bei „Rosa Roth“ oder „Bella Block“. Denn wer einnickt und wenige Minuten verpasst, könnte fürchten, dass der vielfach beschworene „Krieg der Generationen“ tatsächlich schon ausgebrochen ist - wegen Kindermangels und kollektiver Alterung.

Mitte Dezember hatte eine bittere TV-Satire über die Unabhängigkeit Flanderns Millionen Bürger in Belgien verunsichert, da die „Doku-Fiction“ von fast 90 Prozent der Zuschauer für bare Münze genommen wurde. So wie am 30. Oktober 1938 das von Orson Welles und dem Mercury Theatre als Hörspiel inszenierte Stück „Krieg der Welten“ über die Landung von Außerirdischen in New Jersey. Es führte zu heftigen Irritationen unter den Hörern, so dass manche später gar von einer „Massenpanik“ sprachen.

Der Vorsitzende der Seniorenunion der CDU, Professor Otto Wulff, beschwört sofort die Erinnerungen an Orson Welles' Opus herauf, auch wenn er nur die Ankündigungen für den Dreiteiler kennt. „Man kann mit Übertreibungen Ängste auslösen, aber nicht die Probleme lösen“, sagt Wulff, 72, der sich um die Perspektiven junger Menschen sorgt. Er betont: „Das Brisante, das ist die Wirklichkeit.“ Zum Beispiel, dass das renommierte und im Ausland hoch geschätzte „Deutsche Zentrum für Alternsforschung“ an der Universität Heidelberg (German Centre for Research on Ageing) als eigenständige Institution Ende 2005 schließen musste. Zum Beispiel, dass bestimmte Entwicklungen nicht wahrgenommen werden - wie die Zunahme von Straftätern im Pensionsalter, wie die Veränderungen in der Pflege, mit der Familienangehörige oft überfordert sind, die aber die Leistungen aus der Versicherung zum eigenen Überleben brauchen. Zum Beispiel, dass bei der medizinischen Versorgung immer häufiger nach dem Alter gefragt wird - frei nach der Provokation des Junge-Union-Vorsitzenden Philipp Mißfelder von 2003. Der sprach sich damals dafür aus, Senioren keine neuen Hüftgelenke mehr zu finanzieren.

„Alter als Chance - Neue Impulse für die Generation 55 plus“, lautete das Motto des Deutschen Seniorentages im Mai 2006 in Köln. Doch die Zeit der akademischen Debatten und Stereotypen über das Alter dürfte mit dem ZDF-Dreiteiler erst einmal vorbei sein. Vielleicht sollte das Publikum dem Mainzer Sender dankbar sein, nicht die viel radikalere Geschichte des Nuklearmediziners und Autors Gynter Mödder als Vorlage für seine Aufklärung per Thriller genommen zu haben. In Mödders Roman „Gullivers fünfte Reise“ endet der Generationenkonflikt im Bürgerkrieg: In dem Konflikt von Unsterblichkeitswahn und einer Alterskrankheit namens „Ruinose“ wird die Übermacht vitaler Rentnerhorden erdrückend . . .

„Der Aufstand der Alten“ ZDF, ab 16. Januar um 20.15 Uhr



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