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Zocken wie James Bond

Von ALICE AHLERS, 17.01.07, 10:43h, aktualisiert 17.01.07, 10:45h

Das Poker-Fieber hat auch unsere Breitengrade erreicht. Vor allem bei jüngeren Leuten wird das Kartenspiel immer beliebter. Auch beim DSF war man über die Quoten überrascht.

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Pokern wird immer beliebter.
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Pokern wird immer beliebter.
Die junge blonde Frau schiebt ein Häufchen schwarze Chips auf den roten Filz. Mit neun Männern sitzt sie an einem langen ovalen Tisch. Der Croupier im weißen Hemd wirf ihr zwei verdeckte Spielkarten hin. Behutsam biegt sie die Ecken ein Stück nach oben, lugt vorsichtig dahinter. Freut sie sich über ein Paar Asse oder ärgert sie sich über ein schlechtes Blatt? Man sieht es ihr nicht an. Ruhig blickt sie vor sich hin, verzieht keine Miene.

Yasemin Özcan ist die einzige Frau in der ersten Runde des Pokerturniers in einem Kölner Hotel. Auf fünf Tische verteilt sitzen die 40 Teilnehmer im großen hellen Saal Venedig. Schummerige Hinterzimmeratmosphäre, zwielichtige Gestalten und labberige Geldscheinbündel sucht man hier vergebens. Von Whiskey und Zigarren keine Spur. Die Mehrzahl der Spieler ist unter 30, trägt Turnschule und Baseballcaps oder hat Kopfhörerkabel um den Hals baumeln. Rauchen ist am Tisch verboten.

Seit vier Monaten ist die 21-jährige im Pokerfieber. Angesteckt hat sie ihr Freund. Täglich zocken die beiden mehrere Stunden. Beim Online-Poker gehen schon mal ganze Nächte drauf. „Als Frau hat man schon einen Vorteil“, erzählt Özcan, die eine Ausbildung zur Logopädin macht, „das verunsichert die Männer.“ Frauen seien auch einfach die besseren Schauspielerinnen. Ein gutes Selbstbewusstsein brauche man aber schon.

„Seat open“, ruft der Dealer. Yasemin Özcan ist ausgeschieden und muss nach etwa einer Stunde Spiel den Raum verlassen. „Für das erste Turnier war das gar nicht so schlecht“, sagt sie zufrieden. Immerhin war sie unter den letzten 18. In der Lobby berichtet sie anderen Teilnehmern aufgeregt von ihrem Spiel und gestikuliert dabei wild mit den Händen in der Luft herum. „Flop“, „Call“, „Fold“, „River“. Für Nichteingeweihte ist das eine Fremdsprache.

Sandra Dellenbusch organisiert die Turniere. Die Chefin einer Werbeagentur ist schon lange leidenschaftliche Pokerspielerin und gründete vor einem Jahr das Unternehmen „Rhinepoker“. Den Boom spürt sie deutlich. Mit jedem Turnier steigt die Zahl der Anmeldungen. Auch immer mehr Frauen kommen. Für die nächste Runde haben sich an diesem Tag bereits mehrere Spielerinnen bei ihr angemeldet. „Der Reiz liegt in der psychologischen Komponente des Spiels“, sagt Dellenbusch. Es komme darauf an die Mitspieler zu „lesen“, bewusste und unbewusste Zeichen zu deuten: das zuckende Augenlid, der hastige Schluck aus dem Wasserglas, das Plappermaul, das plötzlich ganz ruhig wird. Steckt ein Paar Könige dahinter? Oder ist alles nur Bluff?

Geld verlieren kann man bei den Turnieren nicht. Die Teilnahme ist kostenlos. Von den anfangs rund 200 Kölner Spielern, können sich vier für das große Finale am Ende des Jahres qualifizieren. Dann winken dem Sieger 8000 Euro Sponsorengeld. Gewinne aus Einsätzen der Spieler zu finanzieren ist in Deutschland nur in lizenzierten Casinos erlaubt.

Seit kurzem veranstaltet „Rhinepoker“ auch Seminare für Anfänger. Dabei lernt man nicht nur Regeln und Mathematik des Spiels, sondern auch Strategien und Körpersprache für den großen Bluff.

„Beim Pokern spielt man nicht die Karten aus, sondern den Gegner“, sagt der neue James Bond. Im „Casino Royal“ lieferte er sich ein mehrtägiges Duell. Vielleicht war es 007, der die Kinobesucher zum Nachahmen animierte. Vielleicht war es auch die deutsche Pokerlady Katja Thater, die in Las Vegas gleich 140 Männer vom Tisch fegte. Die Profi-Spielerin verdient seit sieben Jahren mit Karten ihren Lebensunterhalt und gab Stefan Raab Tipps für die große TV-Total-Pokernacht. Vielleicht ist es aber auch die neue Form des Spiels, die fasziniert. Texas Hold'em heißt die Variante, die derzeit deutsche Wohnzimmer erobert. Mit den Western-Klischees aus Hollywood-Saloons ist diese nur noch entfernt verwandt. Jeder bekommt zwei Karten. Fünf weitere werden offen auf den Tisch gelegt. Die Spieler kombinieren ihre Karten mit den offenen, wer das beste Blatt hat (siehe Kasten), gewinnt.

„Durch die offenen Karten in der Mitte ist das Spiel auch für Zuschauer spannend geworden“, sagt Matthias Klein vom Pokerverein Hold'em Cologne. Andererseits sei es jetzt auch mathematischer und berechenbarer. Seit August letzten Jahres treffen sich die Mitglieder des Kölner Pokervereins einmal die Woche in einer Ehrenfelder Kneipe. Über 50 sind es mittlerweile. Gespielt wird nicht um Geld, nicht einmal um ein Bier. Nach einem Punktesystem wird jedes Jahr der Vereinsmeister ermittelt. Derzeit steht ein 18-Jähriger ganz oben auf der Rangliste. „Das ist ein mathematischer Könner“, sagt Klein.

Online-Poker um Geld ist in Deutschland illegal, weder die Veranstaltung noch die Teilnahme an Online Turnieren mit Geldpreisen ist erlaubt. Doch im World Wide Web surft man spielend über rechtliche Grenzen hinweg. Zahlreiche Internet-Casinos sprechen mit ihrem deutschsprachigen Angebot deutsche Spieler direkt an. Bei „Party Poker“, dem nach eigenen Angaben weltweit größten Pokerraum im Netz, ist alles möglich. Die Registrierung dauert fünf Minuten, im Spielgeldbereich lernt man die Grundlagen. Wer gleich richtig loslegen will, zahlt per Kreditkarte einen Betrag auf sein virtuelles Konto und startet sofort mit echten Einsätzen.

Im Internet hat auch Stephan Dreier das Kartenspiel für sich entdeckt. Beim Kölner Pokerturnier ist auch er in der Vorrunde ausgeschieden. Doch im Internet hat er vor kurzem die Teilnahme an einem Turnier in Singapur gewonnen. „Poker ist wohl eines der wenigen Spiele, bei denen Amateure und Profis zusammen spielen“, sagt der Kölner. Dass beim Fußball eine Kneipenmannschaft gegen die Nationalmannschaft von Brasilien antritt, sei undenkbar. Beim Poker sei alles möglich. Da könne auch ein Anfänger gegen einen Profi gewinnen. Grund genug für ihn, beim nächsten Mal wieder anzutreten.



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