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Es hat sich ausgedudelt

Von THOMAS GEHRINGER, 19.01.07, 21:36h

Hörbücher und Internet-Sender machen den durchformatierten Hit-Radios zu schaffen. Die Konsequenz ist ebenso logisch wie überraschend: die Rückkehr zum Journalismus! Auch die jungen Radiowellen setzen auf das Wort.

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Er hat schon immer aufs Wort gesetzt: Der Klassiker unter den "Wort"-Programmen - und zugleich der meist zitierte Nachrichten- und Kultursender bundesweit ist der Deutschlandfunk aus Köln.
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Er hat schon immer aufs Wort gesetzt: Der Klassiker unter den "Wort"-Programmen - und zugleich der meist zitierte Nachrichten- und Kultursender bundesweit ist der Deutschlandfunk aus Köln.

Es tut sich was im Radio. Seit einigen Monaten geistert durch die Szene ein vielversprechendes Bekenntnis. Egal, ob kommerziell oder öffentlich-rechtlich, die Botschaft lautet überall ähnlich: „Die Entscheidung muss im Wortbereich fallen“, sagt Valerie Weber, Programmchefin von Antenne Bayern, des meistgehörten Privatsenders Deutschlands.

„Den Unterschied macht das journalistische Wort“, betont auch Eric Markuse, Programmchef von MDR-Sputnik. Der Hörfunksender aus Halle / Saale für Leute unter 30 will nach seinem Neustart im Dezember den Wortanteil auf bis zu 40 Prozent erhöhen. Das wäre eine Revolution - bisher war der „Sputnik“ die öffentlich-rechtliche Welle mit dem bundesweit geringsten Wortanteil (3,9 Prozent im Jahr 2005). Das klingt beinahe zu schön, um wahr zu sein: Der Dudelfunk verliert an Boden, und der gute, alte Journalismus wird wiederentdeckt.

Wenn am Montag der WDR-Rundfunkrat der Empfehlung der designierten WDR-Intendantin folgt, dann wird Wolfgang Schmitz der nächste Hörfunkdirektor - der bisherige Chef der „Wort“- und Kulturwelle WDR 5. Das wäre auch ein Signal. Die Renaissance des Wortes - dafür gibt es ernst zu nehmende Hinweise. Valerie Weber begründet den erstaunlichen Aufschwung von Antenne Bayern - innerhalb von zwei Jahren wuchs die durchschnittliche Hörerzahl pro Stunde von 0,68 auf 1,14 Millionen - unter anderem mit einem höheren Wortanteil, vor allem mit längeren Moderationsstrecken. (Allerdings dürfte ein großer Teil des geglückten Hörerfangs auf die zahlreichen Gewinnspiele zurückzuführen sein.)

Dennoch: Die Abkehr vom reinen Hit-Radio und vom Mainstream des „Adult Contemporary (AC)“, der breiten, populär-profillosen Musikmischung, wird zum allgemeinen Trend: „In letzter Zeit mehren sich Hinweise, dass Landeswellen, die den Erfolg von Marktführern mit AC-Formaten nachahmen wollen, leicht in Seenot geraten, während andere Programme gewinnen, indem sie ein regional begrenztes Publikum durch ausführliche Berichterstattung und Diskussionen über aktuelle Ereignisse binden“, schreiben die Autoren der Hörfunk-Studie 2006 des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT).

Auch bei den jungen Wellen des öffentlich-rechtlichen Sektors greift der Reformeifer um sich. Der WDR-Sender Eins Live hat zu Beginn des Jahres sein Programm erneuert und will „journalistischer werden“, wie Wellen-Chef Jochen Rausch erklärt: „Wir fragen nicht bei jeder Gelegenheit: Wie kann man das Thema witzig machen?, sondern werden Ereignisse häufiger eins zu eins abbilden, einfach so, wie sie geschehen sind.“ Bei MDR-Sputnik wurden zwei aktuelle Magazinformate, Nachrichten auf Englisch und „360 Grad“, eine Sendung mit Auslandsreportagen, eingeführt. Außerdem wurde die Anzahl der Titel in der Musikrotation vervierfacht. „Das Glatte ist von gestern“, sagte MDR-Hörfunkdirektor Johann Michael Möller bei der Präsentation vor dem Reformstart.

Mehr Magazine, Musikjournalismus statt Rauf-und-runter-Gedudel derselben Charts - die Renaissance des Wortes ist eng mit der Schwäche des Musikradios verknüpft. „Wir können uns durch Musik kaum noch unterscheiden“, sagt Eric Markuse. Je langweiliger die formatierte Radiowelt, desto attraktiver das individuell gestaltbare Hörerlebnis im Internet. Die Verkaufszahlen von MP3-Playern und die wachsenden Podcast-Angebote schlagen den Machern des traditionellen Hörfunks aufs Gemüt. Noch bestätigt die halbjährlich ermittelte Reichweiten-Analyse (MA Radio), dass der Hörfunk hinter dem Fernsehen das meistgenutzte Medium ist, vor allem als Begleitmedium für Berufstätige. Doch in der jüngeren Generation bröckelt es gewaltig. Die Verweildauer im Radio nimmt stetig ab, und von den 14- bis 29-Jährigen schaltet mittlerweile ein Drittel gar kein Radio mehr ein. „Diese Zahlen haben sich in den vergangenen Jahren brutal entwickelt“, sagt Jochen Rausch.

Denn wer hören will, muss nur noch clicken. Die Musik wandert ins Internet. Unübersehbar ist die Vielzahl von Streaming-Angeboten und Audio-Podcasts. Doch wer im Netz hören will, der muss suchen. Auch in Zukunft dürfte es noch Menschen geben, die unterwegs oder daheim nicht lange stöbern wollen, sondern einfach ihren Lieblingskanal einschalten und professionelle Qualität erwarten. Hörfunk, das kann zwar heutzutage jeder, aber welchen Sinn macht das Web-Radio eines Spirituosenherstellers mit Hirschgeweih im Firmensignet, außer dass es der eigenen PR dient? Umso wichtiger für die klassischen Hörfunkveranstalter, sich durch Qualität zu unterscheiden.

Die meisten stellen ihr Programm mittlerweile als Live-Stream ebenfalls ins Netz, nur die kommerziellen Lokalradios sind da noch zurückhaltend. Der neue Verbreitungsweg wird außerdem für Experimente genutzt: Mit Eins Live Kunst startete der WDR ein reines Online-Programm, das in einer vierstündigen Schleife kulturelle Beiträge aus dem WDR-Hörfunk mit ambitionierter Popmusik und Nachrichten kombiniert. „Ich habe nie verstanden, warum Kulturberichterstattung automatisch mit klassischer Musik verbunden sein muss“, sagt Jochen Rausch.

Und beim kommerziellen radio ffn, das einst das niedersächsische NDR-Sendegebiet mit populären Comedys („Frühstyxradio“) aufmischte, werden seit Dezember 2006 fünfmal in der Woche zwei Stunden lang Hörbücher von E.T.A. Hoffmann, Heinrich von Kleist, Kurt Tucholsky und anderen „on air“ vorgelesen - allerdings nachts. Anschließend kann man die Hörbücher im Internet für fünf Euro herunterladen. Auch so kann man dem Wort Geltung verschaffen.

 www.sputnik.de

 www.antenne.de

 www.einslive.de

 www.ffn.de



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