Von SUSANNE KREITZ, 26.01.07, 21:31h
Lesen, schlafen, essen, Wache schieben. Eigentlich ist eine Atlantik-Überquerung keine besonders aufregende Sache. Wenn die Segel gesetzt sind, geht's dank des Passatwinds 14 Tage immer geradeaus Richtung Karibik. So machen sich jedes Jahr im November rund 250 Yachten (zumeist Boote, die im Sommer im Mittelmeer und im Winter in der Karibik verchartert werden) von Gran Canaria aus auf den Weg nach Rodney Bay auf St. Lucia. Und weil alle das gleiche Ziel haben, hat Atlantic Rally for Cruisers (ARC) daraus eine Regatta gemacht. Was zwei Kölner Segler allerdings Ende vorigen Jahres erlebt haben, hat mit einem gemütlichen Törn nichts mehr zu tun.
Es ist der 9. Dezember 2006,18.50 Uhr, die „Sunrise“, eine Sun Odyssee 43, ist mit acht Mann Besatzung seit zwei Wochen auf See, da kommt über Funk der Notruf „Mayday mayday“. „Eigentlich hört man bei dem Gequatsche den ganzen Tag über gar nicht mehr so genau hin“, erzählt Rainer Herbrich (60) aus Sülz, für den es die dritte Atlantik-Überquerung ist, „doch da waren alle hellwach.“ Der Skipper der „Alegria“, eine Cyclade 43, meldet „Man Over Bord“. Der Belgier Tom gibt seine Position durch, doch danach müsste er direkt vor der afrikanischen Küste sein. Vor Aufregung hat er zunächst die falschen Koordinaten durchgegeben. Als klar wird, dass die Alegria nur 30 Seemeilen entfernt ist, weist Skipper Carsten den Mann am Funk an: „Sag ihm, wir kommen.“ Der dicke Fisch, den die Crew gerade gefangen hat, plumpst zurück ins Wasser.
30 Seemeilen, das sind sechs Stunden. Tom holt die Segel runter und fährt unter Motor an die Stelle zurück, wo der Mann über Bord gegangen sein muss. Über Funk hält man Kontakt, auch zu anderen Schiffen, die den Notruf aufgefangen haben.
Was die Crew der Sunrise zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Auf der Alegria sind nur zwei Mann, und Toby (Name geändert) war in den vergangenen Tagen bereits zweimal ins Wasser gesprungen, aber beide Male von Tom gerettet worden. Der Skipper ist am Ende seiner Kräfte, hat nicht geschlafen. Doch er sucht weiter. Eine Stunde bevor die Helfer die Alegria erreichen, ruft er erneut nach Toby: „Hier bin ich, Tom“, antwortet der Freund. Mit letzter Kraft zieht Tom ihn an Deck, bei Windstärke vier und zwei Meter hohen Wellen.
Inzwischen ist die Sunrise da. Rainer Herbrich und ein weiterer Mann, Harald, fahren mit dem Beiboot zur Alegria. „Der Wind war mäßig, doch die Wellen rund drei Meter hoch.“ Toby liegt zitternd an Deck und jammert still vor sich hin: Seine Augen sind vom Salzwasser stark entzündet. Rainer und Harald versorgen Toby so gut es geht, bringen ihn in seine Koje im Bug der Yacht und schicken Tom erst mal schlafen. „Doch jetzt fängt der Horror erst an“, erinnert sich Rainer mit Schaudern. Die beiden Schiffe segeln nebeneinanderher, da schreit Harald auf: „Der turnt auf dem Vorschiff rum.“ Toby ist aus der vorderen Luke geklettert und hangelt sich in abenteuerlicher Weise an der Reling entlang. Die Helfer wecken Tom - und erfahren von dessen dramatischen Erlebnissen der vergangenen Tage. Toby hat psychische Probleme, muss starke Medikamente nehmen, „dann ist er der liebste Mensch der Welt“, so Tom. Warum Toby auf dem Törn kein Lithium genommen hat, weiß Tom nicht.
„Wir hatten ordentlich Fahrt drauf“, erzählt Rainer. Es gelingt ihnen, Toby nach hinten zu locken, wo dieser sich an der Leine des Beiboots zu schaffen macht. Nach einer heftigen Rangelei nimmt er plötzlich Anlauf und springt in das Gummiboot. „Und da ist er rausgeklettert und hat sich durchs Wasser ziehen lassen.“ Die Männer an Bord sind entsetzt, auch wenn sie zunächst erleichtert waren, dass er das Boot überhaupt getroffen hatte. Im Dunkeln und bei sechs Knoten Fahrt.
Irgendwann hangelt Toby sich wieder ins Beiboot, unter Aufbietung aller Kräfte holen die drei ihn an Deck, wo er wie ohnmächtig liegen bleibt. „Zur Sicherheit fesseln“, rät Skipper Carsten von der Sunrise über Funk. Hände und Füße werden mit Kabelbindern fixiert, zudem wird Toby an den Cockpit-Tisch gebunden. „Er hat immer nur auf Flämisch vor sich hin gebrabbelt.“
„Wir hatten noch fünf Tage bis St. Lucia vor uns.“ Mit einem nervlich angeschlagenen Bootsführer und einem Selbstmord gefährdeten Mann an Bord. Nach Beratung per Funk - auch mit einem Arzt, der an Bord eines der Begleitschiffe ist - wird das Rescue-Center Martinique zu Hilfe gerufen. Die britische Marine schickt die „HMS Lancaster“ auf den Weg, doch vor ihr liegen 200 Seemeilen. Acht Stunden, eine lange Zeit für die Crew. Was passiert mit Toby, wird er nur medikamentös versorgt, nehmen sie ihn mit? Bange Stunden. „Auf der Alegria und auf der Sunrise hat in dieser Nacht keiner geschlafen.“
Um die Mittagszeit erscheint am Horizont ein kleines Wölkchen - und rasch nähert sich das riesige Kriegsschiff. Es lässt zwei Speedboote zu Wasser, mit jeweils acht Soldaten besetzt. Drei von ihnen kommen mit einer Ärztin an Bord der Alegria, untersuchen Toby, machen sich Notizen und nehmen den Gefesselten mit an Bord der Lancaster. Das Manöver dauert anderthalb, zwei Stunden, bei Windstärke vier und zwei Meter Welle. „Erst im Schnellboot hat er angefangen zu schreien.“ Trotzdem sind alle erleichtert - und erschöpft. Toby wird zur Behandlung ins Krankenhaus nach Barbados gebracht, inzwischen soll es ihm besser gehen.
Tom kann unmöglich alleine weitersegeln, Harald möchte zurück auf die Sunrise, weil er wegen der Rangelei mit Toby angeschlagen ist. Erneut wird das Beiboot zu Wasser gelassen, Rainers Freund Ernst-Günter Kiwnik aus Köln und noch ein Mann wechseln auf die Alegria, beide Schiffe nehmen Kurs auf St. Lucia. Bei allem Horror: Der Zusammenhalt der Segler hat die Kölner beeindruckt. Erst als der Patient versorgt ist, drehen die anderen ab. Trotzdem: „Ein Sturm ist mir lieber!“, sagt Rainer Herbrich.
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