Von Felix Rehwald, 29.12.06, 11:17h
Einer aktuellen Umfrage des ADAC in München unter mehreren Tausend Autofahrern zufolge sind 70 Prozent der Nutzer nicht mit ihrem Navigationssystem zufrieden. Bemängelt wird vor allem, dass der Lotse in die Irre führt oder Software und Kartenmaterial veraltet sind. Dass sich Autofahrer immer wieder über ihr "Navi" ärgern, hängt aber auch mit ihrer Wahrnehmung und ihrem Orientierungsverhalten zusammen.
"Autofahrer haben ein bestimmtes Suchmuster im Kopf", erklärt Prof. Josef Krems, der am Institut für Psychologie der Technischen Universität Chemnitz im Bereich Verkehrspsychologie und Wahrnehmung forscht. "Das versuchen sie, in die Welt draußen umzusetzen." Kennen sie die Adresse ihres Ziels, hätten sie eine ungefähre räumliche Orientierung. Mit Hilfe von Zwischenzielen - so genannten Landmarks, die sie sich zuvor erschlossen haben - arbeiteten sie sich dann vor.
Diese "Bezugspunkte" - das kann zum Beispiel eine Tankstelle oder ein markanter hoher Turm entlang der Route sein - erleichtern das Zurechtfinden. "Autofahrer orientieren sich in erster Linie mit den Augen", erklärt Krems. Die Kartendarstellung der meisten Navigationsgeräte verwendet jedoch noch keine Landmarks. Sie zeigt meist nur das stilisierte Straßensystem auf dem Display an.
Eine gute Orientierungshilfe bietet die Darstellung laut Krems vor allem dann, wenn diese leicht mit der Realität in Einklang zu bringen ist. Nicht immer werden Autofahrer daher aus den Routeninformationen schlau. "Schon die herkömmliche Straßenkarte ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln", sagt Franz Schibalski, Verkehrspsychologe beim ADAC in München. Millionen von Autofahrer seien bei der Orientierung mit diesem Hilfsmittel hilflos.
Ähnliche Probleme können sich bei der Sprachausgabe ergeben: Ist die Ansage zu abstrakt oder ungenau formuliert, ergibt sich Josef Krems zufolge eine "Konfliktsituation": "Der Fahrer ist verwirrt und muss sich vergewissern, ob er noch auf dem richtigen Weg ist." Weil ihn das unterwegs vom Verkehr ablenkt, erhöht sich das Unfallrisiko.
Diese Zusammenhänge kennen auch die Systemanbieter. Die Firma Navigon aus Hamburg etwa versucht, mit Hilfe so genannter Usability-Tests herauszufinden, wie die Routeninformationen bei den Nutzern ankommen. Informationen über ihre Bedürfnisse erhält die Firma nach Angaben von Produktmanager Jochen Katzer auch aus dem Support: "Es stellt sich schnell heraus, dass viele Leute die gleichen Probleme haben."
Eine große Schwierigkeit der Entwickler sei, zu entscheiden, was Anwendern unterwegs an Informationen mitgegeben werden soll. Oft müssten sie Kompromisse aus Nutzerfreundlichkeit und Orientierungshilfe eingehen: So ermöglicht eine einfache, abstrakte Kartendarstellung mit farblich abgesetzter Route zwar eine gute Ablesbarkeit. Sie erschwert aber für manche Nutzer die Orientierung. Eine sehr detaillierte Karte ist dagegen in diesem Punkt besser, beim Ablesen jedoch unübersichtlich.
In Zukunft werden Navigationssysteme laut Katzer eine "realistischere Darstellung der Außenwelt" ermöglichen, die zugleich übersichtlich bleibt. Er denkt dabei zum Beispiel an echte Reliefkarten und fotorealistische Darstellungen der Umgebung - in der dann auch markante Wegpunkte zu erkennen sein dürften.
Ähnlich schwierig ist die Konzeption der Sprachausgabe. Hinweise wie "demnächst abbiegen" seien aus der aktuellen Navigon-Software entfernt worden, da sich viele Nutzer darunter nichts vorstellen konnten, erzählt Katzer. Eine gewisse Standardisierung der Kommandos sei jedoch unverzichtbar. Trotzdem könnten die Befehle künftig präziser werden und beispielsweise auch Landmarks berücksichtigen: "Was wir in Zukunft bestimmt einmal haben werden, sind Ansagen wie "vor der Kirche rechts abbiegen"", sagt Katzer. Zu häufig dürften solche "Meta-Informationen" aber auch wieder nicht verwendet werden, da sich Gebäude schneller verändern als das Straßennetz.
Nichts hält Katzer dagegen von Hinweisen wie "rechts abbiegen in die Schmitzstraße", da Straßenschilder aus dem Auto kaum zu erkennen sind. Außerdem sei es wichtig, sparsam mit der Sprache umzugehen: "Das System darf nur dann Kommandos geben, wenn es wirklich wichtig ist" - ansonsten müsse es "die Klappe halten". Auf den ersten Blick abstrakt erscheinende Entfernungsangaben wie "in 200 Metern" hält Katzer dagegen für kein Problem: "Der User gewöhnt sich eigentlich recht schnell daran, was 200 Meter sind."
Prof. Krems empfiehlt, als "Backup" den Atlas ins Auto zu legen -falls das "Navi" einmal ausfallen oder mit der Routenführung völlig daneben liegen sollte. Auch Jochen Katzer von Navigon warnt davor, sich ganz auf die moderne Technik zu verlassen: "Man sollte sich nicht sklavisch dem System gegenüber verhalten. Es ist und bleibt ein Hilfsmittel, das auch mal falsch liegen kann."
Ein neues "Navi" sollte immer erst ausprobiert werden - und zwar am besten dort, wo sich Fahrer ohnehin gut auskennen, rät Franz Schibalski, Verkehrspsychologe beim ADAC in München. Auf diese Weise erhielten sie Erfahrungswerte, wie ihr Gerät reagiert und wie gut sie den Routenempfehlungen vertrauen können. Manche Irreführungen kommen nämlich auch durch Bedienfehler der Nutzer zustande. (dpa)
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