Von Wolfgang Kohrt, 16.02.07, 21:20h, aktualisiert 18.02.07, 17:41h
Bert Weingarten ist nicht Mitglied irgendeiner Community. Trotzdem ist er dort jeden Tag unterwegs, in diesen Räumen eines virtuellen Paralleluniversums, in denen man das Fürchten lernen kann. Er kann Filme von verstümmelten, verbrannten Menschen zeigen.
Bert Weingarten ist ein privater Internetfahnder, einer der ganz wenigen, die jenseits der bekannten Suchmaschinen arbeiten können. Vielleicht ist es eine falsche Vorstellung, aber der 36-jährige Mann sieht nicht aus wie ein Fahnder. Diese Leute, so stellt man es sich gern vor, seien oft ein bisschen unrasiert und sagten schmutzige Worte. Weingarten aber liefert das gegenteilige Bild: ein junger Geschäftsmann, der gerade sein erstes nennenswertes Geld gemacht hat.
Der Fahnder Bert Weingarten ist zugleich Vorstand der PAN AMP AG, deren Geschäftsfeld die Datenfilterung im Internet ist. Mit seinen automatischen Filtern ist er im weltweiten Gewebe unterwegs, um Bedrohungen für Bahnhöfe, Flugzeuge, Menschen, Länder aufzuspüren. Und er ist ein virtueller Leibwächter, denn auch damit verdient er sein Geld. Er schaut in den Tiefen des Netzes nach, ob jemand die Auto- und Telefonnummern von Konzernvorständen oder die Kita-Adressen ihrer Kinder hat. Er entdeckt Bedrohungen, die diese Leute noch gar nicht kennen. Dann warnt er seine Auftraggeber. Er fahndet auch nach Seiten für Bombenbauanleitungen und denen von Terroristen.
Seit acht Jahren lebt Weingarten praktisch in einer anderen Welt. Und wenn er dort etwas entdeckt, was die reale Welt gefährden könnte, gibt er es auch an den Verfassungsschutz weiter. „Allein auf deutschsprachigen Servern sind uns mehr als 200 000 Bombenbauanleitungen bekannt“, sagt er. „Quer durch viele Städte, quer durch jedes Bundesland.“ Jeden Monat kommen 4000 dazu. Wie viele es in der ganzen Welt gibt, weiß auch Weingarten nicht. Man findet dort die Zutaten für eine Bombe, das Mischungsverhältnis, die Berechnung der Sprengkraft. Man kann sich Schaltvorrichtungen für Zeitzünder oder die Zündung per Handy herunterladen. Es gibt Anleitungen, wie man Platinen lötet, Schaltpläne, alles. „Nehmen wir an, Sie wollen TATP herstellen“, sagt Bert Weingarten. „Terroristen nennen diesen Sprengstoff „die Mutter Satans“. Da brauchen Sie nur drei Bestandteile, die kriegen Sie in Baumarkt und Apotheke, dann mischen Sie das.“
Die Wirkung vieler Bomben wird im Internet mit Videos dokumentiert. Weingarten hat Bänder, in denen Kühlschränke gesprengt werden, Bäume oder Autobahnunterführungen. All dies findet Weingarten jeden Tag im Netz. Er nennt es eine verhängnisvolle Verbindung zwischen den Bomben- und Waffenportalen und den von ihm so genannten Ein-Tages-Helden. „Die Videoportale wachsen, und viele junge Leute überlegen sich, wie sie auf sich aufmerksam machen können oder wenigstens einmal zum Helden werden.“
So liegen die Dinge, und Weingarten hat kein gutes Gefühl. Vor ein paar Monaten hat er sich mit einem dieser Ein-Tages-Helden befasst, wenn man ihn denn Held nennen will. Es war im November 2006, als ein 18-Jähriger aus Emsdetten in seiner früheren Schule Amok lief und fünf Menschen anschoss, bevor er sich selbst umbrachte. Weingarten und seine Mitarbeiter rekonstruierten für die ARD das Leben von Sebastian B. im Internet. Sie fanden die Plätze, wo er Bomben zu bauen lernte, seine psychischen Probleme diskutierte und Waffen kaufen wollte. Sie kannten sein Geburtsdatum, seine Adresse, die E-Mail-Adresse, seine Handynummer, seine Vorlieben. „Wir wussten in kürzester Zeit fast alles“, sagt Weingarten. „Wo er was gesprengt hatte, in welchem Forum er war, mit wem er am Computer gespielt hat.“
Das hat 24 Stunden gedauert, mit der vollständigen Rechenkapazität von Weingartens Firma. „Eine Person, etwa ein Kriminalbeamter, hätte dazu ungefähr drei Jahre gebraucht“, sagt Weingarten. „Nur ist es so, dass in Deutschland kein Kriminalbeamter, kein Verfassungsschützer und niemand vom Militärischen Abschirmdienst dorthin kommt, wo wir mit unserer Technologie arbeiten.“ Die nach Schätzungen 300 staatlichen Internetfahnder in Deutschland suchen in der Regel mit „Google“ oder „Yahoo“. Weingarten fahndet an Orten jenseits der Suchmaschinen. Im Deep Internet, auch verstecktes Web genannt. Seine Größe kann nur geschätzt werden. Fachleute glauben, dass es ein Vielfaches des direkt zugänglichen Netzes umfasst. Dort also ist Weingarten unterwegs. Für das, was sie suchen, schreiben seine Leute Datenmuster und aktivieren sie. Dann beginnen die Muster selbständig loszulaufen und jeden Server und überhaupt alles, was sie im Datennetz finden, zu prüfen.
Eines der Muster sucht nach terroristischen Inhalten. Die Zahl dieser Seiten wächst jeden Tag, auch in Deutschland, und Weingarten kann dabei gewissermaßen zuschauen. Man soll sich am Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen beteiligen, Strukturen aufbauen, bei der Einreise in bestimmte Länder bestimmte Pfade benutzen oder einfach nur sein Auto für den Dschihad zur Verfügung stellen. In letzter Zeit bemerkt Bert Weingarten, dass die Zahl der Comic-Server wächst. Sie wenden sich gezielt an Kinder, um sie auf den Heiligen Krieg vorzubereiten. Man sieht Kinder, die mit Sturmgewehren gegen amerikanische Soldaten, Europäer oder Israelis vorgehen. Kinder laufen mit Sprengstoffgürteln umher und sprengen Autos in die Luft. Die Zeichnungen sind ohne Sprechblasen, sie sind für Vier-oder Fünfjährige, die noch nicht lesen können.
Wenn der Plan aufgeht, werden die Kinder in einigen Jahren das tun, was Weingarten jetzt an seinem Computer zeigt. „Hier haben wir eine Seite für Scharfschützen im Irak, mit Propagandavideos, auf denen im Minutentakt gezielt auf amerikanische Soldaten geschossen wird. Sie bekommen die Kugeln in den Kopf oder in die Halsschlagader, und dann warten die Heckenschützen auf die Sanitäter, um die auch noch zu erschießen.“ Weingarten öffnet eines dieser Videos. Ein junger Soldat mit Helm ist zu sehen, von der Seite, von hinten. Plötzlich kippt er zur Seite. Er ist tot. Der Irak ist weit weg, aber auch viel näher, als man denkt.
In Weingartens Archiv befindet sich ein Internet-Forum, bei dem oben auf der Seite das Foto einer schwarz verschleierten Frau steht, die eine Flugabwehrwaffe in den Armen hält. Nur ihre Augen sind zu sehen und ein kleiner Teil des Gesichts. Sie ist hellhäutig, und Bert Weingarten sagt, dass es auf diesen Seiten nur darum ging, Frauen anzuwerben, die zum Islam konvertiert waren. „Sehen Sie, woher die Einträge kommen. Hier, aus Dänemark, aus Deutschland, Frankreich, wieder Dänemark. Hier haben wir übrigens eine Wortmeldung von Sonja B.“ Sonja B. war eine Konvertitin aus Berlin, die sich anschickte, zu einem Selbstmordattentat in den Irak aufzubrechen. Am 23. April 2006 wurde sie von der deutschen Polizei verhaftet.
Ein anderer Server stand in Erfurt, voll mit einschlägigem Material - Bekennervideos, Argumentationshilfen für den Kampf gegen die Ungläubigen, Bauanleitungen für Kassam-Raketen. Hier konnte man auch lernen, wie ein Flugzeug mittels Flüssigsprengstoff am besten in die Luft zu sprengen ist. Ein Eintrag stammt vom 26. Oktober 2006, 10.19 Uhr: „Glaube, Schwester geht fremd. Wolle Ehre retten. Muss Schwester machen weg! Wie??“ Weingartens Suchmuster sind in fünf Sprachen im Internet unterwegs, weitere werden vorbereitet.
Die Zahl der islamistisch-terroristischen Seiten wächst, und damit wächst für ihn auch ein potenzielles Geschäftsfeld. Sicherheit ist ein boomender milliardenschwerer Markt. Denn das „Deep Internet“ ist ein großer, anarchischer Raum, in dem alles möglich ist. Es ist so groß wie unendlich, und in absehbarer Zeit muss der Fahnder Bert Weingarten wahrscheinlich sein Archiv ausbauen. Allein an terroristischem Material hat er einige Terabyte auf seinen Servern. Ein Terabyte sind tausend Gigabyte. Das ist ungefähr so viel, als hätte er die Bibel 200 000-mal gespeichert.
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