Erstellt 25.02.07, 21:54h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Schneider, Sie bauen Räume, die man als befremdlich bezeichnen darf. Die neueren sind ausdrücklich politisch aufgeladen.
GREGOR SCHNEIDER: Ich habe mich nie als einen politischen Künstler verstanden. So ganz unpolitisch aber war selbst mein Beitrag im deutschen Pavillon der Biennale von Venedig 2001 nicht, wenn man sich vorstellt, dass Joseph Goebbels in der Nähe der Unterheydener Straße in Rheydt (dort ist auch Schneiders „Haus u r“, Anm. d. Red.) gelebt und er auch den deutschen Pavillon wiederholt bespielt hat. Ein gesellschaftlicher Aspekt war schon immer Teil der Arbeiten. „Steindamm“ war ein Nachbau von Teilen des gleichnamigen Kinderstrichs in der Nähe der Hamburger Kunsthalle, den wir dort in der Rotunde (24 Stunden von außen zugänglich) eingebaut hatten. Die „Doppelgarage“, zuerst in Düren zu sehen, dann in Santa Fé und in der Hamburger Kunsthalle, war der Versuch, eine Garage aus der Unterheydener Straße nachzubauen, in der jahrelang jeden Tag ein Betrunkener in seinem Auto saß. Jemand, der zu Hause nicht mehr saufen durfte und sich in sein Auto gesetzt und gesoffen hat.
Den gibt es tatsächlich?
SCHNEIDER: Wenn er nicht schon tot ist.
Kannten Sie ihn persönlich?
SCHNEIDER: Nein, hat mich auch nicht interessiert. In dem Moment, in dem ich diesen Raum nachbaue, existiert er zweimal, annähernd gleich. Und was mich beschäftigt: Worin besteht die Verbindung? Das hat ja konzeptuell auch schon bei dem Beitrag in Venedig eine Rolle gespielt oder bereits 1994 in dem verdoppelten Raum in Berlin in einer Ausstellung. Es geht mir nicht um reine Erlebnisräume.
Welcher Impuls liegt den Räumen zugrunde, die Sie im Düsseldorfer K21 zeigen werden?
SCHNEIDER: Wenn man sich mit nicht mehr zugänglichen Räumen beschäftigt, von deren Existenz wir aber wissen, stößt man zwangsläufig auch auf die sogenannten „Black Sites“. Seit 2005 planen und bauen meine Mitarbeiter und ich diese Räume. 2006 sind die „High Security Isolation Cells“ im belgischen Museum Dhondt-Daenens aufgebaut worden. Im K21 wird ein Teil aus Belgien übernommen und in einen größeren Werkzusammenhang gestellt. In Camp V im Lager Guantanamo ist in diesen Hochsicherheitszellen - die Ähnlichkeiten haben mit dem „total isolierten Gästezimmer“, das ursprünglich im Haus u r gebaut wurde - ein schwarzer Pfeil auf den Boden gemalt, der Richtung Osten zeigt. Darunter steht eine Kilometerangabe und „Mekka“. Das sind keine Erfindungen von mir, das habe ich übernommen. Alle meinen, das hätte ich mir ausgedacht. Nein, es ist ein Wiederholen von vorhandenen Dingen.
In London, wo man eine Ihrer Zellen sehen konnte, empfand ich sie durchaus nicht als Erfindung - im Gegenteil: Sie wirkte wie eine originalgetreue Nachahmung.
SCHNEIDER: Wir haben versucht, Informationen über diese Räume zu sammeln und uns ihnen so weit wie möglich anzunähern. Wir erfinden nichts dazu. In den ausgestellten Räumen werden keine Gebrauchsspuren zu erkennen sein. Bei anderen Räumen werden Gebrauchs- und Schimmelspuren akribisch rekonstruiert, weil es eine entsprechende Vorlage gibt.
Die enge Zelle ist also exakt einem Raum in Guantanamo nachempfunden?
SCHNEIDER: Die fotografische Gegenüberstellung zeigt, dass wir da sehr nahe dran sind.
Worin lagen Ihre Intentionen?
SCHNEIDER: Sie gehen auf ein instinktives Gespür für den Raum zurück. Natürlich habe ich auch eine Meinung dazu. Wir leben in einer Gesellschaft, in der ein unter falschem Vorwand geführter Angriffskrieg bisher nicht geahndet wurde und „Black Sites“ existieren. Nebulöse Geheimdienste beeinflussen unsere politischen Entscheidungen. Menschenverachtende Attentate wie der 11. September zeigen, wie verletzlich eine Gesellschaft durch ein Individuum ist. Solange durch Krieg Milliarden umgesetzt werden und ein Attentat gewaltige Börsengewinne möglich macht, haben wir ein Problem. Im amerikanischen Haushaltsentwurf für das Jahr 2008 ist rund ein Viertel des Budgets in Höhe von 2,9 Billionen US-Dollar (rund 550 Milliarden Euro) für Verteidigung, für den Kampf gegen den Terrorismus sowie für die beiden Kriegseinsätze vorgesehen. Mit dem Geld hätte man sehr wohl viele tolle andere Dinge machen können.
Man kann eigentlich nur mit Empörung reagieren, wenn man in einer solchen Zelle verweilt.
SCHNEIDER: Man muss jedem Besucher seine eigenen Eindrücke lassen. Wenn ich wüsste, wie der Raum nachher auf mich wirkt, zu welcher Reflexion er mich zwingt, müsste ich ihn nicht bauen. Darauf beruht auch das Missverständnis mit dem Kubus in Hamburg. Natürlich muss eine Skulptur erst gebaut werden, damit man darüber sprechen kann, um sich dann ein Urteil zu erlauben.
Sie hätten diesen Kubus in Berlin gern realisiert, nachdem er in Venedig unerwünscht war.
SCHNEIDER: Ich war eingeladen worden, ihn in Venedig auf der Piazza San Marco zu bauen. Mir ist schriftlich mitgeteilt worden, dass dieses Projekt aufgrund der politischen Natur nach einer Entscheidung in Rom verboten wird. Auch der Versuch, den Kubus auf dem Wasser zu bauen, ist verboten worden. Selbst die freie Meinungsäußerung im Katalog ist zensiert worden. Ich hatte betont, dass dieses Projekt zusammen mit Helmi Ben Boubaker Helal (gläubiger Muslim aus Rheydt, Anm. d. Red.) entwickelt wurde und dass ich vonseiten der Muslime Unterstützung bekommen habe. Das Projekt ist verboten worden, ohne dass ein einzelner Moslem gefragt wurde. Veröffentlicht wurde aber eine Pressemeldung, die die Terrorangst schürt.
Wie kam es zu der Absage in Berlin?
SCHNEIDER: Ich wäre auch in Berlin zu jeder Zeit zu jeder Kommunikation bereit gewesen. Der Leiter des Hamburger Bahnhofs, Eugen Blume, hatte den Text schon geschrieben, in dem er das Projekt feiert: dass es gebaut werden muss für die Freiheit der Kunst und dass Berlin der richtige Ort sei - mit der Nähe zur Politik und zu einer Biennale. Diesen Text hat er nicht nur mir geschickt, sondern auch dem Verleger des Katalogs und dem Übersetzer und einigen anderen Personen. Es ist dokumentiert, dass der Hamburger Bahnhof das Projekt wollte. Plötzlich bekomme ich Nachrichten: Der Innenminister könnte sich einschalten! Ängste werden formuliert. Dann kommt die Nachricht schriftlich: Aufgrund der politischen Bedingungen in Berlin wird das Projekt verboten. Da muss ich mich als Künstler natürlich fragen: Was ist da los? Umso überraschender ist dann wieder eine Pressemitteilung, die von Agenturen abgeschrieben wird und ich dann in den Zeitungen lesen muss: Der Kubus hätte in Jerusalem oder in New York stattfinden müssen, damit er nicht an Stärke verliert!
Wie haben die Kuratoren reagiert?
SCHNEIDER: Schweigen. Das Erschreckende ist, dass Kuratoren wie Eugen Blume mir gegenüber am Telefon von Ängsten und politischer Zensur sprechen, aber nicht in der Lage sind, öffentlich darüber zu sprechen geschweige denn mit mir eine Form zu finden, um das Projekt zu realisieren. Blume hat selbst im Fernsehen gesagt, er könne nicht frei entscheiden. Ich war zum Gespräch bereit und habe sogar alternative Vorschläge gemacht. Der Unterschied zu Berlin und Venedig ist in Hamburg, dass es jetzt gebaut wird. Jetzt wird die Skulptur vermutlich banalisiert und der Vorwurf wird kommen, ich würde mich mit dem Islam verbrüdern. Was für mich kein Vorwurf wäre. Verbrüderung ist etwas Wunderbares.
Obwohl der Vorhalt nicht zutrifft.
SCHNEIDER: Dass man aus mir einen radikal-fundamentalen Künstler macht, dafür kann ich nichts. Die Skulptur verlangt allen Beteiligten einiges ab. Diese schwarze Kiste führt uns alle vor! Sie hat mich dazu gezwungen, die Öffentlichkeit zu suchen und gegen falsche Berichterstattung vorzugehen. Den Muslimen verlangt sie eine Annäherung an die Kaaba ab, die sie so bisher nicht kannten. Den Besuchern, die zumindest in der westlichen Welt eine solche Skulptur noch nicht gesehen haben. Aber auch der Berichterstattung, die sich plötzlich auch mit sich selbst beschäftigen muss. Der Kubus ist ja schon jetzt ein Lehrstück der Kunst- und Kulturvermittlung. Dabei reflektiert er ja sehr wohl kunstgeschichtliche Bezüge, aktuelle gesellschaftliche Konflikte und massenpsychologische Wahrnehmung. Der Umgang mit dem Kubus dokumentiert sehr wohl auch die Arbeitsverhältnisse, in denen Ausstellungsmacher heute stehen. Wieso gibt es keine Ausstellungsmacher, die sagen: Ich wollte das machen - aber der Mann in der Politik wollte es nicht. Das mache ich zum Vorwurf: Man kann um seine Zeit und seine Energie betrogen werden. Aber das Schlimme ist, dass die Kuratoren im Umgang mit dem Kubus noch nicht einmal mehr an die Kunst glauben.
Was erwarten Sie sich von der Präsentation in Hamburg?
SCHNEIDER: Der „Cube Hamburg 2007“ informiert über einen der schönsten und geheimnisvollsten Räume der Menschheit. Was ist das Faszinierende dieser kulturübergreifenden Form? Sie eröffnet eine Fülle von Assoziationen und Interpretationen. Wir haben Malewitsch, die Architektur Ungers', der sich auf die griechische und römische Klassik bezieht, und das Quadrat. Wir haben Assoziationen von der Kaaba bis Christo, Tony Smith bis zur Dönerbude und den Moscheen und Kirchen drum herum. Der „Cube Hamburg 2007“ bleibt aber eine simple, schwarze Kiste - eine Metallkonstruktion mit Holzverschalung, überzogen mit schwarzem Stoff. Dieser Würfel, diagonal versetzt, ausgerichtet nach Mekka, wird sich wunderbar in die Architektur einfügen, aber den Platz nicht durch eine gigantische Größe brechen. Er wird ein neues Zentrum schaffen und vermutlich wie ein schwarzes Loch im Strudel alles aufsaugen. Der Kubus kommt in 2007 an - und nicht in einer kulissenhaften Architektur und dem Kulturtourismus à la Venezia.
Gibt es zwischen den Arbeiten über Guantanamo und dem Kubus eine Verbindung?
SCHNEIDER: In Camp V gibt es einen „Isolation Ward“ (ein Isolationsgewahrsam), einen komplett schwarzen Raum. Er wird für die sogenannte „Weiße Folter“ benutzt.
Das Gespräch führte Georg Imdahl
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