Von EVA SCHWEITZER, 27.02.07, 21:16h, aktualisiert 28.02.07, 07:24h
New York - Die Mission des „Discovery Channel“ sei, sagt dessen Managerin Jane Root, die Welt zu erforschen. Discovery sendet Filme über den UFO-Absturz in Roswell, Big Foot, okkulte Nazikunst, den Kennedy-Mord und den Flug TWA 800, der aus ungeklärten Gründen vor New York ins Meer fiel. Nun wagt sich der TV-Kanal an das große Rätsel der Christenheit heran: Hat Jesus existiert? Am Wochenende wird eine Dokumentation des Filmemachers James Cameron („Titanic“, „The Terminator“) gesendet, die die angebliche Entdeckung des Grabes von Jesus und seine Familie in Jerusalem zeigt. Am Karfreitag läuft der Film in Deutschland auf Pro Sieben. Parallel dazu wirft der Murdoch-Verlag HarperCollins das Buch „The Jesus Family Tomb“ auf den Markt.
ksta-tv: Bilder aus der Grabkammer
Treibende Kraft hinter dem Film und Koautor des Buchs ist Simcha Jacobovici, ein israelisch-kanadischer investigativer Journalist. Jacobovici, Cameron und ein halbes Dutzend Wissenschaftler - darunter der britische Archäologe James Gibson - stellten beides in der New York Public Library als „Sensation“ vor: Erstmals sei die Existenz von Jesus bewiesen. Um den Event noch mehr zu dramatisieren, wurde der Ort bis zuletzt geheim gehalten.
Die Geschichte begann im Jahr 1980. Damals stießen Bagger bei Ausgrabungsarbeiten in Jerusalem auf zehn so genannte Ossuaren, Mini-Sarkophage aus Stein, die die Knochenreste von Verstorbenen enthalten. Die Ossuaren wurden zur Bodendenkmalbehörde Israel Antiquity Authority gebracht. Dabei verschwanden zwei von ihnen, von denen einer später bei einem Betrüger auftauchte - dort quasi vergessen, bis Jacobovici die Szene betrat.
Jacobovicis letzter Film über „Jacobus, Bruder des Jesus“ floppte, als bekannt wurde, dass er auf einem Ossuar beruht, der sich als Fälschung erwiesen hat. Diese Ossuare aber seien echt, versicherte er in New York. Und auf ihnen seien sechs ganz besondere Namen eingeritzt: Jesus, Sohn des Joseph; Juda, Sohn des Jesus; Josef, Bruder des Jesus; Maria; Matthäus und Mariamene e Mara. Aus einem griechischen Werk des vierten Jahrhunderts gehe hervor, dass Mariamene für Maria Magdalena stehe, und Mara heiße Meisterin. Zwar seien die Knochen selber in unbekannter Erde verscharrt worden, aber in den Ossuaren klebten noch DNA-Reste, und daraus habe sich ermitteln lassen, dass Jesus und Maria Magdalena nicht verwandt gewesen seien - sie müssten also verheiratet gewesen sein.
Schon im Vorfeld prasselte Kritik auf die Grabsucher nieder. „Denen geht es nur ums Geld“, sagt Amos Kloner, der Archäologe, der im Auftrag Israels die Sarkophage gesichert hat. „Erstens lebte Jesus in Nazareth und nicht in Jerusalem, seine Familie war zu arm für so ein Grab, und außerdem lagen in solchen Grabstätten Hunderte von Familienmitgliedern, nicht nur fünf oder sechs. Und vor allem waren das die populärsten jüdischen Namen ihrer Zeit.“
„Die Namen sind häufig, aber es kommt auf die Kombination an“, meint Charles Tabor dazu, ein Bibelforscher aus dem US-Bundesstaat North Carolina, der in der Public Library das wissenschaftliche Wort führte. Statistiker, sagt er, glaubten, die Wahrscheinlichkeit für solch eine Kombination liege zwischen eins zu einer Million und eins zu 600 - zugunsten der Jesu-Grab-Theorie.
Die Wissenschaftler befinden sich auf vermintem Gelände: Knochen von Jesus implizierten, dass der Messias gar nicht auferstanden sei - mithin war er nicht der Sohn Gottes, sondern ein Normalsterblicher, und das macht die Grundlagen des Christentums obsolet. Vor dieser Konsequenz allerdings schrecken sie zurück. Keiner will es sich mit den bibeltreuen Christen der USA verderben, schon gar nicht der Discovery Channel, der einem eher konservativen Konsortium aus dem Gründer John Hendricks, Cox Communications, dem ewigen Murdoch-Konkurrenten John Malone und der Newhouse Group („Vanity Fair“) gehört. Die Auferstehung Jesu, wehren sie ab, sei eher spirituell zu verstehen denn wörtlich. Nach einer halben Stunde wird es unruhig. Selbst der Nichttheologe merkt, dass Beweise nicht nur dünn sind, sondern sich allesamt aufeinander stützen. Steht auf dem Grab wirklich Jesus? Manche Wissenschaftler meinen, tatsächlich stünde dort „Hanun“ (für Laien ist die Schrift überhaupt nicht zu entziffern). Und warum wird Juda, Sohn des Jesus, nirgends in der Bibel erwähnt? Um das Kind vor den Römern zu schützen, meint Tabor. Und was sagt eigentlich der Vatikan dazu? Den habe man nicht gefragt. Man habe sich aber von einem Jesuiten sowie einem Zeugen Jehovas beraten lassen. Andererseits: Wenn die DNA von Jesus tatsächlich existiert, könnte man diesen nicht vielleicht klonen - und ihn dann selber befragen? Da wehren die Wissenschaftler unisono und erschrocken ab. Nein, nein, die DNA sei eigentlich nur in winzigen Fragmenten vorhanden, und außerdem käme da allenfalls ein physischer Zwilling heraus, kein echter Sohn Gottes. Überhaupt: „Das“, sagte Tabor, „würde nur zum Bösem führen.“
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