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Reise in die schmerzliche Vergangenheit

Von CORINNA SCHULZ, 27.02.07, 21:19h

Ein Kölner wurde 13 Jahre in einem Kinderheim gequält und konnte Jahrzehnte nicht darüber sprechen. Der Fall ist exemplarisch für ein dunkles Kapitel der Nachkriegsgeschichte.

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Schwestern des Vinzenzheims in Dortmund mit Zöglingen. Auch dort wurden Kinder misshandelt.
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Schwestern des Vinzenzheims in Dortmund mit Zöglingen. Auch dort wurden Kinder misshandelt.
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Hans Klostermann
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Der Fall ist exemplarisch für ein dunkles Kapitel der Nachkriegsgeschichte.

Köln - Hans Klostermann zieht sich tief in den grauen Beifahrersitz zurück. Mit Tempo 230 rast der dunkelblaue Pkw über die Autobahn. Der 64-Jährige blickt starr nach vorne und fühlt den Knoten in seiner Magengrube. Mit jedem Kilometer rückt seine Vergangenheit näher - der Ort, an dem die Bilder entstanden, die ihn seit mehr als 40 Jahren verfolgen. Immer wieder hat er sich gefragt, wie es sein wird, noch einmal zurückzukehren - in die Diakonie Bad Kreuznach. Georg Scheffler, Pressesprecher der evangelischen Einrichtung, hält auf dem Hof und öffnet Hans Klostermann die Wagentür. Jetzt ist er dort, wo er nie wieder hin wollte.

Mehr als 13 Jahre hat der gebürtige Kölner in dem Heim in Rheinland-Pfalz verbracht. Einen Tag nach seinem achten Geburtstag im August 1950 wird der kleine Hansi, wie ihn alle nennen, in Kreuznach eingeliefert. Er leidet an Knochen-Tuberkulose, sein Rückgrat ist verkrümmt. Die evangelische Anstalt gilt damals als medizinisch führend auf dem Gebiet. Hansis Mutter lebt allein mit seinen vier Geschwistern in Köln-Mülheim. Der Vater hat die Familie nach dem Krieg verlassen, die junge Frau fühlt sich mit dem schwerkranken Sohn überfordert.

Die Heilung geht nur langsam voran, aber je besser die offenen Stellen am Rücken verheilen und Hansi am Heimalltag teilnimmt, umso mehr wird das Leben in der Anstalt für ihn zum Albtraum. Hinter den dicken Backsteinmauern führen die Diakonissen ein drakonisches Regiment. Prügel gibt es schon bei der kleinsten Verfehlung. „mit allem, was gerade greifbar war“, sagt Hans Klostermann - Holzlatten, Metallstangen, Schlüsselbunde und Stöcke. Wer sich in die Suppe, in der oft dicke Speckschwarten mit Haaren schwammen, erbricht, wird von den Ordensschwestern gezwungen, auch das Erbrochene zu essen.

„Gott liebt alle seine Geschöpfe“, predigen die Schwestern, nur Hans Klostermann und die anderen Kinder schien er irgendwie vergessen zu haben. „Wie kann man voll Inbrunst Barmherzigkeit und Nächstenliebe lehren und dann so zuschlagen?“ Oft sperrten die Nonnen ihn tagelang in ein dunkles Kellerloch. „Ich habe dann auf der kalten Kellertreppe gekauert, denn der einzige Lichtstrahl kam unter der Tür durch. Und weil ich eines der wenigen Kinder war, das nie Besuch bekam, weil meine Mutter kein Geld hatte, konnte ich auch niemandem von den Misshandlungen erzählen.“ Die vielen Briefe, die er nach Hause schreibt und in denen er seine Mutter bittet, ihn da rauszuholen, schickt die Heimleitung nie ab.

Die vielen Briefe der Mutter

Etwas zögerlich geht Hans Klostermann an diesem trüben Wintertag über den Vorplatz der über 100 Jahre alten Gebäude, in denen heute körperlich und geistig behinderte Menschen betreut werden. Das massive schwarze Tor, das in seiner Erinnerung immer verschlossen war, gibt es nicht mehr. Von der hohen Mauer mit den Glasscherben, steht nur noch ein Stück. Alles wirkt heller und offener als in seiner Erinnerung. Pfarrer Dietrich Humrich, Vorstand der Kreuznacher Diakonie und Rainer Jung, Leiter der Pädagogischen Abteilung, begrüßen das ehemalige Heimkind, das sie eingeladen haben. „Wir wollen offen mit unserer Vergangenheit umgehen und in dem für uns möglichen Maß Verantwortung übernehmen“, sagt Pressesprecher Scheffler. Das ist in Deutschland immer noch die Ausnahme. Fast alle Betreiber der damals rund 3000 kirchlichen und staatlichen Institutionen, in denen es nach dem Krieg bis weit in die 70er Jahre zu systematischen Misshandlungen kam, verschließen sich einer Aufarbeitung und weigern sich, ihre Archive zu öffnen.

Georg Scheffler übergibt Hans Klostermann zwei blaue Schnellhefter, eine Kopie seiner kompletten Akte. Er findet seine Zeugnisse, ärztliche Gutachten und die vielen Briefe, die seine Mutter ihm schrieb und die die Heimleitung damals zurückgehalten hat. Sie will wissen, ob er „schlimmes Heimweh habe“ und „schon viele Freunde gefunden habe“, „er über Weihnachten vielleicht nach Hause kommen möchte“ und vor allem, warum er nie schreibt. Es sind liebevolle Briefe und Hans Klostermann spürt die Tränen in sich hochsteigen. Bis zu ihrem Tod vor gut einem Jahr hat er seine Mutter für ihre Hartherzigkeit verurteilt und ihr nicht verzeihen können. Nie haben sie über die Zeit im Heim gesprochen. Das Thema war tabu.

Pfarrer Humrich zeigt Hans Klostermann das Lehrlingshaus, wo er eine Ausbildung zum Maler und Lackierer gemacht hat und Haus Bethesda, wo er sich zusammen mit rund 20 weiteren Kindern den Schlafsaal teilte. Heute hängen bunte Zeichnungen an den hellgelben Wänden. „Nachdem die Schwester hier abends das Licht ausgemacht hatte, versteckte sie sich im Dunklen. Wenn dann einer kicherte, gab es gleich einen Schlag ins Gesicht.“ Er erzählt den Mitgliedern der Heimleitung von den Schlägen, dem Sadismus vieler Diakonissen und dem Kellerloch. Immer wieder stockt er. Er spricht über die Ängste und Panikattacken, die ihn bis heute verfolgen. Er hat bisher mit niemandem darüber gesprochen. Deshalb fällt es ihm jetzt schwer, die richtigen Worte zu finden.

Vorstandschef Humrich spricht schließlich das aus, worauf Hans Klostermann so viele Jahre gewartet hat: dass ihnen das Geschehene sehr leidtut. Sie hätten selber lange nichts von der brutalen Erziehungspraxis in ihrer Institution gewusst.

Es ist keine offizielle Entschuldigung, aber zumindest ein Ausdruck des ehrlichen Bedauerns. „Ich glaube, dass ich jetzt ein Stück weit besser mit der Vergangenheit abschließen kann. Auch wenn ich sicherlich nie ganz abschließen werde.“



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