Von CHRISTIAN BOS, 02.03.07, 20:14h
Bobby Ewing steht unter der Dusche, und Pamela hat nur geträumt. Mit jener berüchtigten Folge, holten die Autoren der Fernsehserie „Dallas“ mal eben eine bereits ein Jahr zuvor tödlich verunfallte Figur in die laufende Handlung zurück. Und an eben jenen verwegenen Drehbuchkniff fühlte ich mich erinnert, als ich heute Morgen die neue „Spex“ am Kiosk kaufte und das Editorial aufschlug.
Zwei-Seiten-Editorial
Zur Erinnerung: die Kölner Redaktion des so zickigen wie maßgeblichen Musikblattes hatte sich mit seinem Verleger Alex Lacher überworfen. Lacher wollte die Redaktion nach Berlin verlegen. Hatte nicht einst ausgerechnet Diedrich Diederichsen, ruhmreichster Chefredakeur der „Spex“, vom „Berlinzwang“ gesprochen? Doch die Traditionalisten weigerten sich standhaft, mit ihrem 1980 in Köln gegründeten Leib- und Magenblatt für die von ihm selbst erfundenen Pop-Intellektuellen umzuziehen. Worauf Lacher betriebsbedingte Kündigungen aussprach und eine völlig neue Berliner Redaktion einberief. Diese Zäsur nutzen daraufhin etliche Feuilletonredakteure, Ex-Spexler und alte Feinde zur Generalabrechnung mit dem Blatt, ja mit dem Pop-Journalismus jenseits von Verbraucherempfehlungen überhaupt. Und jetzt ist sie auf dem Markt. Die neue Spex. Das Verräterblatt. Der Neuanfang. Die Überflüssige. Oder mit welchem Vorurteil auch immer man an das 160-Seiten-Blatt herangehen will.
Wie wird sich der neue Chefredakteur Max Dax zur Kontroverse äußern? Wo wird er nachtreten? Auf jeden Fall genehmigt er sich Platz. Ein Zwei-Seiten-Editorial - unterschrieben von der gesamten Redaktion - liest man selten. Und ja, es knüpft an den Generalvorwurf an, dass die Spex und mit ihr der „dissidente“ Pop-Journalismus Schiffbruch erlitten hätten.
Und dann tritt Bobby Ewing aus der Dusche. Oder, nein, es ist Diedrich Diederichsen. Beziehungsweise dessen viel zitierter Essay „The Kids Are Not Alright“, den dieser vor 15 Jahren in der „Spex“ veröffentlicht hatte. 15 Jahre! Für den Pop sind das erdgeschichtliche Zeiträume. Und welche Diskussion hat Diederichsen 1992 angestoßen, auf die Max Dax und Mannschaft nun antworten wollen? Diederichsen hatte damals von brandstiftenden Neo-Nazis erfahren, die Baseballkappen mit dem Konterfei des afroamerikanischen Revolutionärs Malcom X trugen. Und daraus den Gedanken entwickelt, dass die „Spex“-typischen Debatten um die feinen Unterschiede und politischen Gewichtungen verschiedenster Pop-Minderheiten herzlichst wurscht seien, wenn die Jugend „rechts an uns vorbeizieht“. „Ratlosigkeit, Lachen und Ärger“, habe er damals angesichts des Diederichsen-Essays empfunden, schreibt Chefredakteur Max Dax heute. Sollten sich diese erlesenen Gefühle tatsächlich 15 Jahre gehalten haben: Respekt. „Nostalgie der Echheit“ und „verstümmelte Geschichtsschreibung“ ruft Dax Diederichsen über den Graben der Jahrzehnte zu.
Tatsächlich wunschdenkt sich Dax aber einfach die großen Debatten von einst daher, so als hätte es die letzten 15 Jahre „Spex“ und damit die fast unisono festgestellte Repräsentationskrise des Pop(-journalismus) nie gegeben.
Schön gemacht
Das merkt man denn auch dem - übrigens schön gemachten - Heft an. Große Artikel widmen sich Bands, die in den vergangenen Jahrzehnten in der „Spex“ mit der gleichen Regelmäßigkeit auftraten wie Bobby in „Dallas“: The Fall, Blumfeld, Arto Lindsay. Sogar ein Interview mit dem vor zehn Jahren verstorbenen, stets „Spex“-affinen Künstler Martin Kippenberger können wir in der neuen, Berliner Ausgabe lesen. „Was stört mich mein Geschwätz von gestern“, äffte Kippenberger damals. Könnte Diederichsen auch sagen. Und Bobby Ewing erst recht.
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