Von LIOBA LEPPING, 04.03.07, 21:22h, aktualisiert 05.03.07, 10:51h
Sankt Augustin - „Alles hat mehr als zwei Seiten“, so lautete das Motto einer etwas anderen Tagung in der Freien Waldorfschule. Auf Initiative der Kunstlehrerin Bettina Wege-Gerth fanden sich hier am Wochenende ein Dutzend Referenten aus vier Ländern, 80 Teilnehmer und zahlreiche Schüler ein, die eins verbindet: Die Liebe zum Umstülpkörper.
„Das Prinzip des Umstülpens findet sich in ganz vielen Bereichen, von der Embryonalentwicklung bis zur Umwelttechnik“, erklärt Bettina Wege-Gerth das breite Spektrum des Tagungsgegenstands. Ihr Favorit unter den Umstülpkörpern ist die „Wunderblume“. Was auf den ersten Blick aussieht wie der Faltwürfel des Kinderspiels „Himmel und Hölle“, ist ein filigranes Papierobjekt, das sich durch geschicktes Umstülpen kaleidoskopartig in immer neue Formen verwandelt. „Die Wunderblume weist auf die eigene Mitte“, findet Bettina Wege-Gerth.
„Magic cubes“
Rein pädagogisch gesehen fördert das Basteln einer Wunderblume die Feinmotorik und das geometrische Verständnis. „Das ist angewandte Mathematik, nur ohne Zahlen und deshalb besonders reizvoll. Wir haben gute Erfolge erzielt, wenn wir parallel zum Geometrie-Unterricht Wunderblumen basteln“, hat die Lehrerin festgestellt.
Durch seinen Beruf als Mathematiker ist auch Robert Byrnes auf das Phänomen Umstülpung gekommen. Er ist eigens aus England angereist - mit zwei antiken Koffern voller Umstülpkörper. „Ich brauche diese uralten Koffer wegen ihrer stabilen Wände“, erklärt der gebürtige Australier, der seine „magic cubes“ hütet wie seinen Augapfel. „Ich glaube, dass viele Menschen diese Objekte irgendwie für bedeutsam halten, auch wenn sie keinen konkreten Nutzen haben“, beschreibt er die Faszination der Papierwürfel. Gänzlich unbezahlt hat sich das Umstülpen aber nicht gemacht. Er hat eine Visitenkarte erfunden, die erst durch wiederholtes Umfalten ihre ganze Botschaft freigibt. Das Patent für die Karte mit dem Knick konnte er Gewinn bringend veräußern.
Dass mit Umstülpung doch Geld zu verdienen ist, weiß auch Tobias Langscheid. Er ist der Geschäftsführer der Oloid AG, die ihren Sitz in Basel hat. Ein Oloid sieht aus wie ein futuristischer Knethaken. Durch seine konstante Bewegung reinigt er Gewässer oder reichert Gülle an. Ein Gerät dieser Art ist in einem See im Bad Godesberger Ortsteil Heiderhof im Einsatz und trägt dort entscheidend zur Regeneration des Gewässers bei, das einst ökologisch tot war. „Dabei ist das Gerät besonders Energie sparend und leistet so seinen Beitrag zum Umweltschutz“, sagt Langscheid.
Ein alternatives Fortbewegungsmittel, das ebenfalls die Umwelt schont und die Umstülpung als Antrieb nutzt, hat Ernst Lehr gebaut. Sein Roloid hat etwas von einem verbogenen Rhönrad. Der Umstülp-Fan ist extra aus Stuttgart gekommen, um Freiwillige zu einer Fahrt im Roloid zu überreden. Dabei muss der Proband das Gerät durch Eigenbewegungen in Schwung bringen und halten. Es funktioniert gewissermaßen nach dem Prinzip „Wer sich richtig reinhängt, kommt weiter“ - und sieht zur Belohnung die Welt mit ganz anderen Augen.
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