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„Ich rieche noch immer das Blut“

Von HARALD BISKUP, 07.03.07, 21:55h

Ein Besuch bei zwei Afghanistan-Veteranen vor der Entscheidung über den Tornado-Einsatz. Die Bundeswehrsoldaten haben 2003 einen Anschlag in Kabul überlebt, aber bis heute nicht verarbeitet.

BILD: RTR
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Tatort Kabul Juni 2003: Ein Kran hat den zerstörten Bus an den Haken genommen.
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Tatort Kabul Juni 2003: Ein Kran hat den zerstörten Bus an den Haken genommen.
Frank Dornseif
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Frank Dornseif
Peter Hämmerle
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Peter Hämmerle
Frank Dornseif
Peter Hämmerle
Die Bundeswehrsoldaten haben 2003 einen Anschlag in Kabul überlebt, aber bis heute nicht verarbeitet.

Frankenberg / Tübingen - Ein Partyraum, in dem seit Jahren keine Party mehr gestiegen ist. Frank Dornseif ist nicht zum Feiern zumute, schon lange nicht mehr. Früher ging hier die Post ab. Die Kameraden aus der nahen Burgwald-Kaserne kamen gern und oft, auch die Freunde aus dem Fußballverein und vom Volleyballklub. Auf einem Schrank stehen, nach Größe sortiert, Silberpokale. Die Theke in Eiche massiv wirkt wie eine Mauer, hinter der Dornseif sich verschanzen kann. Die Kellerbar ist sein Refugium. Unvermittelt springt er auf und zieht die Vorhänge zu. Im Wetterbericht war von vorübergehenden Aufheiterungen die Rede.

Ein paar Sonnenstrahlen reichen schon, um den Gefühlshaushalt von Frank Dornseif aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dann tauchen vor seinem geistigen Auge die schlimmen Bilder von jenem Geschehen auf, das sein Leben innerhalb von Sekunden total verändert hat. „Der Tag, der mein ganzes Leben versaut hat.“ Es sind die furchtbaren Erinnerungen an jenen 7. Juni 2003, als in Kabul ein Selbstmordattentäter im Taxi in einen Bundeswehr-Konvoi hineinfuhr. Die Explosion war so gewaltig, dass bei dem bislang folgenschwersten Anschlag auf das deutsche Kontingent in Afghanistan vier Soldaten getötet wurden. Auch Dornseif hat in dem Bus gesessen, der ihn und 28 Kameraden zum Flughafen bringen sollte. Seine Frau und die 15-jährige Tochter freuten sich daheim im hessischen Frankenberg aufs Wiedersehen.

In diesem Sommer wird Frank Dornseif 38, aber mit seinen schon leicht grauen Stoppelhaaren wird er manchmal auch zehn Jahre älter geschätzt. Immer wenn in den Nachrichten das Stichwort Afghanistan fällt, „rieche ich noch immer das Blut“. Dann laufen sie wieder ab, die zusammenhanglosen Bilder von verkohlten Leichen und abgerissenen Gliedmaßen. „Ein typischer Trigger“, weiß Dornseif von seinem Psychotherapeuten. Als Trigger werden quälende, nicht kontrollierbare Erinnerungsschmerzen bezeichnet.

Es gibt keinen Tag, an dem den stämmigen Mann nicht die Vergangenheit einholt. Besonders jetzt wieder, da in Berlin morgen über den Tornado-Einsatz entschieden wird. Wie sieht er, der seit der „Feststellung der Verwendungsunfähigkeit“ Afghanistan-Veteran ist, die Auslandseinsätze? Dornseif lächelt gequält: „Veteran mit 37.“ Mit einer

Antwort zögert er, der „unter normalen Umständen“ jetzt vielleicht wieder „da unten“ wäre. „Man muss wissen, dass man zur Zielscheibe werden kann.“

Seit seiner Entlassung bezieht er ein „erhöhtes Unfall-Ruhegehalt“.

Beinahe buchhalterisch listet Dornseif seine Beschwerden auf: starke Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Alpträume, Tinnitus. Granatsplitter waren überall dort eingedrungen, wo sein Körper nicht durch die kugelsichere Weste geschützt war. „Mein Gesicht sah aus, als hätte sich eine Kobra gehäutet.“ Ein Augenlid war abgerissen. Seit seiner Heimkehr vom Hindukusch ist Frank Dornseif in drei Militärhospitälern behandelt worden, hat ein halbes Dutzend Trauma-Therapien und Tinnitus-Kuren mitgemacht, aber die Panik-Attacken und Schweißausbrüche peinigen ihn weiter. „Ich habe überlebt“, sagt Dornseif, „aber alles andere in mir ist gestorben.“

Nach der Rückkehr hat seine Frau geklagt, sie habe nicht ihren Mann

zurückbekommen, sondern „einen Fremden, einen Eisklotz“. Wenn sie ihn berühren wollte, schob er ihre Hand beiseite. Nähe kann er bis heute schwer ertragen, ebenso wenig, allein zu sein. Am meisten habe seine Familie unter seinen extremen Stimmungsschwankungen zu leiden. Eine typische Begleiterscheinung. Wie viele Afghanistan-Rückkehrer mit Schockerlebnissen leidet er an „Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS)“. Tückischerweise stellen sich die Symptome oft viel später ein, manchmal erst nach Monaten oder Jahren. Bis Ende 2005 sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums 640 Soldaten an PTBS erkrankt, die meisten durch unzureichend verarbeitete Erlebnisse in Afghanistan.

Und viele aus der Friedenstruppe leiden an den traumatischen Folgen, obwohl sie wie Peter Hämmerle körperlich unversehrt heimgekehrt sind. „Es sind die Verletzungen der Seele, die quälen“, sagt der 45-jährige Ex-Reservist, der schon als Blauhelm in Somalia dabei war, später in Bosnien, und 2003 in Afghanistan. Auch für ihn ist jener 7. Juni „mein Schicksalstag“ gewesen. Der erfahrene Hauptfeldwebel war als „Konvoiführer“ eingesetzt. Er saß in einem gepanzerten „Wolf“, der dem Bus vorausfuhr. Oft denkt er, gerade jetzt, wo ihm eine Räumungsklage droht, weil er mit seinen 803 Euro Rente seine Tübinger Dachwohnung nicht mehr bezahlen kann,

„dass es mich vielleicht besser auch erwischt hätte“. Nach dem Anschlag ist Hämmerle noch mehrere Wochen in Kabul geblieben, „weil ich mir nicht eingestehen wollte, dass ich einen psychischen Knacks abbekommen habe“. Aber als Kameraden beobachteten, dass er bei Patrouillenfahrten immer häufiger die Hand an seiner Waffe hatte, ließ er sich in die Heimat zurückschicken.

Was dann geschah, ähnelt sehr der Geschichte von Frank Dornseif: Klinikaufenthalte, Therapien, Begutachtungen, schließlich die erzwungene Beendigung des Reservisten-Verhältnisses. In seinem Bücherregal stehen Ratgeber mit Titeln wie „Power für den ganzen Tag“ und „Business Basics“. Der Wirtschaftsinformatiker hatte große Pläne nach

der Rückkehr. Doch es sieht nicht danach aus, als würde er jemals wieder arbeiten können. „Ich habe riesige Konzentrationsschwierigkeiten und kann kein Buch mehr richtig lesen.“

Wie viele PTBS-Patienten plagt ihn eine ständige innere Unruhe, Bundeswehr-Zahnärzte haben einen extremen Abrieb an den Zähnen festgestellt, das „Zähneknirschen“. Ein typisches Kriegsleiden. Der Mann, der früher nur so gestrotzt hat vor Elan, spürt keinerlei Antrieb mehr und igelt sich manchmal tagelang ein.

In seinem Bücherschrank liegt in der Originalschatulle das „Ehrenkreuz in Gold“. Jeder Satz, den er aus der zugehörigen Urkunde vorliest, klingt wie blanker Zynismus. Der Hauptfeldwebel Hämmerle, heißt es da, habe nach dem Sprengstoff-Attentat „sofort und geistesgegenwärtig die Rettungsmaßnahmen eingeleitet“. Er sei „physisch und psychisch belastbar“. Der Text schließt mit der Feststellung, Hämmerle zähle „zur Spitzengruppe“ möglicher Reserveoffiziere. Manchmal wollte er aus lauter Wut das Papier schon in tausend Fetzen zerreißen und die Medaille in irgendeinen Gully werfen, denn Hämmerle fühlt sich „miese behandelt und verschaukelt“. Noch immer wartet er auf das Gutachten, das entscheidend ist für die Festlegung seiner Invaliditätsrente.

Auch in einer Ecke von Frank Dornseifs Kellerbar hängen gerahmte Urkunden. Für „vorbildliche Pflichterfüllung“ erhielt er eine „förmliche Anerkennung“ - und fünf Tage Sonderurlaub. „So tickt die Bundeswehr“, sagt er, und es schwingt Bitterkeit mit. Der Unteroffizier Dornseif hat an seine Mission geglaubt, auch als Versorgungs-Feldwebel seiner Kompanie in Kabul. „Ohne Mampf kein Kampf“, sagt er trocken. 14 Jahre in

Uniform wirken nach. Über die medizinische Versorgung könne er sich nicht beklagen - ihn schmerzt, dass ihn außerhalb der Familie niemand „menschlich aufgefangen“ habe. „Der Attentäter hat mich in den Abgrund gerissen, aber den letzten Tritt habe ich hier

bekommen.“

Seit kurzem ist Dornseif Ortsvorsitzender des Sozialverbandes VdK. „Um irgendwas Sinnvolles zu machen.“ Aber wenn er allein in seiner Kellerbar hockt, schießen ihm oft selbstquälerische Gedanken durch den Kopf: „Wäre ich zwei Minuten früher in den Bus eingestiegen und hätte rechts gesessen, wäre ich weg gewesen“, erzählt er. Von der halben Treppe ertönt die Stimme seiner Tochter: „Papa, Abendessen!“.



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