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Das Monument von Mechernich

Von CHRISTIAN HÜMMELER, 12.03.07, 23:20h

Peter Zumthor, Architekt von Weltruhm, baut für eine Landwirtsfamilie in der Eifel eine Feldkapelle. Die Liebe zu einem Schweizer Mystiker aus dem 15. Jahrhundert beförderte das ungewöhnliche wie ehrgeizige Projekt.

Bilder, Repro: Worring
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Ein Turm auf dem Feld: die Bruder-Klaus-Kapelle in Wachendorf (oben), der Rohbau mit der zeltartigen Innenschalung (unten links), Bauherr Hermann-Josef Scheidtweiler (Mitte), das Innere der Kapelle mit dem Oberlicht (rechts)
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Ein Turm auf dem Feld: die Bruder-Klaus-Kapelle in Wachendorf (oben), der Rohbau mit der zeltartigen Innenschalung (unten links), Bauherr Hermann-Josef Scheidtweiler (Mitte), das Innere der Kapelle mit dem Oberlicht (rechts)
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Auf dem Rohbau: Architekt Peter Zumthor im September 2006.
Bild: Worring

Mechernich - Vor allen Dingen soll es, darauf besteht der Bauherr, das sein, was es ist: eine kleine Kapelle auf einem Feld. Ein Ort des Gebets, ein Ort des Dankes und der Meditation. Am liebsten wäre es ihm, wenn gar nichts in der Zeitung zu lesen wäre darüber, wenn sich außer den Dorfbewohnern nur ein paar zufällige Spaziergänger wundern würden über den seltsam trotzigen Bau auf den noch winterlich kargen Feldern am nördlichen Rand der Eifel.

Am liebsten wäre es ihm, wenn nicht plötzlich Busse kämen mit Architekturstudenten aus Brüssel, um ein Haus zu bestaunen, das noch nicht einmal ganz fertig ist. Wenn nicht das Telefon immer öfter die Anfragen hartnäckiger Reporter ins Haus von Hermann-Josef Scheidtweiler, Landwirt auf dem Heidehof in Mechernich-Wachendorf, tragen würde.

Von wo es keine zehn Minuten sind bis zur Ursache all dieser Erregung, eben durchs Dorf und dann den Hang hinauf, dann steht man schon davor. Und ja, das Bauwerk sieht in der Tat nicht gerade so aus, wie man das gemeinhin von einer Feldkapelle in der Eifel erwarten würde. Sondern: „Wie das Castel del Monte in Apulien. Wie eine maurische Burg in Spanien. Wie ein Hochbunker“, zählt Scheidtweiler Reaktionen auf das Gebäude auf. Es ist ein zwölf Meter hoher, fensterloser Turm, der derlei Assoziationen hervorruft. Aus rohem Beton, auf fünfeckigem Grundriss. Schmucklos bis auf eine Sitzbank, ebenfalls aus Beton, zum Sonnenuntergang ausgerichtet. Ein Monolith, der fremd wirkt und doch passt. Weil sich hier ein Ort, ein Bauherr und ein Architekt gefunden haben.

Doch auf die Liste der Verantwortlichen gehört auch ein Mystiker aus dem 15. Jahrhundert: der Schweizer Einsiedler Nikolaus von der Flüe, 1947 von Papst Pius XII. heilig gesprochen - und von Hermann-Josef Scheidtweiler seit vielen Jahren verehrt. Eine Verehrung, die die Mutter des Architekten Peter Zumthor teilte. Was Scheidtweiler allerdings nicht weiß, als er dem ihm bis dahin unbekannten Schweizer Baumeister im September 1998 kurzerhand einen Brief schreibt, nachdem er in der Zeitung von ihm gelesen hat: Er sei ein Eifelbauer, der eine kleine Kapelle, gewidmet eben jenem Bruder Klaus, auf dem Feld oberhalb seines Heimatdorfes bauen wolle - ob Zumthor sich denn vorstellen könne, dafür „mal ein Plänchen zu zeichnen“?

Der renommierte Architekt, mit Bauten wie der Felsentherme in Vals, dem Kunsthaus in Bregenz oder dem Schweizer Pavillon für die Expo in Hannover zu internationaler Bekanntheit gelangt und vom Erzbistum Köln just mit der Errichtung des neuen Diözesanmuseums „Kolumba“ beauftragt, reagiert zunächst abschreckend: Sein Honorar sei hoch, zudem sei er konsequent der modernen Architektur verpflichtet, auch müsse er stets bis zum letzten Nagel alles mitbestimmen. Allerdings, so Zumthor, habe ihn das Ansinnen daran erinnert, dass Bruder Klaus „ein Lieblingsheiliger meiner Mutter war“. Daher könne man ihn ja mal, wenn er sowieso in Köln sei, abholen, „wenn Sie das alles nicht geschockt hat“.

Hat es nicht. „Wir wussten allerdings auch noch nicht, was da auf uns zukommt“, sagt Scheidtweiler: „Wir haben uns erst dann richtig mit Zumthor beschäftigt.“ Der als sperriger Perfektionist gilt bis hin zur Sturheit, dem Langsamkeit beim Bauen Programm ist, der sich bis ins kleinste Detail selbst kümmert. Dem aber stets die Beziehung zum Bauherrn äußerst wichtig ist. Und die stimmt in Wachendorf, weshalb Zumthor nach einem ersten Besuch bei Hermann-Josef Scheidtweiler und seiner Frau Trudel tatsächlich einwilligt, die Kapelle zu bauen. „Es war ein schöner Nachmittag bei Ihnen - und wir werden versuchen, Ihnen etwas Schönes zu entwerfen“, schreibt er wenig später.

Acht Jahre und 23 Tagwerke später: Im September 2006 entsteht die letzte von 23 Betonschichten und schließt den nach langen Jahren der Planung, nach vielen Entwürfen und Modellen im Juni 2005 begonnenen Rohbau ab. Mit dabei, zwölf Meter über dem Feld, mit Paradeblick über die spätsommerlich glänzende Eifel: Peter Zumthor, die Söhne des Bauherren, Handwerker und Freunde. Viele Hände, ohne die nichts geht. Denn zwar ist die Kapelle aus Beton, doch der wird nicht flüssig von irgendwoher angefahren, sondern aus Sand und Kies aus der Region gemischt, direkt auf der Baustelle angerührt - und dann gestampft mit schweren Balken, in einzelnen Lagen, 50 Zentimeter Stampfbeton an einem Tag, ein Tagwerk eben. Eine längst vergessene, aber früher traditionelle Bauweise in der Eifel. „Und eine, die es zulässt, dass die Familie ihre Kapelle selbst bauen kann“, sagt Zumthor. Doch auch er legt Hand an und modelliert eigenhändig mit der Kelle den Betonabschluss.

So viel persönliche Initiative ist nicht grundsätzlich üblich bei Architekten dieser Klasse. Und bezahlbar wäre sie schon gar nicht. Doch Zumthor hat sich begeistert für das Projekt. Und lässt sich, das ist die Abmachung, gar nicht bezahlen, jedenfalls nicht im Sinne eines handelsüblichen Honorars. Lediglich für die Unkosten des Architekturbüros muss der Bauherr aufkommen - ein Geschenk, das zwar angesichts des Diözesanmuseums, das Zumthor gleichzeitig in Köln baut, etwas leichter gefallen sein mag.

Ein Geschenk aber, ohne das diese Bruder-Klaus-Kapelle wohl kaum zustande gekommen wäre. Und dessen Wert man vor allem dann begreift, betritt man heute das Innere des inzwischen vom Gerüst befreiten Baus durch die dreieckige Türöffnung unter dem unscheinbaren Kreuz. Was im Rohbau noch ein Zelt war aus langen Fichtenstämmen, ist nun eine atmosphärisch äußerst dichte, in sich gewundene und filigran gerundete Höhle, die kaum einen Besucher unbeeindruckt lässt - „viele Leute sagen, man fühlt sich hier wie im Mutterschoß“, so Scheidtweiler.

Irgendwo ganz weit oben sorgt ein Oberlicht für ein wenig Helligkeit und lässt die Rußschicht auf den Wänden, hervorgerufen durch ein 14 Tage lang bei verschlossener Tür schwelendes Köhlerfeuer, dunkel glänzen. Auch der Regen nutzt das Oberlicht, rinnt an den Wänden herab und sammelt sich auf dem Boden wie zufällig zu einem kleinen See. Dessen Form indes, man ahnt es, exakt berechnet und modelliert ist - genau wie in der schlichten Sitzbank aus Holz, der kleinen Statue des Heiligen und dem Meditationsrad an der Wand, die einmal den Raum schmücken werden, weitaus mehr Arbeit steckt, als man es ihnen ansieht.

All das ist dem Perfektionisten aus den Alpen nicht Selbstzweck, sondern dem großen Ziel dienend: „Gute Architektur sollte den Menschen aufnehmen, ihn erleben und wohnen lassen, ihn nicht beschwatzen.“ Gute Architektur aber lockt die Menschen an, das weiß auch Bauherr Scheidtweiler. Und hat sich insgeheim wohl damit abgefunden - wissend, dass Zumthors Werk, das am 19. Mai eingesegnet werden soll, beides kann: Als Bauwerk begeistern und dem Glauben dienen. Auch wenn es eigentlich nur eine kleine Feldkapelle in der Eifel ist.



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