Von TILMANN P. GANGLOFF, 14.03.07, 20:29h, aktualisiert 14.03.07, 21:57h
In der „Türkischen Hochzeit“ tut ein Junge aus Kreuzberg alles, um den Vater seiner Freundin Aylin von seinen ehrenwerten Absichten zu überzeugen - vergebens. Und die ARD-Serie zeigt das turbulente Leben einer deutsch-türkischen Patchworkfamilie. Das Drama „Wut“ hingegen nimmt den Kampf der Kulturen wörtlich: Ein junger Türke erpresst einen Sohn aus gutem Haus. Der Konflikt eskaliert und endet mit seinem Tod.
Tempo und Niveau
Wohlverdient sind diese Preise allemal. „Wut“ (Buch: Max Eipp, Regie: Züli Aladag) wegen des Mutes, die Geschichte nicht mit einem verlogenen Happy End zu versehen; die „Türkische Hochzeit“ (Buch: Daniel Speck, Regie: Stefan Holtz), weil sich der Film auf ein Spiel mit den Klischees einlässt und in Florian David Fitz und vor allem der hinreißenden Mandala Tayde ausgezeichnete Hauptdarsteller hat. „Türkisch für Anfänger“ schließlich ist von seltener Qualität, weil die Serie Humor und Tempo auf hohem Niveau durchhält. Neben der Regie (Edzard Onneken, Oliver Schmitz) gebührt das größte Lob dabei dem deutsch-türkischen Autor Bora Dagtekin: Es ist ihm gelungen, die Gefahren des potenziell überaus ballastreichen und entsprechend schweren Themas leichtfüßig zu umgehen und dabei die Botschaft trotzdem nicht bis zur Unkenntlichkeit zu verbergen. Um- so mehr ist es zu begrüßen, dass die ARD die Serie trotz eher magerer Quoten ab 27. März fortsetzt.
Grimme-Chef Uwe Kammann zieht diese Bilanz: „Es war ein sehr solides Fernsehjahr mit teilweise herausragender Qualität in der Spitze.“ Dazu zählte mit vier Auszeichnungen auch der WDR als stärkste ARD-Anstalt. Besonders gefesselt und berührt hat Kammann, so sagt er, das Psychodrama „Unter dem Eis“ aus der SWR-Reihe „Debüt im Dritten“. Die Auszeichnung für den ersten Spielfilm der bereits als Dokumentarfilmerin geehrten Aelrun Goette („Die Kinder sind tot“) ist sicher eine der Überraschungen beim Wettbewerb um den 43. Adolf- Grimme-Preis. Ein weiterer Preis im Wettbewerb „Fiktion“ geht an den mehrfachen Grimme-Preisträger Dominik Graf für einen Film aus der Reihe „Polizeiruf 110“ („Er sollte tot“, Buch: Rolf Basedow), ein ungemein intensives Zweipersonen-stück.
Zweifacher Gewinner, wenn man so will, ist Sönke Wortmann. Nach dem Triumphzug seines fußballerischen „Sommermärchens“ in den Kinos erhält die ursprünglich fürs Fernsehen entstandene Dokumentation der Fußball-WM nun auch einen Grimme-Preis. Noch mehr freuen aber wird er sich womöglich über eine weitere Auszeichnung, auch wenn sie nicht ihm persönlich gilt: Mit seiner Firma Little Shark Entertainment war er für die Produktion von Isabel Kleefelds stillem Eifelkrimi „Arnies Welt“ zuständig.
Erfolge der Privaten
Während die kommerziellen Sender dank der Pro-Sieben-Komödie in der Königsklasse Fernsehfilm gut vertreten sind, wird die Riege der gewürdigten Fernsehsendungen ansonsten wie üblich von ARD und ZDF dominiert. Mit einer Ausnahme allerdings, und auch die dürfte für Verwunderung sorgen: Pro Sieben kann eine weitere Auszeichnung ausgerechnet für die Spielshow „Extreme Activity“ einheimsen. In früheren Jahren wäre die Sendung höchstwahrscheinlich kaum berücksichtigt worden, doch in der neu geschaffenen Kategorie „Unterhaltung“ ist das von Jürgen von der Lippe moderierte heitere Begriffe-Raten ein würdiger Preisträger.
Die „Besondere Ehrung“ des Grimme-Preisstifters, dem Deutschen Volkshochschulverband, erhält Hape Kerkeling für „Verdienste um die Entwicklung des Fernsehens“. Seine Kunst, heißt es in der Begründung, bestehe darin, „das schwierige große U der Fernseh-unterhaltung auf höchst intelligente Weise immer wieder neu zu buchstabieren und zu interpretieren, hintergründig und (selbst-)reflektierend, doch nicht zuletzt auch aggressiv und subversiv mit den Mitteln der Verfremdung und der Verballhornung“.
Unser Autor war Mitglied der Jury „Unterhaltung“.
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