Von MICHAEL AUST, 20.03.07, 10:04h, aktualisiert 20.03.07, 17:10h
Eine Art Abizeitung
Spickmich ist eine Art deutschlandweite Abizeitung im Netz. Der Unterschied: Während Schüler im Abimagazin nur einmal im Jahr „Die besten Zitate von Herrn Müller“ oder „Die schlechtesten Witze von Frau Graf“ veröffentlichen, bietet Spickmich der geplagten Schülerseele das ganze Jahr die Möglichkeit, sich Luft zu machen. Gestaltet haben die Seite die Kölner BWL-Studenten Philipp Weidenhiller (22), Tino Keller (26) und Manuel Weisbrod (25). „Wir sind auf die Idee gekommen, weil wir in der Uni immer am Ende des Semesters unsere Profs benoten müssen“, sagt Weisbrod. „Tino Keller hat davon letztes Jahr seiner kleinen Schwester erzählt, und die hat gefragt: Warum gibt's das nicht für Schüler?“ Die Idee war geboren, und auf einer Uniparty im vergangenen Sommer überlegten sich die drei Kölner, diese Marktlücke zu schließen.
„Wir mussten uns natürlich absichern, dass das keine Pöbelseite wird“, sagt Weisbrod. Eine Sicherung sei etwa, dass nur reinkommt, wer sich anmeldet. „Zum anderen kann innerhalb der Seite nicht jeder alles sehen.“ Ist man eingeloggt, kriegt man nur das Kollegium seiner eigenen Schule zu sehen. Die Lehrer sind durch Comicbildchen dargestellt. Wenn die Benotung schlecht ist, bekommen die Bilder einen roten Rahmen. Ist sie gut, bekommt der Held eine bessere Frisur.
Lehrer stehen der neuen Website größtenteils skeptisch gegenüber. „Ich kann verstehen, dass Schüler Spaß daran haben, auch mal selbst Noten zu vergeben“, sagt Walter Reufels, der Schulleiter des Stadtgymnasiums Köln-Porz. „Aber ich halte das für strafrechtlich bedenklich, weil das Internet frei zugänglich ist und durch Äußerungen der Schutz der Person verletzt werden kann.“ Das Porzer Gymnasium steht in den Spickmich-„Top 10“ auf Platz drei. Reufels selbst bekommt im Durchschnitt eine 3,0 - in puncto „Gelassenheit“ sogar eine 1,8.
Klage angekündigt
Kollegen von Reufels reagieren weit weniger ausgeglichen auf die Lehrerbenotungsseite. „Ein Schulleiter aus Köln hat uns gerade eine schriftliche Klage angekündigt“, sagt Manuel Weisbrod. Das Problem für den klagenden Schulleiter ist nicht die schlechte Benotung seiner Lehrer, sondern eine andere Funktion: Außer Noten und Zitaten können Schüler bei Spickmich auch Kommentare über ihre Pädagogen abgeben - und die haben es teilweise in sich. „Solche Lehrer sollte man verbieten“, schreibt etwa die 14-jährige Diana (Name geändert) über ihre Lehrerin. Der 16-jährige Mario meint über dieselbe Person: „Sprecht sie niemals an. Sie ist eine Ziege und das schlimmste ist: Sie ist meine Politiklehrerin.“ Ein Kölner Lehrer, der anonym bleiben will, meint: „Kritisch wird es in dem Fall, wenn Schüler mit eigenen Bemerkungen über Lehrer urteilen. Das kann so weit gehen, dass über sexuelle Vorlieben spekuliert wird. Das geht so nicht, da müsste das Forum stärker moderiert werden.“
Die Spickmich-Macher reagieren gelassen auf solche Vorwürfe. „95 Prozent der Kommentare über Lehrer sind positiv“, sagt Manuel Weisbrod. „Aber es gibt eindeutig Sachen, die dürfen nicht auf die Seite.“ Sexistische oder rassistische Kommentare etwa würden von einem Filter automatisch gelöscht. Außerdem gehen die drei Studenten täglich das Forum durch, um beleidigende Einträge möglichst schnell zu löschen.
Sechs Wochen nach dem Start von Spickmich haben sich deutschlandweit 3000 Nutzer angemeldet, man findet Noten zu 5200 Lehrern und 2300 Lehrerzitate. Und trotz aller Kritik finden sogar manche Pädagogen Spaß an der Kollegenschelte. „Ich finde Eure Website gut gemacht“, schrieb ein Lehrer per E-Mail an die Spickmich-Crew. „Meine Bitte: Richtet Lehrer-Accounts ein. Ich hab' mich teilweise krank gelacht.“
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