Erstellt 13.03.07, 09:03h, aktualisiert 13.03.07, 15:40h
Berlin - Tequila-Wettrinken, Wodka-Rausch und Partys, bei denen der Alkohol ohne Unterlass fließt: Immer mehr Jugendliche in Deutschland betrinken sich exzessiv - und landen mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus. Allein in Berlin gab es innerhalb weniger Tage zwei tragische Fälle: Ein 16-Jähriger liegt nach angeblich rund 50 Gläsern Tequila im Koma, ein 14-jähriges Mädchen sprang stark betrunken aus ihrem Zimmer im 4. Stock und kam lebensgefährlich verletzt in eine Klinik. Zahlreiche Politiker fordern daher ein generelles Alkoholverbot für Jugendliche unter 18 Jahren.
"Der Alkoholkonsum bei Jugendlichen ist zwar in den vergangenen 30 Jahren insgesamt gesunken", sagte die Sprecherin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA), Marita Völker-Albert, am Dienstag. Dennoch nehmen gleichzeitig immer mehr Minderjährige am so genannten "Koma- Saufen" teil: Trinken, bis zum Umfallen. In Berlin beispielsweise verdoppelte sich nach Angaben der Fachstelle für Suchtprävention in den vergangenen Jahren die Anzahl der Jugendlichen, die mit einer Alkoholintoxikation in eine Rettungsstelle kamen.
Dennoch ist das "Kampftrinken" nicht nur in der Hauptstadt ein Problem. Bundesweit haben laut BZGA 34 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen bereits einen Alkoholrausch erlebt. Die Shell-Jugendstudie 2006 fand heraus, dass sogar schon 7 Prozent der 12- bis 14- Jährigen jede Woche Alkohol trinken. Tendenz steigend: Bei den 15- bis 17-Jährigen trinken bereits 31 Prozent regelmäßig.
Neu scheint außerdem zu sein, dass sich die Jugendlichen nicht mehr nur heimlich im Partykeller oder im dunklen Park betrinken, sondern ihren Alkoholkonsum offen zeigen. So kann man gerade an den Wochenenden vielerorts beobachten, wie sich Jugendliche auf den Straßen Wodka- oder Schnapsflaschen teilen. Außerdem liegen derzeit "Flatrate-Partys" im Trend: Clubs und Bars bieten gegen eine Pauschale "All you can drink"-Feiern an, bei denen die Besucher so viel trinken dürfen, wie sie können.
"Eine Ursache dieses Kampftrinkens ist eine gesellschaftliche laissez-faire-Haltung, in der Erwachsene keine Verantwortung übernehmen", sagte die Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin, Kerstin Jüngling. "Es gibt niemanden, der rechtzeitig "Stopp" sagt und sich um die Jugendlichen kümmert." Außerdem haben die Mädchen und Jungen meist noch keine Erfahrungen mit den Anzeichen einer Alkoholvergiftung, weswegen sie zu spät aufhören, wie der Oberarzt in der Alkoholsprechstunde der Charité, Jakob Hein, der "Berliner Zeitung" sagte. "Alkohol ist neben Zigaretten der in Deutschland am leichtesten verfügbare Suchtstoff."
Erwachsene stehen diesem Problem meist ratlos gegenüber. Verbote scheinen den Reiz nur zu erhöhen. Auch ein Blick in die Nachbarländer hilft kaum weiter. Gerade in Großbritannien gehören stark betrunkene Jugendliche am Freitag- und Samstagabend zum Stadtbild. Berlins Jugendsenator Jürgen Zöllner (SPD) will Medienberichten zufolge daher an diesem Freitag bei einem Treffen mit allen Jugendstadträten der Bezirke "darüber nachdenken", wie junge Leute vom exzessiven Alkoholkonsum abgehalten werden können.
Andere Politiker setzen auf eine Verschärfung des Alkoholverbots. Die Drogen-Beauftragte der Unionsfraktion, Maria Eichhorn, begrüßte entsprechende Pläne der EU. "Grundsätzlich sollte jede Möglichkeit genutzt werden, die hilft, Jugendliche vor einer Alkoholabhängigkeit zu bewahren", sagte sie der "Berliner Zeitung". Außerdem sei wichtig, dass das geltende Jugendschutzgesetz eingehalten werde, das ein Verkaufsverbot von hochprozentigen Alkohol an Minderjährige vorsieht.
Berlins Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei) hält hingegen wenig von einem generellen Alkoholverkaufsverbot an unter 18-Jährige. Damit werde das Problem unkontrollierten Alkoholkonsums von Jugendlichen nicht gelöst, sagte sie in einem dpa-Gespräch. "Die Diskussion allein über Verbote zu führen, greift entschieden zu kurz", sagte Lompscher. "Das wirkt wie eine politische Beruhigungspille. Dann denken alle, jetzt haben wir etwas getan, und das Problem wird schlicht verdrängt."
Gegen ein generelles Alkoholverbot für Jugendliche wandte sich der drogenpolitische Sprecher der FDP, Detlev Pfarr. "Ich habe den Eindruck, Politiker beruhigen ihr Gewissen mit spontanen Aktionen", sagte Pfaff. "Über Repression ist wenig zu erreichen." Die jungen Leute müssten lernen, verantwortungsbewusst mit Alkohol umzugehen. Daher sei mehr Aufklärung an den Schulen nötig. Zugleich appellierte Pfarr an Wirte, auf so genannte Flatrate-Partys zu verzichten, bei denen die Teilnehmer für einen Pauschalbetrag so viel trinken können, wie sie wollen.
Evangelische Landesjugendvertretung gegen Verbot
Die evangelische Landesjugendvertretung (LJV) für Westfalen sprach sich gegen eine weitere Verschärfung des Alkoholverbots für Jugendliche aus. "Politiker haben kein Recht, uns unser Leben vorzuschreiben", sagte die LJV-Vorsitzende Caroline Peters am Dienstag in Münster.
Die Jugendvertretung setze sich stattdessen für ein Selbstbestimmungsrecht von Kindern und Jugendlichen ein. Dies verlange, dass jede Bevormundung eine überzeugende Begründung habe. "Wer von einem Alkoholverbot spricht, soll zunächst mal klar sagen, welche Kompetenzen er Jugendlichen abspricht", erklärte Peters.
Der wissenschaftliche Beirat der Landesjugendvertretung macht an der Forderung nach einem Alkoholverbot für Jugendliche grundsätzliche Demokratie-Defizite fest. "Es ist nur folgerichtig, dass sich Jugendliche von der Politik abwenden, Wahlen verweigern und Politikberichterstattung ignorieren, wenn immer nur über sie und nie mit ihnen geredet wird", betonte Sprecher Timo Rieg.
Der Beirat will in den nächsten Tagen eine offene Argumentationsliste vorlegen und damit zur Diskussion innerhalb der Evangelischen Jugend anregen. Die LJV ist der Zusammenschluss ehrenamtlicher Jugendmitarbeiter aus den Kirchengemeinden der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Thailands Regierung will Altersgrenze für Alkohol anheben
Während in Deutschland über ein Alkoholverbot für Jugendliche diskutiert wird, schreitet in Thailand die Regierung zur Tat. Das Kabinett in Bangkok beschloss am Dienstag, die Altersgrenze, ab der junge Leute legal Alkohol konsumieren dürfen, von bislang 18 auf 20 Jahre anzuheben. Außerdem soll ein Werbeverbot für alle alkoholischen Produkte verhängt werden. Es soll für alle Arten von Medien gelten. Auch soll der Verkauf von Alkohol in der Umgebung von Schulen, Tempeln und Ämtern künftig untersagt sein.
Vorgesehen ist ferner, Alkoholflaschen mit Warnhinweisen zu versehen. Verstöße gegen die neuen Regelungen sollen mit Geldstrafen von bis zu 100.000 Baht (rund 2160 Euro) geahndet werden können. Den entsprechenden Gesetzentwurf will die nach dem Putsch im September vom Militär eingesetzte Interimsregierung nun in das Parlament einbringen. Das Parlament besteht ebenfalls aus vom Militär ernannten Mitgliedern.
(afp,ddp)
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige

Frankfurter Rundschau
FBI-Akte - Steve Jobs im Visier des FBIBesuch des Bundespräsidenten - Hilfe, der Wulff kommt!

EXPRESS
In Leverkusen, Köln, Duisburg - Razzia in „Bandidos“-Bordell und WohnungenSchock-Geständnis - Diane Kruger: „Ich dachte an Selbstmord“

Spiegel Online
Brisante Enthüllung: FBI veröffentlicht Akte über Steve JobsTerrornetzwerk: Somalische Shabab-Miliz schließt sich al-Qaida an