Von RALF JOHNEN, 22.03.07, 21:10h
Elke Purpus schlägt ein Buch auf. Darin eingeklebt ist eine Flexi-Disk von Velvet Underground - nicht abgespielt und in entsprechend erfreulichem Zustand. Inspiziert man eine andere Stelle des Bandes, baut sich eine Packung Tomatensuppe aus Pappe auf. Auch wenn diese nicht von „Campbell's“ stammt, ist spätestens hier klar: Es muss sich um ein Buch handeln, an dessen Entstehung Andy Warhol beteiligt war.
Seit zwei Jahren nun ist Elke Purpus Leiterin der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln (KMB), die mit Katalogbeständen von annähernd 400 000 Büchern und Zeitschriften eine landesweit herausragende Reputation genießt. Die 5000 Bände umfassende Buchkunstsammlung, also von Künstlern wie Warhol gestalteter Bücher, hat sich während dessen zu einem ihrer Interessensschwerpunkte entwickelt. Doch ihr Wunsch nach einem publikumswirksamen Ort, an dem man diese Kuriositäten dauerhaft ausstellen könnte, blieb bislang unerfüllt.
Überhaupt ist das so eine Sache mit dem Platz. Oben, in den Magazinräumen der KMB im Museum Ludwig, finden sich allein Hunderte von Regalmetern, die mit Ausstellungskatalogen bestückt sind. Städteweise - von San Francisco über Stuttgart bis nach Sofia. Doch die Publikationen, welche die KMB weltweit mit vergleichbaren Einrichtungen austauscht, reihen sich nicht nur in den Regalen aneinander, sondern sie stapeln sich auch auf dem Fußboden. „Wir platzen aus allen Nähten“, seufzt Purpus bei dem alltäglich gewordenen Anblick, der jedem Archivar einen Stich versetzt.
In den beiden Lesesälen im Museum Ludwig sieht es nicht viel anders aus. „Wir sind halt ein Archiv“, begründet die Kunsthistorikerin den scheinbaren Überfluss. „Wir arbeiten für die Ewigkeit.“ Ein Beispiel: Gerade eben ist das Rembrandt-Jahr zu Ende gegangen. „Für uns hat sich das vor allem durch einen beträchtlichen Zuwachs an Literatur bemerkbar gemacht.“ Mit der unvermeidlichen Folge, dass wieder umgeräumt werden muss.
Seit 50 Jahren nun ist die KMB unter ihrem heutigen Namen ein Bestandteil des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens. Purpus bezeichnet die Präsenzbibliothek, die neben den beiden Lesesälen auch über ein Verwaltungsgebäude im Kattenbug verfügt, denn auch gerne als das „intellektuelle Herz der Kölner Museen“. Besonders in den drei Spezialgebieten Moderne Kunst, Benelux und Bildleistungen der Fotografie und des Films, die allesamt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden, wird der Platzbedarf schon bald weiter steigen: Galeristen, Künstler und Institute machen dem Haus regelmäßig Angebote, ihre Bestände zu übernehmen. Allein die jüngst überreichte Arbeitsbibliothek von Irene Ludwig umfasst rund 8000 Bände.
Seit sich Kulturdezernent Georg Quander dafür stark gemacht hat, der KMB auf dem Gelände des ehemaligen Kaufhauses Kutz neben dem Wallraf-Richartz-Museum ein neues Obdach zu schaffen, herrscht bei den rund 40 Mitarbeitern zumindest die vage Hoffnung, dass sich innerhalb des nächsten Jahrzehnts etwas bewegen wird. Auch wenn die Frage noch unbeantwortet ist, wer den benötigten Raum - er wird auf 6000 Quadratmeter taxiert - finanzieren wird.
Der Tatendrang der 45 Jahre alten Bibliotheksleiterin wird bis dahin dafür bürgen, dass es der Belegschaft nicht langweilig wird. Für das kommende Jahr etwa ist die Einrichtung eines elektronischen Dokumentlieferservices geplant, mit dessen Hilfe Interessenten aus aller Welt einzelne Aufsätze in digitaler Form anfordern können. Zuvor steht bereits die Digitalisierung von 19 000 Farbaufnahmen an, die aus dem angegliederten Rheinischen Bildarchiv mit seinen 750 000 Aufnahmen stammen. Diese will man über das Internet zugänglich machen - allerdings in geringer Auflösung, um eine Einnahmequelle des Hauses nicht zu gefährden.
Darüber hinaus müssen auch in Zukunft eher kurios anmutende Aufgaben erledigt werden. So ist für die KMB einer von deutschlandweit nur zwei angestellten Negativrestauratoren tätig - er trägt dazu bei, dass auch künftige Generationen die Sammlung des Rheinischen Bildarchivs noch nutzen können. Stadtfotografen dokumentieren unterdessen Ereignisse, die für die Geschichtsschreibung Kölns wichtig sind. Wie zum Beispiel Einträge in ein Buch, das sich von Warhols Kunstband kaum mehr unterscheiden könnte: das Goldene Buch der Stadt Köln.
In der Cinemathek im Museum Ludwig findet heute (19 Uhr) ein Festakt statt, der kostenfrei zugänglich ist.
Der Band „Die Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln“ (136 Seiten, Klartext Verlag) ist für 19,90 Euro im Handel erhältlich.
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