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Die weiße Zelle und ihr Horror

Von GEORG IMDAHL, 22.03.07, 21:10h

Gregor Schneiders Düsseldorfer Ausstellung über Guantanamo und sein umstrittener Kubus in Hamburg. Der Bildhauer baut im Museum K21 den amerikanischen Gefängnistrakt auf Kuba nach.

BILDER: K 21, HAMBURGER KUNSTH
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Blick in eine Zelle im Gefängnistrakt à la Guantanamo, den Gregor Schneider in Düsseldorf nachahmt. Unten sein „Cube Hamburg 2007“ vor der Kunsthalle.
BILDER: K 21, HAMBURGER KUNSTH
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Blick in eine Zelle im Gefängnistrakt à la Guantanamo, den Gregor Schneider in Düsseldorf nachahmt. Unten sein „Cube Hamburg 2007“ vor der Kunsthalle.
Der Bildhauer baut im

Museum K 21 den amerikanischen Gefängnistrakt auf Kuba nach.

Beklemmende Räume haben Gregor Schneider zu einem der meistdiskutierten Bildhauer der mittleren Generation gemacht. Als Schneider vor zwei Jahren im Internet auf Bildmaterial der amerikanischen Knast- und Folterzellen in Guantanamo Bay stieß, erkannte er in diesen „Black Sites“ ein Thema von politischer Dringlichkeit, das ihn elektrisierte und das er zielstrebig zu seinem eigenen machte: Schwarze Räume, in denen „weiße Folter“ ausgeübt wird - Praktiken der Misshandlung, die keine physischen Spuren hinterlassen wie Schlafentzug, dröhnende Musik, Hitze, Kälte, grelles Licht, Dunkelheit, Drohungen aller Art.

Schneiders Annäherung an die einsamen Verliese auf Kuba durchschreitet man jetzt beklommen in Form einer raumgreifenden Installation im Düsseldorfer Museum K 21. Spontan fasst man diese Raumfolge zunächst einmal als originalgetreue Rekonstruktion auf. Tatsächlich vermitteln die zum Rechteck geordneten, gedrungenen, schallgedämpften Korridore mit ihren engen Einzelzellen einen Eindruck der Isolation, vage sogar des Lebensentzugs, mit dem die Inhaftierten hier über Jahre drangsaliert werden - wobei die totale Stille in Schneiders Environment das Dröhnen der Belüftungsanlagen in den Zellen von Guantanamo sogar noch ausspart. In den ersten Tagen der Ausstellung strahlt die Unberührtheit der Räume wohl zusätzliche Fremdheit aus.

Man möchte es einfach nicht wahrhaben, dass solche Arresträume zu den Arsenalen einer Demokratie zählen - ganz gleich, wie nahe ein Installationskünstler letztlich der Realität kommen mag. Das ist wohl der natürlichste und unweigerliche Reflex, den dieses Kunstwerk auslöst. In der lähmenden Ruhe bleiben dem Besucher alle Möglichkeiten, sich in die Enge einzufühlen, die kahlen Alu-Kombinationen von Toilette und Waschbecken zu begutachten wie perverse Möbelstücke, auf den Pritschen Platz zu nehmen und über den zähen Stillstand der Zeit zu sinnieren - immer natürlich im Bewusstsein, sich freiwillig in einer Museumsausstellung aufzuhalten. Nur ein leerer, in Betrieb befindlicher Kühlraum am Ende vermittelt Anflüge realen Horrors vor der Gewalt, die irgendwo auf einem exterritorialen Fleckchen dieser Welt angewendet wird.

Lässt man sich beim Rundgang aber nur ein bisschen auf das makabre Ambiente und seine Details ein - fehlende Armaturen an den Sanitäranlagen, fehlende Zellennummern, überhaupt das Fehlen von Informationen an Wänden und Türen -, so erkennt man alsbald das Modellhafte dieses Gewahrsams und dessen weitgehende Abstraktion von der Wirklichkeit. Und unweigerlich beginnt man, nicht mehr nur an die Schrecken der weißen Folter zu denken, sondern auch an die Kunst und ihre Energien, derer sich die Ausstellung verdankt.

Dies verunsichert zuerst einmal zusätzlich, obwohl es doch eigentlich nicht verwundern kann. Man denke an die Historienmalerei von Goya über Manet und Picasso bis zu Gerhard Richter: Wer würde in Anbetracht eines Bildes wie „Guernica“ oder des bleigrauen Zyklus über den Tod der RAF-Terroristen nicht auch an die großartigen Möglichkeiten der Malerei denken? Haben nicht alle diese Künstler mit ihren Werken auch die Ästhetik erweitert, indem sie sich mit Katastrophen und neuralgischen zeitgeschichtlichen Stoffen auseinandersetzten?

In Schneiders Gefängnistrakt fallen die Gedanken zum Beispiel auf die Bild-Attrappen von Thomas Demand, der makellose Skulpturen aus Papier fertigt und fotografiert und so Ereignisse in Szene setzt wie das gescheiterte Hitler-Attentat auf der Wolfsschanze, den Sturm des Leipziger Stasi-Gebäudes oder den Tod des Politikers Uwe Barschel. Oder an die verspiegelten Zellen eines Dan Graham, der schon in den 70er Jahren die Überwachung zum Thema machte.

Nicht minder stark wirkt die Irritation darüber, wie penibel, um nicht zu sagen liebevoll, Schneider sein geklontes Gefängnis in allen Einzelheiten durchgearbeitet hat. Keinerlei Lebensspuren, alles spiegelglatt und homogen gestaltet. Die hochgezüchtete und sich selbst bespiegelnde Ästhetik der hellen Kammern entwickelt in der Düsseldorfer Ausstellung ein nachgerade verstörendes Eigenleben. Dabei wandeln sich die Metaphern des Lichts und der Helle, wie sie in der Kunstpräsentation des 20. Jahrhunderts zum Allgemeingut geworden sind, direkt in ihr Gegenteil.

Die Reinheit des musealen Raums schlägt um in Unheimlichkeit, er wird zum Ausdruck des Terrors selbst, und die gerühmten Qualitäten des Museumsraums, den man in der Moderne zudem auch noch als „Weiße Zelle“ (White Cube) gepriesen hat, verwandeln sich in ein kritisches Resümee der Wahrnehmungsgepflogenheiten. So scheint sich Schneiders Installation nicht nur gegen die inhumanen Haftbedingungen zu richten, derer sich heute die führende Demokratie bedient. Sie macht auch eine formale Perfektion fraglich, indem sie diese selbst ausreizt und zelebriert.

Diese Engführung von Aspekten der modernen westlichen Kultur ist wahrhaft kaltschnäuzig. In ihr liegt der Mehrwert von Schneiders Düsseldorfer Installation. Sie bringt noch einmal unmissverständlich die Janusköpfigkeit der Moderne auf den Punkt.

K 21, Düsseldorf, bis 15. Juli. Katalog in Vorbereitung.

 www.kunstsammlung.de



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