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Wo der Bär auch Bär bleiben soll

Von THOMAS ROSER, 18.04.07, 22:24h

Außerhalb Russlands leben nirgendwo in Europa so viele Bären wie in Rumänien. 4000 bis 7000 sollen nach unterschiedlichen Schätzungen von Umwelt- und Jagdverbänden noch immer die dichten Wälder der Karpaten durchstreifen.

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Ein Braunbär
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Ein Braunbär
Zarneti - Nur für alle Fälle hat Förster Nelo die Flinte geschultert. Nein, Probleme mit den Bären habe er nie gehabt, sagt der Waidmann, während er durch sein Revier nahe der zentralrumänischen Kleinstadt Zarneti schreitet. „Siehst du, hier war er, der Bär“, weist der Rumäne auf eine noch frische Spur am Wegesrand. Mit festem Schritt erklimmt der 44-Jährige eine Anhöhe. Vom Bärenhochstand weist er auf eine 200 Meter entfernte Lichtung mit einem von ihm zuvor präparierten Baumstumpf. Bei Anbruch der Dämmerung werde sich der Allesfresser dort sein „Dessert“ holen, prophezeit er mit Flüster-stimme: „Schokoladen-Splitter, das mag der Bär am liebsten.“

In Rumänien tragen Bären keine Namen. Doch dafür können Bärenfreunde den rumänischen „Urs“ in Transsylvanien noch in seiner natürlichen Umgebung beobachten. Außerhalb Russlands leben nirgendwo in Europa so viele Bären wie in Rumänien. 4000 bis 7000 sollen nach unterschiedlichen Schätzungen von Umwelt- und Jagdverbänden noch immer die dichten Wälder der Karpaten durchstreifen. Schon zu sozialistischen Zeiten konnten Trophäen-Jäger in Rumänien gegen West-Devisen ein Tier erlegen. Doch die meisten „Bärenhäscher“ haben statt der Jagdbüchse inzwischen den Feldstecher geschultert.

Langsam senkt sich die Sonne hinter die Gipfel des Nationalparks Piatra Craiului. Doch auch nach einer Stunde Wartezeit lässt sich der versprochene Bär noch immer nicht blicken. Dafür vertreiben sich Nelo und seine drei inzwischen auf dem Hochstand eingetroffenen Förster-Kollegen die Zeit mit Jägerlatein. Als Jagdhelfer habe er in den 80er Jahren Ex-Präsident Nicolae Ceausescu bei der Bärenhatz gedient, berichtet Nelo. „Er war ein guter Schütze - und ein grässlicher Diktator.“ Im Tal hinter der Anhöhe habe Ceausescu einst den größten Karpatenbär aller Zeiten erlegt, erzählt sein bärtiger Kollege. Die unbedarfte Frage, wie denn ein so kleiner Mann im Wald einen so großen Bär habe aufstöbern können, lässt ihn schmunzeln. „Mit gutem Essen kann man selbst einen Bären in die Kirche locken“, zitiert er ein altes rumänisches Sprichwort.

„Vier Jahre, ein Jungtier“

Endlich! Endlich hat ein Bär den angerichteten Schokoladen-Segen auf der Lichtung gewittert. Eher bedächtig trottet er auf der gegenüberliegenden Seite des Baches den Bärenpfad hinab. Kurz verschwindet er hinter den Sträuchern an der Uferböschung, bevor er mit seinen mächtigen Pranken in aller Ruhe den Baumstumpf inspiziert. „Vier Jahre, ein Jungtier“, informiert Nelo die atemlos durch ihre Feldstecher lugenden Beobachter. Bald lösen sich drei weitere Tiere beim Aufstöbern der Schokolade auf der Lichtung ab. Der letzte der Jungbären nimmt plötzlich Reißaus. „Nun kommt der Chef“, weiß Nelo. „Für den stärksten Bär räumen die anderen den Platz.“

Auch wenn der Braunbär, der sich vor allem von Gräsern, Knollen, Pilzen und Beeren ernährt, auf der Weide mal ein Schaf, eine Ziege oder gar ein Kalb reißt, wird er von den Karpaten-Bewohnern selten als Gefahr, sondern eher als das bärenstarke Symbol ihrer Heimat empfunden. Verblüfft reagieren Rumäniens Medien indes auf den Medienrummel um den erlegten Braunbär Bruno oder den kleinen Zoo-Eisbär Knut im fernen Deutschland. „Bärchen Knut - eine Marke, die zehn Millionen wert ist“, titelte verwundert die Bukarester Zeitung „Adevarul“, die ihre erstaunten Leser über die Registrierung von Eisbär Knut als Marke in Berlin informierte: „Es gibt T-Shirts, Poster und Süßigkeiten mit dem Foto des kleinen Bären.“

Suche im Abfallcontainer

Er sehne sich nach den Zeiten, in denen Bären noch wild und die Menschen noch menschlich gewesen seien, sinniert im Bärenhochstand der Jüngste aus der Försterrunde. Zeitweilig schien selbst in Transsylvanien die Bärenwelt durcheinanderzugeraten. In einem am Wald gelegenen Vorort von Brasov (Kronstadt) tauchten in den vergangenen Jahren allabendlich Bären auf. Zur Freude der Anwohner machten sich oft gleich mehrere Tiere über Abfallcontainer her. Dass manche der Schaulustigen sich mit den mächtigen Waldbewohnern ablichten ließen oder sie zu füttern oder zu streicheln versuchten, verurteilten Förster als wenig artgerecht - und als gefährlich: Schließlich handele es sich um wilde Tiere. Doch seit die Container im Boden eingelassen wurden, bleiben die Bären im Wald.

Ganz sicher können sich Rumäniens Bären im Karpaten-Forst ihres Felles allerdings nicht sein. 4000 bis 6000 Euro koste je nach Größe der Abschuss eines Bären, dessen Bestand strikt kontrolliert werde, erzählt einer der Förster. Seiner Meinung nach sollte der Mensch auf die Bärenhatz jedoch verzichten: „Einen Steinbock schießt man auch nicht ab. Ein Tier wie der Bär sollte das Recht haben, in seiner Umgebung leben - und sterben zu können.“

Vielleicht sind es die wohlmeinenden Worte, die den stattlichen Petz vor dem endgültigen Einbruch der Dunkelheit nur wenige Meter vor dem Hochstand zur Begeisterung seiner Beobachter eine letzte Ehrenrunde drehen lassen. „Du hast Glück gehabt“, sagt Nelo beim Abstieg: „Die Bären haben es heute gut mit dir gemeint.“



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